Am Schablonenrand

20. Jänner 2011, 18:46
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Die US-Band My Jerusalem gastiert am Montag erstmals in Österreich. Ein Empfehlung trotz Vorbehalten allgemeiner Art

Wien - Vorne brüllt sich Jeff Klein das Beuschl raus, hinten bewahren traurige Bläser und getragene Streicher die Contenance, als Pufferzone dient eine fette Orgel. Die US-amerikanische Band My Jerusalem aus New Orleans - Hey! Drei Ortsangaben in einem Satz! - ist eine der wenigen neuen Bands im US-Indie-Zirkus, bei der einem nicht sofort das Gesicht einschläft.

Das Signum Indie ist ja längst zum Stigma geworden. Ein Synonym für hängeschultrige Schnarchnasen-Musik, die dröge und austauschbar zwischen gekränktem Geschramme, politisch korrektem Country und weinerlicher Wut torkelt. Ein Genre, in dem Conor Oberst feuchte Träume verursacht.

Eine Art Super-Group

My Jerusalem ist so eine Art Super-Group des Fachs. Zumindest spielen die meisten Mitglieder bei Formationen, die der Indie-Connaisseur wohlwollend abnickt: The Twilight Singer, Polyphonic Spree, Bishop Allen oder Great Northern. Gitarrist Dave Rosser war zuletzt der Begleiter der etwas sehr kargen Soloshows von Mark Lanegan.

Das schon etwas fortgeschrittene Alter bei My Jerusalem verhindert immerhin die übliche Schablonenmusik. Vielleicht liegt es auch an New Orleans, einem Ort, an dem die Fadesse trotz aller Schicksalsschläge ein eher hartes Leben hat. Andererseits variieren My Jerusalem natürlich auch nur, was man schon kennt.

Das bedeutet, dass diese Musik prinzipiell jedem gefallen dürfte, der bei Arcade Fire, The National oder Iron and Wine nicht gleich Fersengeld gibt.

Im Vorjahr ist das Debüt der Band erschienen, das hübsche Gone For Good (Vertrieb: Hoanzl). Kommenden Montag spielt die fünfköpfige Band erstmals in Österreich, im Wiener Chelsea.

Ja, da wird man hinmüssen, trotz allem. Man bleibt ja leider anfällig dafür. Verdammt. (Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2011)

My Jerusalem live: 24. 1., Chelsea, 8., ,Lerchenfelder Gürtel, Bögen 29-32. 21.00

  • Indie muss nicht immer gleich ins Wachkoma führen: My Jerusalem aus New 
Orleans.
    foto: hoanzl

    Indie muss nicht immer gleich ins Wachkoma führen: My Jerusalem aus New Orleans.

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