Schwarzer Schnitt im roten Sand

13. Mai 2003, 17:40
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Die Kalahari zählte bisher zu den unzugänglichsten Regionen Afrikas - jetzt führt eine Fernstraße mitten durch: der Trans-Kalahari-Highway. Von Michael Obert

James Keevy hasst Teerstraßen. Zwei Finger am Lenkrad; gelangweilter Blick durch die Windschutzscheibe. "Teerstraßen riechen schlecht, wenn die Sonne sie aufweicht", knurrt der Mann unter dem zerknitterten Filzhut. Doch ganz besonders hasst Keevy diese Teerstraße durch die Kalahari.

"Bisher kam man hier nur mit Vierradantrieb durch", erzählt der auf Wildnis spezialisierte Guide missmutig, während der Mittelstreifen der Straße über die Spiegelgläser seiner Sonnenbrille huscht. Einst sei die Kalahari ein Privileg für die wenigen gewesen, die sich in die Hölle wagten. Mit derlei Romantik ist es nun vorbei. Seit kurzem führt eine zweispurige Fernstraße quer durch die größte zusammenhängende Sandfläche der Erde: der Trans-Kalahari-Highway.

In sechs Jahren Bauzeit ließ die Regierung Botswanas 600 Kilometer Asphalt in den roten Sand verlegen. Die umgerechnet 70 Millionen Euro teure Transitstraße durch den Westen des Landes verkürzt die Strecke zwischen dem industriellen Zentrum Südafrikas, der Gauteng-Provinz um Johannesburg, und der namibischen Hauptstadt Windhoek um ein Viertel auf nur noch 1500 Kilometer.

Darüber hinaus ist der Highway das letzte Puzzlestück in einer direkten West-Ost-Verbindung zwischen den beiden wichtigsten Handelshäfen in diesem Teil Afrikas: dem namibischen Walvis Bay am Atlantischen und Maputo in Mosambik am Indischen Ozean.

Auch Reisenden bietet der Trans-Kalahari-Highway neue Perspektiven. Seit die berühmte Cola-Flasche in Jamie Uys' Film "Die Götter müssen verrückt sein" vom Himmel in die Kalahari fiel, hat diese eine gewisse Berühmtheit erlangt. Die Trockensavanne mit ihren roten Sanddünen zählt zu den wildesten, naturbelassensten und bisher unzugänglichsten Regionen Afrikas. Der Trans-Kalahari-Highway ermöglicht nun eine Stippvisite. Ohne besonderen Aufwand, ohne Mühen. Und - fast - ohne Risiko. Und genau das gefällt James Keevy überhaupt nicht.

Neun Monate im Jahr führt er Touristen mit seinem Landrover in die abgelegensten Winkel der botswanischen Wildnis. Keevy ist holprige Pisten gewohnt, knietiefen Sand, schlammige Flussfurten, heimtückische Warzenschweinlöcher, die Gepäck durch das Auto segeln lassen. "Sie wollen nur den Highway bereisen?", hatte er irritiert gefragt. Dies würde sein langweiligster Auftrag werden.

Die namibisch-botswanische Grenze verschwindet im Rückspiegel, und Keevys Landrover taucht vom leicht erhöhten Randgebiet hinunter in die Kalahari. Wie ein Ozean liegt sie da - glatt gebügelt, düster, trügerisch. Ein exakter schwarzer Schnitt aus Teer durchtrennt die Ebene. Keevy sieht sich bereits tagelang auf diesem eintönigen Asphaltstreifen fahren und braucht - schon jetzt - Abwechslung.

Er legt eine Kassette in den Rekorder: Neujahrskonzert von Johann Strauß. Die einzige, die er dabei hat. Aus den Lautsprechern klingt "Freut euch des Lebens". Das Stück untermalt die eigenwillige Dramatik der Landschaft: Mit den Pauken wirbeln Staubsäulen über sonnenverbranntes Savannengras. Eine Straußenfamilie tänzelt zu Klarinetten über rote Sanddünen. Ohrengeier treiben im stahlblauen Himmel, getragen von den sphärischen Klängen der Streicher.

"Ohne den Regenzauber stirbt das Land",

... murmelt Kashe Thamko. Es ist Mittag. Ghanzi, die erste botswanische Stadt am Trans-Kalahari-Highway, schwimmt im Hitzeflimmern. Der zierliche, gelbhäutige Thamko sitzt vor seiner Wellblechhütte, trinkt Chibuku-Bier und wartet auf den Schlaf. "Der Regenzauber", stammelt er, "hat keine Kraft mehr."

Kashe Thamko ist Buschmann. Seit über 12.000 Jahren durchstreift sein Volk als Jäger und Sammler dieses Land. In besseren Zeiten verhieß ihnen der Regenzauber saftiges Gras. Dieses zog das Wild in großen Herden an und verströmte den "Geruch des Lebens", jenen Duft, den die Heiler in ihren Trancetänzen aufsogen, um mit Hilfe seiner übernatürlichen Kräfte Krankheiten zu kurieren. Doch das war gestern.

Die "Krankheit", an der die Buschleute heute leiden, scheint unheilbar. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie von nomadisierenden Viehzüchtern und europäischen Siedlern verdrängt. Ein Teil der Buschleute zog sich in das Central Kalahari Game Reserve zurück, eine ihrer letzten Rettungsinseln. "Heute haben wir nichts mehr", sagt Kashe Thamko und durchsetzt die Worte mit den für die Khoisan-Sprache typischen Klick- und Schnalzlauten.

