Die Außenseiterannahme nach dem Favoritensterben

20. Jänner 2011, 10:03
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Eine Vorschau auf die sonntäglichen Championship-Spiele der National Football League mit einem Rückblick auf das bereits Geschriebene von Walter Reiterer

Man lernt nie aus. Diese Woche zum Beispiel lernte ich, dass ein Außenseiter die Super Bowl XLV gewinnen wird, weil ebensolche seien die vier verbliebenen Mannschaften. Aber wie ist das eigentlich mit den Favoriten und den Außenseitern? Weil so wie hier, so war es für mich bisher eher nicht.

Die vier "Underdogs" in einer Handvoll Zahlen 

Das verbliebene Quartett aus den insgesamt 32 Mannschaften, die im September das Rennen um die Super Bowl XLV aufnahmen, gewann in Summe 14 der bisher 44 Pokale. Für keinen der vier wäre ein Sieg am 6. Februar in Arlington eine Premiere. Aufgeteilt auf die Klubs sieht es so aus: Pittsburgh Steelers (7 Teilnahmen/6 Siege), Green Bay Packers (4/3), Chicago Bears (2/1) und New York Jets (1/1). Bei Green Bay, Chicago und New York liegen die ganz großen Erfolge zwar schon eine Zeit zurück, aber die Jets standen bereits in der Vorsaison im Championship Game, die Bears 2007 in der Super Bowl und die Packers nahmen in den letzten zehn Jahren sieben Mal (!) an den Playoffs teil, davon vier Mal als Sieger ihrer Division, der NFC North. Von den Pittsburgh Steelers, Super Bowl Champion 2006 und 2008 und nebenbei Super Bowl-Rekordsieger mit sechs Trophäen, brauchen wir gar nicht reden und schon gar nicht würde ich das Wort „Underdog" in den Mund nehmen.

Nach der Ursache forschend, wie man trotzdem darauf kommen könnte, stieß ich auf eine mögliche Betrachtung des Status vor der Saison. Da zählten die New England Patriots, New Orleans Saints und Indianapolis Colts schon eher zu den heißen Favoriten. Allerdings betrachtete man damals die vier jetzigen Teilnehmer nicht als krasse Außenseiter. Auch die Bezeichnung „erster großer Favorit", die hier angebracht wurde, die hätte im September 2010 nicht so recht zu den Atlanta Falcons gepasst, die in der vorigen Saison die Playoffs noch verpasst haben und erst auf einen einzigen Auftritt in einer Super Bowl verweisen können - 1998 wurden die Falken von John Elway in Miami gerupft. Auch schon eine Zeit lang her.

Also ist es dann doch vielleicht der Stand der Dinge nach dem Grunddurchgang, der zu einer solchen Annahme führt? Die Nummer 1 der AFC und auch jene der NFC sind ausgeschieden, auch die #3, #4 und #5 schauen zu. Bleiben aber mit Pittsburgh und Chicago jeweils noch die zweiten ihrer Klasse über, so kann man auch Zahlenliebhaberei als Ursache eigentlich ausschließen.

Was bleibt noch..? Okay, eine Chance geben wir der Sache noch. Sehen wir uns die letzten fünf Spiele der vier Underdogs an und vergleichen sie mit denen der vier ausgeschiedenen „Favoriten" in einer Tabelle - vielleicht versteckt sich hier ja ein Hinweis.

Außenseiter   Favorit
Pittsburgh 4-1 New England 4-1
Green Bay 4-1 Indianapolis 4-1
New York Jets 4-1 Atlanta 3-2
Chicago 3-2 New Orleans 2-3

Erkennen Sie darin etwas? Außer, dass die „Außenseiter" mit 15-5 zu 13-7 gegen die Favoriten führen.

Es war dann doch vielleicht ein Gefühl aus dem Bauch heraus, welches den Ton angab. Eine Emotion, ein schöner Gedanke. Handfeste Hinweise, die diese These untermauern, die suchte ich hiermit vergeblich. Aber vielleicht hilft mir ja noch jemand auf die Sprünge.

Kommen wir zu den beiden Championship Games am Sonntag. Die Werbung in eigener Sache vorab: PULS 4 wird beide Conference Finals live übertragen. Unser NFL-Marathon beginnt um 20:15 mit einer Expertenrunde und endet aller Voraussicht nach um vier Uhr morgens. Mögliche Nachspielzeiten nicht mit eingerechnet. Das erste Spiel (NFC: Chicago - Green Bay) werden ab 21:00 Michael Eschlböck und ich kommentieren, beim zweiten Spiel (AFC: Pittsburgh - New York Jets) werden Daniel Fettner und Hany Razi ihre Begleiter sein. Alternativ laufen die Spiele auf ESPN America. Dort werden Jim Nantz und Phil Simms (NFC/CBS) bzw. Joe Buck und Troy Aikman (AFC/FOX) zu hören und sehen sein.

