"Talibanisierung" traumatisiert Frauen in Pakistan

20. Jänner 2011, 14:44
3 Postings

Sexueller und mentaler Gesundheit wird oft keine Bedeutung beigemessen und Zugang zu Bildung erschwert: Expertinnen sehen Ausweg in internationaler Hilfe auf lokaler Ebene

Wien - Frauen und deren Situation in Pakistan sind am Donnerstag in Wien im Rahmen einer Pressekonferenz des internationalen Netzwerkes SAVE (Sisters Against Violent Extremism) zum Thema "Die Auswirkungen von Talibanisierung und Radikalismus auf reproduktive Gesundheit in Pakistan" diskutiert worden. Die "ständigen Tumulte und Terroranschläge" erzeugten ein "Gefühl der Unsicherheit und konstanten Angst", das sich negativ auf die - vor allem mentale - Gesundheit der Menschen auswirke, waren sich die zwei pakistanischen Rednerinnen sicher.

Die westliche Bevölkerung ignoriere die psychischen Folgen der prekären politischen Situation in Pakistan oft, so Mossarat Qadeem, Geschäftsführerin von Paiman Trust, einer Organisation zur Stärkung lokaler Communities. Qadeem arbeitet gemeinsam mit Shabana Fayyaz, Professorin an der Quaid-i-Azam Universität in Islamabad, für die Stärkung der Anliegen von Frauen, vor allem in den ländlichen Regionen sowie in den Stammesgebieten unter Bundesverwaltung, über die Islamabad allerdings keine volle Kontrolle hat.

Depressive Frauen

"Stellen Sie sich vor, man hört zehnmal am Tag die Sirenen heulen. Mit welchem Gefühl geht man dann durch das Leben?", fragte Fayyaz mit Tränen in den Augen. Die ständigen Konflikte und die daraus resultierenden negativen Lebensumstände führten bei vielen ihrer StudentInnen zu Depressionen. Diesen Frauen und zukünftigen Müttern legt Fayyaz deshalb nahe, psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen. Die Arbeit auf lokaler Ebene sei essenziell, man benötige dafür aber auch die Hilfe von internationalen Organisationen, so Fayyaz.

Der sexuellen, reproduktiven und mentalen Gesundheit von Frauen werde in der traditionell geprägten Gesellschaft Pakistans oft keine Bedeutung beigemessen, obwohl dies eine "wichtige Säule für eine stabile Gesellschaft" darstelle, erklärte Qadeem. Bewusstseinsbildung und Öffentlichkeitsarbeit für diese Themen halten beide Frauen daher für unerlässlich.

Massiv eingeschränkt

Durch die "Talibanisierung" bestimmter Regionen Pakistans würden Frauen aber nicht nur auf medizinischer Ebene benachteiligt, sondern auch ihren Zugang zu Bildung und ihre generelle Bewegungsfreiheit sehen Fayyaz und Qadeem massiv eingeschränkt. Unter den zahlreichen Problemen des Landes wie das schwache Bildungssystem, die hohe Arbeitslosigkeit und die schwankende Wirtschaft litten insbesondere auch Jugendliche. Ihre Anfälligkeit für Radikalisierung durch Terroristen sei daher um ein Vielfaches größer.

Durch den prognostizierten massiven Anstieg der Bevölkerung von heute 185 Millionen Menschen auf 335 Millionen bis 2050 wird laut "Frauen ohne Grenzen" eine Ausweitung der Probleme befürchtet. Familienplanung und Bewusstsein für reproduktive Gesundheit sind daher entscheidend. Der Begriff reproduktive Gesundheit umfasst nicht nur mögliche Krankheiten oder Beschwerden der menschlichen Fortpflanzungsorgane, sondern auch den Zustand des vollständigen seelischen, körperlichen und sozialen Wohlbefindens im Hinblick auf Sexualität und Fortpflanzung sowie die freie Entscheidung darüber, ob, wann und wie oft man von der Fähigkeit zur Fortpflanzung Gebrauch machen will.

Erste Anti-Terror-Plattform für Frauen

SAVE wurde von der Organisation "Frauen ohne Grenzen", die eng mit der Österreichischen Stiftung für Weltbevölkerung und Internationale Zusammenarbeit zusammenarbeitet, im Dezember 2008 gegründet. Es ist damit die weltweit erste Anti-Terror-Plattform für Frauen. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Stellen Sie sich vor, man hört zehnmal am Tag die Sirenen heulen. Mit welchem Gefühl geht man dann durch das Leben?"

Share if you care.