"Für Österreich ein großer Schritt"

20. Jänner 2011, 18:20
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Warum die Novelle ein "Auslöser" sei, neue Realitäten schaffe und es keiner Verwaltungsstrafen für Firmen bedürfe, erklärt Deloitte-Partnerin Gundi Wentner im Gespräch mit Karin Bauer

Standard: Bringt diese Novelle etwas?
Wentner: Ja, sie verbessert die Einkommenstransparenz, die ja der Hauptgrund dafür ist, dass wir im EU-Ranking zur Gleichbehandlung auf dem vorletzten Platz rangieren. Wir werden aufrücken.

Standard: Fehlen nicht unmittelbare Sanktionen für Firmen, die keine internen Gehaltschecks machen?
Wentner: Ich glaube, man braucht da gar keine Verwaltungsstrafen. Es wird sich kein großes Unternehmen leisten können, die internen Gehaltsstrukturen nicht genau anzusehen und darüber zu berichten. Wer will als nicht gesetzeskonform gelten? Es geht um die Reputation der Unternehmen. Informelle Transparenz ist über Social Networks teilweise ja schon gegeben, jetzt kommt die formale Transparenz - das ist der Zug der Zeit. Deloitte hat unter 1000 Mitarbeiter - wir erstellen selbstverständlich einen solchen Bericht.

Standard: Ist damit ein Tabu zum Scham-Thema Geld gebrochen?
Wentner: Bei uns ist Vielverdienen schnell in der Neid- respektive Wertediskussion, da gibt es viele Mythen. Bei einer Intransparenz, so wie wir sie bis jetzt haben, lässt sich nicht einmal eine Wertediskussion führen. Das wird sich jetzt ändern.
Derzeit haben wir ja auch eine Geschlechterungerechtigkeit im System eingebaut: Typisch männliche Tätigkeiten sind in Gehaltssystemen höher eingestuft als typisch weibliche - ein Beispiel ist etwa der besser bezahlte Haustechniker versus den schlechter bezahlten Call-Center-Mitarbeiter. Alles, was auf Basis konkreter Zahlen diskutiert werden kann, wird gut sein für den Diskurs. Gleichzeitig ist man aber in vielen Unternehmen felsenfest davon überzeugt, dass Frauen und Männer gleich entlohnt werden.

Standard: Die vorgesehenen 360 Euro Strafe für Mitarbeiter, die über interne Gehaltsstrukturen reden - ist das in diesem Zusammenhang gut?
Wentner: Es ist natürlich nicht gut. Ich bin schon gespannt, was passiert, wenn in Internetforen über die Berichte von verschiedensten Leuten diskutiert wird ...

Standard: Wird mehr Transparenz in der Folge mehr Frauen in höhere Positionen bringen?
Wentner: Das glaube ich so nicht, das ist aber auch nicht Ziel des Gesetzes. Hier geht es um Transparenz. Zu höherem Frauenanteil in Führungspositionen kennen Sie meine Haltung: Quoten wirken, auch wenn sie kein elegantes Mittel sind.

Standard: Ihre Gesamtbeurteilung der Novelle fällt sehr positiv aus.
Wentner: Für österreichische Verhältnisse ist das ein großer Schritt. Es ist ein Auslöser, es schafft eine andere Realität. Es löst unmittelbaren Handlungsbedarf auch akut bei kleineren Unternehmen aus - sie müssen nun klar darüber nachdenken, was sie 2013, 2014 auf den Tisch legen. Wir bei Deloitte überlegen, in unsere Stellenausschreibungen gleich die konkrete Gehaltsbandbreite - wie etwa in Großbritannien üblich - hineinzuschreiben. Wir werden jetzt auch unsere Kunden fragen, ob sie das auch möchten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.1.2011)


Gundi Wentner ist Partnerin bei Deloitte, sie berät seit fast 20 Jahren Unternehmen in Managementfragen und Fragen der Besetzung von Führungskräften.

  • Die Sorge um den guten Ruf werde Unternehmen gesetzestreu zu Einkommensberichten bewegen, ist Gundi Wentner überzeugt.
    foto: standard/regine hendrich

    Die Sorge um den guten Ruf werde Unternehmen gesetzestreu zu Einkommensberichten bewegen, ist Gundi Wentner überzeugt.

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