"Jeder hat das Recht auf eine gute Ausbildung"

20. Jänner 2011, 10:00
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Die sozialen Unterschiede aufbrechen und die Freude am Lernen fördern: Schüler, Lehrer und Experten sind sich ziemlich einig, welche Reformen die Schule nötig hat

Von der Politik fordern sie, endlich Taten zu setzen.

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Wien - "Mir macht es Angst, wenn ich mir vorstelle, mein Kind derzeit in die Schule schicken zu müssen, weil niemand weiß, wie es mit der Bildung weitergeht", meint Alexandra (17). Die Bildungsreform, ein heißumstrittenes Thema, ist in aller Munde. Vor allem seit dem Bekanntwerden der Pisa-Ergebnisse präsentieren die Parteien wieder einmal unterschiedlichste Konzepte zur Sanierung des Schulsystems: Die ÖVP präsentierte ihren Vorschlag von "Bildungsempfehlungen" und Aufnahmsprüfungen für die AHS-Oberstufe, außerdem steht aktuell im Raum, aus jeder Hauptschule eine Neue Mittelschule machen zu wollen.

Für Wiens Kinder- und Jugendanwälte Anton Schmid und Monika Pinterits ist das nur ein neues Etikett für eine alte Baustelle. "Wir müssen eine Alternative zu diesem selektiven Schulsystem, wie es derzeit besteht, finden. Ein gutes Vorbild ist das finnische Schulsystem", meint Pinterits.

Politiker, einigt euch!

Marcel (18) kann die Angst vieler vor einer Gesamtschule und der dabei vielzitierten "Senkung des Bildungsniveaus" nicht nachvollziehen: "Die Gesamtschule gibt allen Schülern die Chance, ein großes Spektrum an Allgemeinwissen zu erlangen", meint er. Dennoch müsse es ein konkretes Konzept geben: "Alle paar Jahre kommen neue Ideen und Vorschläge dazu, aber nie hat man sich auf etwas einigen können".

Ein Konzept, das Günter Froneberg, Lehrer am BG Wasagasse in Wien, sehr sinnvoll findet und aus seiner eigenen Schulzeit in Deutschland kennt, ist die Additive Gesamtschule. Bei dieser bleiben Hauptschule, Realschule und Gymnasium bestehen, befinden sich jedoch alle am selben Ort. Daraus ergibt sich ein System, welches pro Schulstufe Klassen zu allen Schulformen anbietet. "Das gibt den Kindern die Möglichkeit leicht auf- oder auch abzusteigen. Außerdem bilden sich nicht so große soziale Unterschiede, da alle zwangsläufig miteinander zu tun haben", erklärt Froneberg. Dadurch würden sich auch die Lehrer stärker dafür verantwortlich fühlen, die Kinder zu fördern und sie nicht einfach nach unten zu versetzen. Geht es nach Froneberg, müsste auch ein regelmäßiger Förderunterricht schulintern angeboten werden (siehe Interview).

Auch sein Lehrerkollege Bernd Vogel, ebenfalls vom Gymnasium Wasagasse, hat Ideen zur Verbesserung des Schulsystems. Nicht die Gesamtschule sei des Rätsels Lösung, sondern eine Veränderung des Unterrichts. "Unser Problem ist es, dass die Schüler sechs Stunden pro Tag durchgehend in der Schule sitzen, sechs Stunden lang zuhören müssen und nur ein klein bisschen selbst etwas tun dürfen", kritisiert Vogel. Dieses Manko würde auch die Gesamtschule nicht beseitigen, meint er und ergänzt, dass es dennoch problematisch sei, die Schüler schon mit zehn Jahren zu trennen und eine Begabung feststellen zu müssen. Vogel wünscht sich gleichwertige Schulformen mit verschiedenen Schwerpunkten, um den Begabungen der Schüler gerecht zu werden.

Auch Pinterits fordert, dass die Interessen der Schüler stärker in den Vordergrund gerückt werden und diese wieder Freude am Unterricht haben. "Dadurch würden sie auch partizipativ arbeiten und Zusammenhänge besser begreifen können", weiß die Jugendanwältin. Außerdem sei es wichtig, die Schüler als Konsumenten und die Lehrer als Anbieter einer Dienstleistung zu sehen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt beim Thema Bildungsreform ist die Integration. "Schüler mit sprachlichen Defiziten könnten in einer Gesamtschule sicher besser gefördert werden", meint Marcel. Außerdem würde es Jugendlichen im Rahmen einer gemeinsamen Schule leichter fallen zu entscheiden, "was sie im späteren Leben anfangen sollen". Clara (17) ist davon überzeugt, dass jeder ein Recht auf eine gute Ausbildung hat, "ganz egal, ob die Eltern Geld haben oder nicht". Dem hält ein Lehrer seine Befürchtung entgegen, dass betuchtere Eltern ihre Kinder im Fall einer Gesamtschule wohl vermehrt auf Privatschulen schicken würden und sich der Ruf öffentlicher Schulen verschlechtern würde.

Annemarie (17) vom BGRG Albertgasse wünscht sich vor allem, dass die Lehrer besser ausgebildet werden, um die schwachen Schüler unterstützen zu können.

Dem schließt sich Hermine Luckner, Lehrerin an der Volksschule Stubenbastei, an. Die Ausbildung der Lehrer sei das wichtigste Element in der gesamten Bildungsreform. "Die pädagogische Ausbildung ist zwar in den letzten Jahren immer besser geworden, aber wenn man das System umstellen will, muss das eine der ersten Fragen sein, die zu klären sind." (Clara Heinrich, Alicia Prager, Selina Thaler, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2011)

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    Wenig Bewegungsfreiheit bleibt den Schülern im derzeitigen Schulsystem. Experten sehen den Ausweg in einer gemeinsamen Schule.

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