Oh Kreisky!

20. Jänner 2011, 18:29
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Österreichs Zukunft, in die zu blicken diese Koalition riskiert, reicht nicht viel weiter als bis zur nächsten Ministerratssitzung

Und im Jänner 2012, wenn die Wahlen wieder ein Stück näher gerückt sind, werden der Kanzler und sein Vize ihren endgültigen Neustart in mutige Reformen in Form eines rituellen Fruchtbarkeitstanzes vor einer ob so viel Gemeinsamkeit erschütterten Blüte der Nation abfeiern. Aber dann - hallo! Wer vom heurigen Triumph der Banalität in Zeiten ihrer regierungsamtlichen Reproduzierbarkeit noch ein wenig enttäuscht war, sollte bedenken, dass es sich um eine Balzpremiere gehandelt hat, deren Aufgabe es nicht nur war, dem originellen Gedanken zum Durchbruch zu verhelfen, dass eine Koalition irgendetwas mit Gemeinsamkeit zu tun habe, sondern auch klarzustellen, wem nach einigen Rückschlägen im Gerangel um die Peitsche - bei aller Gemeinsamkeit - die Rolle des Dominus zusteht: Werner Faymann, irgendwie neu!

Jeder Gutwillige wird dieser Nabelschau zwecks Vermeidung eines koalitionären Nabelbruchs den angepeilten Erfolg wünschen. Was dennoch befremdet, ist die intellektuelle Taktlosigkeit, just in den Tagen, in denen das Land des hundertsten Geburtstages von Bruno Kreisky gedenkt und ihn als - zugegeben, derzeit unerreichbares - Vorbild eines groß denkenden und handelnden Politikers preist, sich nicht einmal ansatzweise die Mühe zu machen, diesem Vorbild in bescheidenen Ansätzen zu folgen. Die Selbstgenügsamkeit einer Koalition wird bedenklich, wenn sie aus Anlass eines Jahreswechsels anderthalbtausend Opinion Leaders zu einem Staatsakt zusammentrommelt, nur um sie mit dem Versprechen von Reformen zu trösten, die sie entweder längst hätte erledigen sollen oder deren Gegenteil sie bis vor kurzem noch für in Stein gemeißelt hielt. Österreichs Zukunft, in die zu blicken diese Koalition riskiert, reicht nicht viel weiter als bis zur nächsten Ministerratssitzung, und wozu im neuen Jahr einen Blick nach Europa oder gar darüber hinaus zu werfen, wenn man Handlungsfähigkeit auch demonstrieren kann, indem man sich vor Publikum die koalitionäre Kuscheldecke über den Kopf zieht?

Gegen Würmer gibt es Medikamente. Leider nicht gegen Satzwürmer, wie sie sich durch die Hofburg wanden. "Wichtiger als die Reden, die heute gehalten werden, sind die Gespräche, die wir danach miteinander führen werden", war da zu hören. Ja, warum erspart man uns dann nicht die angeblich 90.000 Euro teuren Reden, und führt gleich die wichtigen, in den Gehältern inbegriffenen Gespräche? Oder: "Wir brauchen einen Saal voller Menschen wie Sie, die sagen, wir gehen es an." Warum braucht eine Koalition plötzlich einen Saal voller Menschen, damit sie "es angeht"? Und funktioniert dieses Gelöbnis nur bei "Menschen wie Sie" oder auch bei gewöhnlichen Wählerinnen und Wählern, die schon vor gut zwei Jahren an den Urnen zu verstehen gaben, die Koalition möge es - endlich - angehen?

Hätte Bruno Kreisky erst eines kategorischen Imperativs von "Menschen wie Sie" bedurft, um "es" anzugehen, würde man seiner in diesen Wochen kaum so groß gedenken. Aber die Menschen sind halt verschieden, und man soll nicht mutwillig vergleichen. Es ist ja nur wegen dieser lästigen Nostalgie.(Günter Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2011)

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