Unbeschränkte Möglichkeiten

19. Jänner 2011, 17:31
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Nicht ein Volksvertreter, der fähig gewesen wäre, einen längeren Satz fehlerfrei zu beenden

Bürgerforum - das klingt so edel wie altrömisch. Doch das gemeine Volk darf dann doch nur die Ränge in Beschlag nehmen. Die Mitte bleibt den Politikern vorbehalten. Zumindest im Bürgerforum des ORF, das sich am Dienstagabend unter der Leitung von Münire Inam und Peter Resetarits zur Frage "Die Türken - ewige Außenseiter?" zusammenfand.

Ein Thema, das ein solches ist, weil es die Politik zu lange missachtet hat. Deshalb leben Alteingesessene und Zuwanderer in Österreich vornehmlich neben- statt miteinander. Vor der Diskussion sah man eine Doku aus dem Gemeindebau, nach der Mundl Sackbauer als Feingeist rehabilitiert gehört: Proleten, sogenannte Altösterreicher, die mit rudimentären Deutschkenntnissen Zuwandererkinder anbrüllen: "Hob i di droht?" (Wahrscheinlich: "Habe ich dir gedroht?")

Diese eingeschränkte Konversationsfähigkeit bestimmte auch das Bürgerforum. Zwar waren sich alle Politiker - Maria Fekter (ÖVP), Josef Cap (SPÖ), Heinz-Christian Strache (FPÖ), Alev Korun (Grüne) sowie Peter Westenthaler (BZÖ) - einig, dass die deutsche Sprache Voraussetzung für Integration ist, der Schlüssel zur Bildung. Allein - das Vorbild, das sie im Saal abgaben, ließ wohl jedem Deutschlehrer das Magengeschwür aufbrechen.

Nicht ein Volksvertreter, der fähig gewesen wäre, einen längeren Satz fehlerfrei zu beenden. Dazu Floskeln und antrainiertes Geschwafel. In krasser Form führt diese Unfähigkeit zu jener Ohnmacht, die den Gemeindebau-Prolo brüllen lässt.

Andererseits könnte das Zuwanderer auch ermutigen: Wenn man hier mit so wenig so weit kommen kann, dann muss Österreich ein Land der unbeschränkten Möglichkeiten sein. (Karl Fluch, DER STANDARD;  Printausgabe, 20.1.2011)

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