"Es ist zu einfach, Schüler abzuschieben"

20. Jänner 2011, 10:03
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Statt Schüler auszusieben, müsste man damit beginnen, sie zu fördern, sagt Günter Froneberg, Lehrer am BG Wasagasse

Vieles könnte schon durch eine Ganztagsschule verbessert werden.

Standard: Was halten Sie generell von der Gesamtschule?

Froneberg: Ich sehe viele Argumente dafür aber auch einige dagegen. Denn ich stelle es mir schwer vor, Hauptschule und Gymnasium auf einen Nenner zu bringen. In einem vernünftigen Umfeld und unter guten Arbeitsbedingungen wäre die Gesamtschule aber ein guter Ansatz.

Standard: Denken Sie, unsere Pisa-Ergebnisse würden sich durch eine Gesamtschule verbessern?

Froneberg: Wenn man sich die Pisa-Studie anschaut, gibt es kein Ergebnis für oder gegen die Gesamtschule. Südkorea ist mit seinem brutalen System am zweiten Platz, während Finnland mit der Gesamtschule den ersten Platz innehat. Wie gut ein Land abschneidet, hängt von den Lehrern und der Einstellung der Gesellschaft zum Thema Bildung ab.

Standard: Wie beurteilen Sie es, die Hauptschule durch den Titel "Neue Mittelschule" aufzuwerten?

Froneberg: Es bringt nichts, einfach die Tafel, die draußen vor der Schultür hängt, zu ändern. Entscheidend ist zu investieren. Wir brauchen ordentliche Ganztagsschulen. Viele Kinder, vor allem in Hauptschulen, werden daheim nicht beim Lernen unterstützt. Die Eltern schieben sie am Nachmittag vor den Fernseher, um sich nicht mit ihnen beschäftigen zu müssen. Eine Unterstufenklasse im Gymnasium habe ich gefragt, wie viele einen Fernseher in ihrem Zimmer haben. Nur wenige zeigten auf. Dann habe ich die Frage in der Hauptschule gestellt und alle Hände waren in der Luft.

Standard: Und Sie glauben, eine andere Schulform würde sich so stark auf die Schüler auswirken?

Froneberg: Ja. Viele würden profitieren. Im Moment kommen einige sehr talentierte Schüler in der Hauptschule zu kurz. Die Trennung nach der 4. Klasse ist willkürlich und liegt auch an den Eltern – Wohlhabende schicken ihre Kinder in Gymnasien. Ausländerkinder landen in der Hauptschule, anstatt gefördert zu werden.

Standard: Wodurch könnte man das Schulsystem aufwerten?

Froneberg: Es ist eine Idealvorstellung von mir, dass Lehrer für ihre Schüler mehr Verantwortung übernehmen müssen. Es stört mich, dass es für Lehrer viel zu einfach ist, Schüler abzuschieben. In der ersten oder zweiten Klasse heißt es: Du bist zu blöd, du kommst in die Hauptschule. Es wirkt so, als würde es ums Aussieben statt ums Fördern gehen.

Standard: Könnte das eine neue Lehrerausbildung ändern?

Froneberg: Die Ausbildung ist wichtig. Doch zu sagen, nur die Lehrer sind schuld, ist mir zu einfach. Um mehr gute Leute zu finden, muss man Geld in die Hand nehmen und vernünftige Arbeitsbedingungen schaffen. Alle Welt meint, wir Lehrer arbeiten zu wenig. Ich wäre sofort mit längeren Arbeitszeiten einverstanden, wenn ich in der Schule einen Arbeitsplatz hätte. Im Lehrerzimmer habe ich zirka 40 Zentimeter Platz. Wie soll ich da arbeiten? (Alicia Prager, DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2011)

GÜNTER FRONEBERG (geb. 1968 in Wetzlar, D.) unterrichtete in Hessen und Baden-Württemberg sowie an sechs verschiedenen Schulen in Wien.

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