Ein Arzt aus Ghanzi übersetzt: Noch vor kurzem habe auch Thamko mit seiner Familie im Central Kalahari Game Reserve gelebt. Die botswanische Regierung habe ihm ein wenig Geld für seinen "freiwilligen Abzug" gegeben. "Wir nahmen es und haben unsere Ahnen verlassen", sagt Thamko.

Die botswanische Regierung begründete ihre umstrittenen Umsiedlungsaktionen von Buschleuten aus dem 52.000 Quadratkilometer großen Nationalpark zunächst mit Interessen der Tourismusindustrie. Mittlerweile gilt es jedoch als offenes Geheimnis, dass in dem Gebiet große Diamantenvorkommen vermutet werden. Etwa 60.000 Buschleute sollen heute noch in Botswana, Namibia, Angola und Südafrika leben, meist in elenden Hüttensiedlungen oder als schlecht bezahlte Hilfskräfte auf Farmen. Die Regierung Botswanas befürchtete wohl, die Buschleute könnten im Central Kalahari Game Reserve - ähnlich wie die Ureinwohner in Australien oder Nordamerika - Landrechte einklagen.

Im Distrikt von Ghanzi knickt der Trans-Kalahari-Highway nach Süden ab. Wiener Blut! Johann Strauß läuft seit Stunden auto reverse. James Keevy starrt unter seinem Buschhut auf die Straße. Gegenverkehr ist sehr selten. Doch jetzt ist ein kleiner Punkt aufgetaucht, wo die Hitze die Straße überflutet. Wie ein Amphibienfahrzeug rollt der Lastwagen aus dem "Wasser" auf den Asphalt. Die Lichthupe, ein paar winkende Hände - vorbei.

In der Kalahari haben Begegnungen etwas von Halluzinationen.

"Viehlaster", murrt Keevy. Der Gegenwind hat ihm den Hut vom Kopf geblasen. "Bevor der Highway gebaut wurde, mussten die Farmer ihre Rinder Hunderte von Kilometern nach Lobatse treiben." Erst in dieser Grenzstadt zu Südafrika habe man das Vieh auf Lastwagen verladen können. Das sei beschwerlich und umständlich gewesen - und teuer.

Doch so habe sich im Westen Botswanas auch ein Gleichgewicht zwischen Vieh-und Wildbeständen eingependelt. "Jetzt wird die Kalahari Beef-Country", meint Keevy und deutet mit dem Daumen aus dem Fenster auf eine weidende Rinderherde. Auf dem Highway ist der Viehtransport kein Problem mehr. Die Kosten für die Farmer sinken. Ihre Profite steigen. Die Durchschnittsgröße einer Farm liegt hier bei rund 70.000 Hektar. Platz genug also für mehr Simmentaler-, Brahmanen- und Afrikanderrinder. Naturschutzorganisationen warnen bereits, dass die Viehbestände entlang des Highways stark zunehmen - zulasten der Lebensräume für Wildtiere.

Auf halber Strecke des Highways liegt Kang. Bevor die Straße gebaut wurde, war die Siedlung ein schwer erreichbarer Ort in der Kalahari. Hier leben hauptsächlich Tswana und Buschleute. Rote Sandwege, Umfriedungen aus sonnengebleichten Baumstämmen, strohgedeckte Lehmhütten, Korrale aus Buschwerk. So muss es in diesem Teil Afrikas schon vor Jahrhunderten ausgesehen haben. Doch nun ändern sich die Zeiten auch in Kang.

"Die neue Straße ist ein Segen", erklärt Dorflehrer Ernest Phori auf Englisch. "Wir bauen unsere Häuser jetzt aus Stein und Beton." Phori zeigt stolz auf sein eigenes neues Heim. Daneben zerfällt die traditionelle Rundhütte. Auf den Sandpisten war es früher schwierig, die modernen Baumaterialien nach Kang zu transportieren. Doch der Wandel geht tiefer.

Seit Phori in seinem neuen Haus wohnt, versteht er sich mit seinen Nachbarn nicht mehr so gut. Beton, Ziegel und Glasfenster sind teuer. Wer sich das Material nicht leisten kann, wohnt weiterhin in seiner Lehmhütte. Das Gemeinschaftsgefühl bröckelt. Phori zieht sich stumm am rechten Ohrläppchen. Die Pantomime will sagen: "Die Nachbarn sind neidisch."

Vom "Boom in Kang", den Dorflehrer Phori beschwört, kann bisher allerdings kaum die Rede sein. Das Geschäft mit dem Transit macht die Tankstelle eines multinationalen Konzerns. Und die liegt direkt am Highway, der mehrere Kilometer weit an Kang vorbeiführt. Die Reisenden decken ihren Bedarf dort. Ein Schicksal, das viele Siedlungen entlang der Fernstraße teilen.

Zwei Stunden östlich von Kang, bei Jwaneng, belebt sich der Trans-Kalahari-Highway. Diese Region liegt im ersten Bauabschnitt und hatte somit die meiste Zeit, sich auf die Straße einzustellen. Rundhütten sucht man hier vergeblich. Statt Straußenfamilien jagen Gabelstapler umher. Und den Regenzauber der Buschleute vermisst niemand mehr. Fast geräuschlos gleitet der Landrover über den Asphalt. Der Rekorder spielt "An der schönen blauen Donau". "Ich liebe die Kalahari", sagt James Keevy gedankenverloren. "Auch wenn sie nie mehr so sein wird wie zuvor." (DER STANDARD, rondo/09/05/2003)

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Fax 0049 / 6101-49 90 29

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    foto: obert
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