Tunesische Online-Revolution: Videos elektrisierten die Massen

20. Jänner 2011, 14:23
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Videos von Polizeigewalt und Enthüllungen von WikiLeaks haben viele Tunesier bewegt, auf die Straße zu gehen

Samiras Zeigefinger gleitet flink über das Tastfeld ihres Laptops. "TN2010" heißt der Dateiordner, den sie in den vergangenen Wochen nächtelang aufgefüllt hat. Eine Datei nach der anderen zieht sie in das Filmprogramm hinüber, um ihre Ausbeute zu zeigen: Hunderte von Videos hat sie auf ihrer Festplatte gespeichert. Es sind schon jetzt historische Dokumente. Sie zeigen die tunesische Revolution in all ihren Facetten, von kreativ-humorvoller Regimekritik bis zu Aufnahmen von entstellten Opfern. "Ich habe oft gedacht, das kann nicht mein Land sein", sagt die junge Tunesierin.

"Es hat uns einfach mitgerissen, irgendwann konnten wir nicht mehr aufhören"

Die 33 Jahre alte Samira (Name geändert) ist zu einem Rädchen in der Revolution geworden, die innerhalb weniger Wochen einen seit mehr als zwei Jahrzehnten herrschenden Diktator hinweggefegt hat. Wie eine Revoluzzerin sieht sie nicht aus: eine schlanke, elegante Frau mit langen braunen Haaren, engen Jeans in Stiefeln, gepflegten Hände, leuchtenden Augen. "Es hat uns einfach mitgerissen, irgendwann konnten wir nicht mehr aufhören", erinnert sie sich.

Auch ihre Lebensumstände sind nicht gerade ein Nährboden für Aufständische. Ihre Familie zählt zur oberen Mittelschicht, sie wohnt noch bei ihren Eltern, in einem hübschen weißen Haus mit Sicherheitskamera an der Tür und Dutzenden von Kakteen und in Tontöpfen auf den Stufen zur Eingangstür. Im Wohnzimmerregal stehen Klassiker mit Goldschrift und Kunsthandwerk.

Wie wurde aus der sorglosen, gut verdienenden Marketing-Expertin plötzlich eine politische Aktivistin, die jede Nacht online blieb? "Am Anfang war uns gar nicht klar, was sich da eigentlich tat", erzählt sie. Zunächst war es ein Katz-und-Maus-Spiel mit der allmächtigen Zensurbehörde. "Ammar 404" hatten Tunesier die Behörde getauft, eine Anspielung auf den "Fehler 404", den Windows anzeigt, wenn eine Website gesperrt ist.

Ein frustrierter Obsthändler mit Hochschulabschluss hatte sich Mitte Dezember in Sidi Bouzid in Brand gesetzt, es kam zu ersten Demonstrationen, Leute hielten ihre Videokameras drauf und stellten die Videos ins Internet. "Ein paar Sekunden später waren sie gelöscht. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Ich habe versucht, sie vorher herunterzuladen und auf anderen Websites zu veröffentlichen", erklärt sie. Software dafür gebe es im Internet, etwa den Video DownloadHelper, photomaniak oder humyo, virtuelle Datenspeicher. "Früher hatte ich auch keine Ahnung davon", sagt sie und lacht.

Meinungsfreiheit

Jahrelang hatten Tunesier unter der mangelnden Meinungsfreiheit gelitten - und sich zugleich mit ihr arrangiert, denn wirtschaftlich ging es ihnen im Vergleich zu den Nachbarländern durchaus gut. Frauen hatten in Tunesien immer schon mehr Freiheiten als anderswo in der arabischen Welt, konnten sich anziehen, wie sie wollten, auf der Straße rauchen und laut lachen, ohne schief angesehen zu werden. Das Leben war recht komfortabel - so lange man auf Kritik am kleptokratischen Regime von Zine el Abidine Ben Ali verzichtete.

"Zinou" oder "tonton" (Onkel) wurde er genannt, denn seinen Namen sprach man besser nicht aus. Seine Frau wurde "die Friseuse" genannt, oder einfach "sie". "Wir haben nur mit guten Freunden darüber geredet, und dann immer im Flüsterton", sagt Samira. "Meine Mutter hat uns verrückt gemacht, sie fürchtete immer, der Geheimdienst lasse Autos mit Mikros durch die Straßen fahren."

Gegen Ende Dezember wurden es mehr und mehr Videos, und sie wurden immer grausamer. Da sind Polizisten zu sehen, die auf Demonstranten feuern. Andere halten ihre Kamera direkt auf die Opfer, die Schusswunden in der Brust, am Bauch, am Hals. "Sie haben auf den Oberkörper geschossen, sie wollten töten", sagte Samira. Tränengaswolken, Blutlachen, Trümmer auf den Straßen, schwarzer Rauch am Himmel. "Ich wollte nicht glauben, dass dies Tunis war. Es sah eher aus wie Bagdad."

Eine Datei trägt den Titel "la pire" (die Schlimmste). Mit einem Fingertippen öffnet Samira sie. Verwackelte Bilder einer Handykamera zeigen die Notaufnahme eines Krankenhauses in Kasserine. Verzweifelte Frauen mit Kopftüchern sind zu sehen, die die Hände vors Gesicht schlagen. Ein junger Mann liegt auf einer Trage, eine Blutlache rinnt aus der Schusswunde am Bauch. Ärzte versuchen, einen Patienten mit einer Herzmassage wiederzubeleben.

Bei den letzten Sekunden des Videos hält auch Samira sich die Hand vor den Mund: Es ist eine Kopfwunde zu sehen, aus der rosafarbene Gehirnmasse heraustritt. "Dieses Video hat die Menschen elektrisiert", sagt sie mit feuchten Augen. In Kasserine, ein Ort mit römischen Ruinen im Nordwesten des Landes, wurden bei den Demonstrationen mindestens 20 Menschen getötet.