NFC Championship
Chicago Bears (12-5) - Green Bay Packers (12-6)

  • Sonntag 23. Jänner, 21:00 MEZ; Soldier Field Chicago/IL; TV: PULS 4, ESPN America
  • Letztes Spiel: 2. Januar 2011: GB-CHI 10:3
  • Letztes Spiel am Soldier Field: 27. September 2010: CHI-GB 20:17
  • Letztes Spiel in einem Playoff: 14. Dezember 1941: CHI-GB 33:14

Zum 182. Mal treffen am Sonntag diese beiden Mannschaften aufeinander. Es gibt keine längere Rivalität in der Geschichte des US-Amerikanischen Profifootballs. Chicago führt mit 92-83, sechs Mal trennte man sich bei einem Unentschieden. Vor etwas mehr als 69 Jahren - da gab es die NFL in der heutigen Form noch lange nicht - fand das einzige Spiel in einem Playoff gegeneinander statt, welches die Bears klar gewannen.

Mehr Aussagekraft als ein Spiel mitten im zweiten Weltkrieg hat schon die Saison 2010. Da steht es 1-1. Am Soldier Field gewannen die Bears knapp mit 20:17; das für die Packers damals überlebenswichtige letzte Saisonspiel ging mit 10:3 an sie.

Running on the road

Green Bay hat, schwer übersehbar, gerade einen guten Lauf. Die letzte Niederlage fand am 19. Dezember des Vorjahres statt. Da unterlag man in Foxborough den New England Patriots knapp. Seither besiegte man die New York Giants (45:17), die Chicago Bears und in den Playoffs (alles on the road) die Philadelphia Eagles (Wild Card 21:16) und zuletzt den - eh schon wissen - „ersten großen Favoriten" Atlanta Falcons (Divisional 48:21). In Georgia präsentierte sich Green Bay als übermächtiger Gegner für Matt Ryan & Co. Die Offense Atlantas kam gegen diese Packers-Verteidigung nie in die Gänge, gleichzeitig setzte Aaron Rodgers zu einem Höhenflug an. 379 Offensive Yards und vier Touchdowns gehen alleine auf die Kappe des Spielmachers. Dazu gab es einen Felsen namens Tramon Williams in der Defense, der sich - wie schon gegen Philadelphia - in Höchstform befand. Zwei Interceptions, darunter ein Pick Six. Noch ein paar beeindruckende Zahlen dieses Spiels: 28 zu 15 First Downs für GB, 442 zu 194 Total Yards, 66 zu 30 Prozent Verwertung von Third Downs zu First Downs. Atlanta hatte nie eine echte Chance.

Auch wenn das Ergebnis (35:24) etwas anders aussehen mag, eine ähnliche Übermacht stellte Chicago gegen Seattle dar. Die Seahawks waren dabei wieder ganz die 7-9 Seahawks der Regular Season, vom Super Bowl Sieger-Besieger der Vorwoche keine Spur mehr zu erkennen. Die Bears führten im dritten Viertel 28:0. Das späte Erwachen Seattles (drei Touchdowns im vierten Viertel), konnte nicht nur deshalb von Chicago locker kontrolliert werden. Bears Quarterback Jay Cutler mit 317 offensiven Yards und vier Touchdowns durchaus in Rodgers' Nähe.

Defense, Defense, Defense und dann erst Offense

Die Bears zeigten gegen Seattle Schwächen in der Passverteidigung, ließen andererseits aber nur 34 yards am Boden zu. Also rund die Hälfte des bekannten Laufs von Marshawn Lynch gegen New Orleans. Green Bay „traut" sich seit kurzem wieder zu laufen (Rookie Alarm wegen James Starks) und kam in den zwei bisherigen Playoff Games auf vernünftige 234 rushing yards. Nicht schlecht für ein Team, welchem man im Dezember noch nachsagte, gar kein richtiges Laufspiel zu haben. Chicago hat zudem gesehen, was Green Bay mit Michael Vick und Matt Ryan anstellte, daher wird auch bei ihnen das Laufspiel ein wesentlicher Faktor sein, um die Offense am Feld zu halten.

High risk - high reward (Chicagos Offense Coordinator Mike Martz setzt gerne alles auf die Null) wird hier wohl wenig Gewinn ausschütten. Auf den Lauf (u.a. mit Matt Forte) kann Chicago auch vertrauen. Gegen Seattle klappte es mit 176 yards und drei Touchdowns wunderbar, wobei Quarterback Jay Cutler, bei acht Läufen für 43 yards, gleich zwei Mal der Seahawks Endzone einen Besuch abstattete.

Die Devise wird in beiden Fällen also lauten: Stoppt den Quarterback! Bei Rodgers gilt es das Big Play-Potential und die daraus resultierende Gefahr zu minimieren (so wie gegen Seattle wird es in der Secondary nicht funktionieren!), bei Cutler ist der Blitz und zu auffälliger Pass Rush deshalb gefährlich, da er auch gut zu Fuß unterwegs ist.

Alles in Allem ein enorm attraktives Matchup, in dem Schwächen und Stärken korrelieren und übermäßig viel Arbeit auf die vier Koordinatoren zukommen wird. Von üblichen Adjustments bis hin zu einer völligen Neuausrichtung des Gameplans während des Spiels, ist hier auf beiden Seiten alles möglich.

