"Im Endeffekt zahlen es die Bankkunden"

19. Jänner 2011, 17:44
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"Krisen"-Diskussion an Grazer Uni - Gefahr des Auseinanderdriftens der Eurozone

Graz - Ist jetzt alles vorbei? Kann die Wirtschaftskrise abgehakt werden? "Ja und Nein", sagte Bernhard Felderer, Chef des Institutes für Höhere Studien (IHS). Die Realwirtschaft habe wieder den Boden gefunden, die Wende geschafft, ohne Zweifel. Alle Indikatoren zeigten nach oben. Die "virtuelle" Krise im Finanzsektor aber hängt noch schwer in der Luft, warnte Felderer Dienstagabend bei einer Wirtschaftsdiskussion des "Club Alpbach Steiermark" an der Grazer Karl-Franzens-Universität.

Dass die Krise in Europa relativ kurz gehalten werden konnte, liege an Deutschland. Die neue "Supernation" habe von England die Rolle als Motor übernommen. "Die Auftragsbücher in Deutschland sind voll, auch Osteuropa beginnt sich dynamisch zu entwickeln. Die Krise ist vorüber", postulierte ein optimistischer Wirtschaftsforscher Felderer bei der von Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid geleiteten Diskussionsrunde, in der die "Praktikerin" Barbara Muhr, Vorstandsdirektorin des Kommunalbetriebes Holding Graz, dem Theoretiker Felderer durchaus beipflichtete. Muhr: "Das ist auch meine Wahrnehmung und es bringt jetzt nichts, wenn wir uns weiter täglich die Krise vorreden."

Manfred Reichl, international tätiger Wirtschaftsberater und Investmentbanker hatte einen anderen Zugang zum Thema: Er konnte die Krise kaum wahrnehmen. Reichl: "Die Krise verursachte ja fast keinen Schmerz, sie war weit weg von einer Schmerzschwelle, die auch wirkliche nachhaltige Veränderungen provoziert hätte."

"Das Spiel wird fortgesetzt"

Gut, es gebe nun neue Reglements im Finanzsektor. Die Kräftigung der Finanzstrukturen durch neuen Regulatorien (Stichwort: höhere Eigenkapitalquoten), würden zwar den Banken einiges kosten, aber sie werden darunter nicht leiden. Reichl: "Man kann davon ausgehen: Es müssen alles die Kunden zahlen. Im Endeffekt zahlen es die Bankkunden. Aber auch die Eigentümer der Banken werden es spüren. Indem sie weniger Dividenden ausbezahlt bekommen." Außerdem bestünde nach wie vor die Gefahr, "dass das Spiel fortgesetzt wird". Reichl verlangte, dass in der Finanzwirtschaft starke Regelwerke eingezogen werden, dass der Finanzballon sozusagen "mit Stahlseilen am Boden festgezurrt wird."

"Reiche verlieren Geduld"

Probleme sieht Reichl in den unterschiedlich starken Volkswirtschaften in Europa. Angesichts der von Reichl zitierten Problemstaaten fragte Föderl-Schmid: "Bricht die Euro-Zone auseinander?" Felderer ist überzeugt, Krisenstaaten wie Griechenland oder Portugal seien im Grunde über den Berg. Alle Indikatoren sprächen dafür.

Er glaube nicht, dass eines der Länder die Eurozone verlassen könnte. Felderer: "Warum soll es nicht stärkere und schwächere EU-Länder geben?" 25 Prozent der Exporte der nördlichen Länder gingen in den Süden. Der Norden habe daher durchaus Interesse an einem prosperierenden Süden.

Reichl kann sich hingegen ein Auseinanderdriften Europas durchaus vorstellen: "Die reichen Staaten werden die Geduld verlieren und sich weigern, weiter Geld in den Süden zu pumpen." (Walter Müller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2011)

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