Den moralischen Zeigefinger im Anschlag

20. Jänner 2011, 18:37
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Europäische Erstaufführung von Paul Schraders "Der Cleopatra Club" im Stadttheater Walfischgasse

 

Wien - Im Kampf der Kulturen sind die Fronten verhärtet. Wenn Wertvorstellungen als absolute Wahrheiten daherkommen, wird es mit gegenseitigem Verständnis kompliziert. In dem Theaterstück Der Cleopatra Club, das Paul Schrader schon 1995 geschrieben hat, behandelt er diese Nichtkommunikation zwischen vermeintlich grundverschiedenen kulturellen Systemen.

Nach jahrelanger Funkstille treffen einander bei einem Filmfestival in Kairo der Regisseur Thomas Bing (Thomas Anzenhofer) und der abgehalfterte Filmkritiker außer Dienst Mark Saperstein (Bernd Jeschek).

Dass ein Film über die Liebe zwischen einem Palästinenser und einer israelischen Jüdin von der Festivalteilnahme ausgeschlossen wurde, empört Thomas. Er will bei einer Pressekonferenz einen von bedeutenden Filmleuten unterzeichneten Protestaufruf verlesen. Zögerlich ringt sich auch der Juryvorsitzende Mark zur Unterschrift durch. Und nun interessiert sich der ägyptische Geheimdienst für die beiden.

Faris Endris Rahoma überzeugt als Oberst Ziadeh, der die beiden Amerikaner und ihre Dolmetscherin Ismet (Amira El Sayed) an den Rand der Verzweiflung treibt.

Vordergründig erzählt das Stück von aufeinanderprallenden Wertewelten und dem allzu schnell erhobenen moralischen Zeigefinger. Es geht auch um die desolaten Existenzen zweier Mittsechziger: Mark Saperstein ist ein ausgezehrter Schnorrer mit Demenzerscheinungen. Bernd Jeschek spielt ihn traurig, clownesk. Thomas Bing ist nach außen hin eitel und selbstgerecht. Doch er leidet darunter, dass seine ernsthaften Filme kaum wahrgenommen werden. Rupert Henning inszeniert, wie es der Text nahelegt: unaufgeregt und mit Fokus auf die Komik der pointierten Dialoge.

Lang anhaltender Applaus fürs Ensemble und den eigens angereisten Paul Schrader. (Benjamin Koffu/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2011)

Zur Nachlese:
"Obama hat den Rassismus noch vergrößert"
US-Regisseur Paul Schrader im Interview

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    Zwei desolate Existenzen beim Geheimdienstverhör: Faris Endris Rahoma, Thomas Bing, Amira El Sayed und Bernd Jeschek (von links)

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