AFC Championship
Pittsburgh Steelers (13-4) - New York Jets (13-5)

  • Sonntag 23. Jänner, 00:30 MEZ (Montag); Heinz Field Pittsburgh/PA; TV: PULS 4, ESPN America
  • Letztes Spiel: 19. Dezember 2010: PIT-NYJ 17:22
  • Letztes Spiel in einem Playoff: 15. Januar 2005: PIT-NYJ 20:17

Da haben wir sie nun. Diese grüne, stets etwas peinliche Unannehmlichkeit, die trotzt ihrer Exhibitionismen irgendwie süßlich dahin fließt. Zum zweiten Mal in Folge stehen sie in einem Championship Game: Die J-E-T-S: Jets Jets Jets! Das Enfant Terrible der NFL gegen die Terrible Towels vom Heinz Field.

Die Leistung der New York Jets bisher steht gegen den Glauben und das angebliche Wissen einer Mehrheit und in einem fast erotischen Verhältnis zu ihrer Großkotzigkeit, weshalb man das Team eigentlich mögen muss, selbst wenn man es eigentlich hasst. Als hätte Andi Ogris mit den „All Blacks" zu einer Tankstellenkette mit angeschlossenem Pornokino fusioniert. Die Jets füllen einen ab. Ob man das will oder nicht.

Abseits dessen, also rein sportlich, haben die New Yorker ihrer Missionen bravourös erfüllt. Peyton Manning: abgehakt. Tom Brady: demontiert. Vor allem dieses letzte Spiel, gegen die New England Patriots, zeigte auf, welch ungeheures Potential in dieser Mannschaft steckt. Die Ansagen der Jets im Vorfeld hat man als reinen Trash Talk abgetan, welcher es zu einem hohen Prozentsatz auch war, bzw. im A**hole-Fall von Antonio Cromartie sogar übertrieb. Im Kern selbst steckte aber für die Patriots ein bitteres Stück Wahrheit. Die New Yorker hatten am Tag X einen Gameplan parat, der sie, die Patriots, und damit auch ihren Chef Bill Belichick, völlig überfordert hat. Die Effektivität des Pass Rush - mit drei Mann durch die halbe Mitte - hat man zweieinhalb Viertel nicht kapiert. Erst als man sich der Stärke des gegnerischen Plans bewusst wurde - alles schrie förmlich schon nach dem „Quick Pass" über die Außenseite - wendete sich das Blatt. Nur viel zu spät. Rasenschach - Turm vor und das Ende war daher vorhersehbar. Eine sehr schöne Sache für die Jets, denn sie sind kein Zufallssieger, haben sich dieses Championship Game wahrlich verdient und am Ende mit Feingefühl und Esprit erarbeitet.

Den New Yorkern gegenüber steht ein Team, welches ein ebenso schwieriges Divisional Playoff erfolgreich hinter sich gebracht hat. Die Pittsburgh Steelers lagen zur Halbzeit gegen die Baltimore Ravens bereits mit 7:21 im Rückstand. Ausschlaggebend für die Führung war u.a. dieser Fumble (Video) von Ben Roethlisberger. Zwei Scores zurück - eine Ewigkeit angesichts der Ravens Defense mag man meinen - machten die Steelers im dritten Viertel aber wieder wett. In der Endphase des Spiels setzte sich Pittsburgh dann mit dem zweiten Touchdown von Runningback Rashard Mendehall mit 31:24 durch.

Aussagekraft des Ganzen für das Spiel am Sonntag: gleich Null. Was für die Steelers spricht, das ist vielleicht der Heimvorteil. Von den bisher insgesamt 19 Begegnungen gewann Pittsburgh 15, unter Mike Tomlin als Head Coach verloren die Steelers jedoch beide ihrer Spiele gegen New York. Der Playoff Record der beiden Cheftrainer liegt jeweils bei 4-1. Jets Quarterback Mark Sanchez kann auf einen recht stolzen 3-1 Record in der Post Season hinweisen. Mehr aber auch nicht.

Wie auch im anderen Conference Final, wird es auch hier mehr an der Defense liegen, um zum Erfolg zu kommen. Sanchez wirkt manchmal eher wie ein Verurteilter, als ein Macher oder gar ein Künstler vor dem Herrn. Seine Nerven,als „NFL sophomore" müssen die Steelers überstrapazieren, was ihnen mit Leuten wie LaMarr Woodley, Troy Polamalu, Lawrence Timmons und James Harrison auf defensiver Seite durchaus gelingen könnte. Auf der anderen Seite besteht auch für diese Jets Defense jederzeit die Möglichkeit, den offensiven Plan der Steelers ad absurdum zu führen. Roethlisberger würde als Name in der Liste der Jets-Opfer nach Manning und Brady keine große Verwunderung mehr hervorrufen. Dann war es eben so.

Es wird in jedem Fall eine lange und im besten Fall auch eine sehr spannende NFL-Nacht. Am Ende werden sich - bei allem Respekt - dann doch zwei Favoriten durchsetzen und in die 45. Auflage der Super Bowl einziehen. Und das unabhängig davon, wie die beiden Gewinner des Sonntags heißen werden. (Walter Reiterer; 20. Jänner 2011)

 

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