Samiras Eltern wussten Bescheid, was ihre wohlbehütete Tochter nachts tat. "Mir war klar, dass ich ein Risiko eingehe. Ich habe ihnen gesagt, wenn ich mal nicht nach Hause komme, wisst Ihr, wo ich bin." Regimekritiker waren schon für geringere Vergehen verhaftet und gefoltert worden. Vor allem ihr Vater hatte große Angst um sie. Ihre Mutter habe ihr jedoch zugeflüstert: "Ich würde es am liebsten genau so machen wie du."

Als die Demonstrationen Tunis erreichten, verbrachten viele junge Menschen die Tage auf der Straße und die Nächte vor dem Bildschirm. Über Facebook und Twitter tauschten sie Informationen, Warnungen, Durchhalteparolen aus. Von den staatlichen Medien war ohnehin nichts zu erwarten. An einem Tag mit mehreren Toten war der Aufmacher in den Fernsehnachrichten die Verbreitung von Diabetes im Land.

Hilfe für die ständig wachsende Schar der Online-Revolutionäre kam auch von außen, etwa vom Kollektiv Anonymous. Die Gruppe hatte sich als Scientology-Gegner einen Namen gemacht und eine Methode entwickelt, Websites durch massenweise Serveranfragen lahmzulegen. Sie geriet kürzlich in die Schlagzeilen, weil sie die Website von Visa und Mastercard angriff, um WikiLeaks zu unterstützen. Anonymous schickte ganze "Carepakete" per mail. Sie enthielten unter anderem Anleitungen, wie man anonymen Zugang zum Internet bekommen kann und sich vor Tränengas schützt sowie Auszüge aus den WikiLeaks-Depeschen.

Neben den Videos, die die Demonstrationen und Gewaltexzesse von Ben Alis Schergen zeigten, haben auch die von WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen viele Tunesier auf die Straße getrieben. Natürlich war die Website in Tunesien gesperrt, aber die Zensurbehörde "Ammar 404" konnte es nicht verhindern, dass der Inhalt der Diplomatenpost sich per mail oder andere Websites rasend schnell verbreitete. Die US-Zeitschrift "Foreign Policy" wähnte in Tunesien sogar schon die erste "WikiLeaks-Revolution".

Vielen bereitete es Genugtuung, nachzulesen, wie US-Diplomaten über den habgierigen Trabelsi-Clan von Ben Alis Frau Leila herzogen, der seit Jahren das Land im Würgegriff hatte. Die Szenen aus der Villa des Schwiegersohns Sharek El Materi, der sich in Hammamet einen Tiger hielt, erinnern an spätrömische Dekadenz.

Schließlich kam der berühmte Freitag, der 14. Jänner, an dem Tausende vor dem Innenministerium mit den Händen in der Luft wedelten und "Ben Ali, verschwinde!" brüllten. Früher hatten viele Tunesier unwillkürlich geflüstert, wenn sie an der Zentrale des Überwachungsstaats vorbeigingen. "Und dann standen wir da plötzlich alle gemeinsam, Junge, Alte, Reiche, Arme, und brüllten uns die Kehle aus dem Hals. Das war unglaublich", erzählt Samira mit bewegter Stimme. Gleich hat sie das passende Video parat, das die eindrucksvolle, furchtlose Menschenmenge zeigt.

Kaum einer hatte geahnt, dass sich der langjährige Diktator so schnell aus dem Land jagen lassen würde. Vielleicht hatte er die tiefere Wahrheit eines Spruchbandes erkannt, das während der Demonstration über den Köpfen schwebte: "Game over".

Verschwunden

Obwohl "Zinou" und die raffgierige Leila ins saudische Exil verschwunden sind - und angeblich eine gute Tonne Goldbarren mitgenommen haben, haben Samira und die anderen Online-Revolutionäre in ihrem Eifer nicht nachgelassen. Jetzt geht es darum, sich den Sieg nicht stehlen zu lassen und zu verhindern, dass alte Apparatschiks oder neue Kleptomanen die Macht an sich reißen.

Aber vorerst überwiegt die Begeisterung für das, was sie alle miteinander erreicht haben. Viele Tunesier wechselten ihr Profilfoto auf Facebook gegen eine tunesische Flagge aus, vor der sich Menschen die Hände reichen. Es bilden sich immer neue Diskussionsforen, in denen engagiert über die politische Zukunft des Landes debattiert wird. Der 33 Jahre alte Blogger Slim Amamou, der vor kurzem noch in Haft saß, wurde zum Staatssekretär für Jugend und Sport ernannt.

Samira ist plötzlich stolz, Tunesierin zu sein. "Es ist ein ganz neues Gefühl für mich. Wir hatten immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass wir uns mit der Situation in unserem Land arrangiert hatten", meint sie. "Wir waren letztlich alle manipuliert." Das habe sich gründlich geändert. "Wir haben uns unsere Identität und unsere Würde zurückerobert." Eine neue Solidarität mache sich bemerkbar: Es organisieren sich Bürgerwehren, um die Wohnviertel vor Plünderern zu schützen, Freiwillige räumen Müll und Schutt von den Straßen - auch davon hat Samira schon Videos gesammelt.

Und vor allem blitzt der tunesische Humor wieder auf. Einer der Sprüche, die sich auf Facebook verbreiten und über den Samira herzlich gelacht hat: "Ben Ali wollte 2014 die Macht abgeben. Wir haben ihm gesagt, er solle es am 14. (Jänner) tun." (von Ulrike Koltermann APA/dpa)

 

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