Begossene Pudel auf dünnen Beinen

    19. Jänner 2011, 19:06
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    Die Männerdesigner in Mailand gehen es für kommenden Herbst und Winter vorsichtig an

    Es gehört zum Wesen der Mode, dass Veränderung einen höheren Stellenwert hat als Kontinuität. Anzugschneider, deren saisonale Neuerungen in der Adjustierung von Sakkolängen und Revers bestehen, werden geschätzt - Designer aber, die jede Saison etwas Neues ausprobieren, werden geliebt. Oder, wenn die Kollektion danebengeht, gehasst.

    Es ist Miuccia Prada, die unter den Mailänder Designern dieses Wechselbad der Gefühle am besten kennt. Für kommenden Herbst und Winter hat sie sich den Handlungsreisenden aus längst vergangenen Tagen vorgenommen: Zum überweit geschnittenen Dreiknopf-Anzug mit winzigem Revers trägt er ein Polo mit Rautenmuster und an den Füßen dicksohlige Gesundheitsschuhe. Wird es Abend und öffnet die Provinzdisco ihre Türen, dann zieht er ein funkelndes Lurex-Shirt in Algengrün über und kombiniert es mit einer knöchelkurzen Velourslederhose. Anders als in Arthur Millers berühmtem Stück vermischen sich bei Pradas Handlungsreisenden allerdings nicht Vergangenheit und Gegenwart.

    Mangogrüne Hosen, dottergelber Peacoat

    Pradas Retro-Kollektion ist Anfang der 80er-Jahre steckengeblieben. Ein interessanter Ansatz - aber nichts zum Schwärmen. Mailand war in den vergangenen Tagen eine Stadt der modischen Kontinuität. Nach finanziell schwierigen Jahren macht sich mittlerweile verhaltener Optimismus breit. Bezeichnenderweise kamen jene am besten über die Runden, die bei ihren Leisten blieben. Pradas permanente Neuerungen machten sich genauso bezahlt (der Konzern steigerte 2010 seine Umsätze um 31 Prozent) wie Bottega Venetas stille Arbeit an einer neuen Herrengarderobe (plus 22,5 Prozent).

    Das von Tomas Maier geführte Luxuslabel ist eine Marke, die nur kleine Sprünge macht. Kontinuierlich arbeitet Maier an der Verschränkung einer formalen und sportlichen Garderobe - und das mit höchsten handwerklichen Ansprüchen. Locker geschnittene Anzüge mit Marmor-Mustern eröffneten seine jüngste Kollektion. Sie war eine von Mailands besten. Die Anzugkrägen waren aufgestellt, die Hosenbeine in die Riemchen-Boots gesteckt. Die Überraschung lag allerdings nicht in der härteren Gangart, die Maier diesmal einschlug (sie gipfelte in Ganzleder-Outfits), sondern in den mangogrünen Hosen, dem dottergelben Peacoat und dem leuchtend orangen Trench.

    Farbflashs bei Jil Sander

    Wie vielen seiner Mailänder Kollegen ist Maier in der Wintersaison 2011/12 nach Farbe zumute, bei ihm sind es die Technicolor-Farben der 60er-Jahre, bei Raf Simons dagegen Elektro-Farben. Die Jil-Sander-Männerkollektion des belgischen Designers greift die starken Farben seiner umjubelten Damen-Frühjahrskollektion auf - geht aber ansonsten andere Wege. Anzüge sind aus schwerer, gefilzter Wolle, Pullis haben doppelte Krägen, Shirts sind wattiert, Mäntel und Jacken mit feinen Steppmustern überzogen. Zu den Stepptechniken, sagt Raf Simons, hätten ihn die Amish inspiriert. Von so etwas wie einem Konzept könne man bei dieser Kollektion allerdings nicht sprechen. Mit seiner Konzeptlosigkeit steht Simons nicht alleine da. Statt eine Kollektion unter eine theoretische Käseglocke zu wuchten, spielen die Designer lieber lustvoll mit Referenzen (bei der schönen Etro-Kollektion war es die klassische Tirolermode, bei D&G der tiefe Hosenboden von Rapper Pharrell Williams) oder konzentrieren sich gleich ganz auf Einzelstücke.

    Am besten sieht man das bei Gucci, wo es Designerin Frida Giannini offenbar darauf anlegt, aus jedem Stück ein "must have" zu machen. Der Gesamteindruck bleibt hier aber schal. Zum Einsatz kommen luxuriöseste (und kostspieligste) Materialien. Das Biberfell eines Trenchcoats erzielt dank seiner Texturierung einen Kordeffekt, ein Pulli ist gleich ganz aus Astrachan. Wie bei Costume National oder Pringle of Scotland feiert der Mohair-Pulli auch bei Gucci ein Comeback. Und weil das Florentiner Luxushaus den Großteil seiner Umsätze mit Accessoires macht, wurde jetzt ein Klassiker auch für die Herrenwelt aufgelegt: die Bamboo-Bag.
    Wie bereits die letzten Saisonen wird auch der Winter 2011/12 den Klassikern gehören. "Heritage", der Ausbau des Markenerbes, ist das in Mailand am häufigsten verwendete Wort. Die schönsten Ergebnisse liefern dabei die Schuh- und Lederproduzenten. Bally stellte einen Schnürstiefel mit Lochmuster vor, Tod's weitet sein Angebot an Business-Taschen aus.

    Im Mittelpunkt der Trench

    Punkten können jene, deren Namen mit einem Produkt verbunden ist: Was bei Gucci die Bambusgriff-Tasche, ist bei Burberry der Trench. Er steht im Mittelpunkt der Markengeschichte, bekommt in der kommenden Saison aber gewaltigen Nachwuchs. Designer Christopher Bailey hat sich ganz auf Mäntel und Jacken konzentriert, vom Duffel in Steppoptik über den Caban mit Ponybesatz bis hin zum kanariengelben Regenmantel. Die Silhouette: weite Oberteile zu kurzen, engen Hosen.

    Diese an den 60er-Jahren geschulte Britpopper-Silhouette wird uns noch länger erhalten bleiben, auch wenn viele Designer anderes vorschlagen. Bei Gucci bleibt die Silhouette zwar schmal, die Hosenbeine aber werden breiter, Giorgio Armani und Zegna setzen dagegen auf fließende Formen - wobei Zegna deutlich mehr Gegenwartsbezug aufweist als Armani. Vom weichen italienischen Stil haben sich dagegen Dolce & Gabbana entfernt. Ihre Kollektion ist Arbeiterjungs gewidmet. Mit tiefen Hosenböden und Hosenträgern optieren sie für eine Veränderung der dominierenden Silhouette. Die Hosen werden immer kürzer, die Sakkos schrumpfen. In einer mit hoher Qualität und schönen Einzelstücken punktenden, aber insgesamt lauen Saison ist Veränderung manchmal einfach nur eine Frage der Länge. (Stephan Hilpold/Der Standard/20/01/2011)

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    • Vom weichen italienischen Stil haben sich Dolce & Gabbana entfernt. Ihre Kollektion ist Arbeiterjungs gewidmet.
      foto: epa/matteo bazzi

      Vom weichen italienischen Stil haben sich Dolce & Gabbana entfernt. Ihre Kollektion ist Arbeiterjungs gewidmet.

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