Sprechen Sie Leet?

19. Jänner 2011, 17:19
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Entwickelt von Informatik-Nerds, erobert ein bizarres Idiom das Netz

Wien - Jeden Tag fördert das Internet eine Flut an Informationen zutage. Unablässig. Und in jeder Sprache. Ein Idiom scheint aber bisher noch wenig Beachtung gefunden zu haben: "Leetspeak". Das ist englisch und bedeutet so viel wie Elite-Sprech.

Anfang der 1980er-Jahre schuf in den USA eine findige Computer-Clique ein Abkürzungssystem, das auf alphanumerischen Symbolen basierte. Ihr Ziel: Kommunikation mit geheimen Codes. Datenklau war schließlich damals schon präsent. Um ihre Botschaften zu verschlüsseln, kreierten die Informatiker - in angelsächsischen Ländern nennt man sie "Geeks" (zu Deutsch: Streber) - ein kryptisches Alphabet, das aus dem breiten Fundus der Computerwelt schöpfte. Slash, Klammer, Sternchen - der Ideenreichtum war immens.

Mit der Zeit entwickelte sich ein einfacheres System, das Buchstaben durch Ziffern ersetzte. Statt des Schriftzeichens U etwa tippten die Computerspezialisten schlicht "|_|" oder formulierten "I3" statt B. Die kryptischen Kürzel dienten nicht zuletzt auch dazu, sich gegenüber anderen Geeks abzugrenzen: Leet als elitäre Sprache. Inzwischen hat der Jargon aber an seinem exklusiven Selbstverständnis eingebüßt. Der libertäre Internet-Geist untergrub die Mauern des Sprachschlosses und machte den Wortschatz der Internetgemeinde zugänglich.

Die Community bemächtigte sich der kuriosen Formeln - und reicherte sie kontinuierlich an. Immer neue Kombinationen wurden ersonnen, Deutungen hinzugefügt und kleine Geschichten erzählt. Die Kreativität der User kennt keine Grenzen.

Mag es der Langeweile oder Experimentierlust entspringen - wer auf Leet schreibt, ist in. Im Netz boomt die Sprachgemeinde. Für das soziale Netzwerk Facebook gibt es neuerdings sogar eine eigene Sprachausgabe auf Leet. Sie kann in den Einstellungen ausgewählt werden. Google hat im Gegenzug eine Suchfunktion eingerichtet, die Ergebnisse in Leet ausspuckt.

Leetspeak schickt sich an, das Netz zu erobern. Auch wenn es kein Idiom im linguistischen Sinn darstellt, verfügt Leet über ein Zeichensystem, das geeignet ist, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Und darin unterscheidet es sich wesentlich von Programmiersprachen. Gleichwohl sind Leet-Verwender nicht vor Missverständnissen gefeit. Als ein Unternehmen einmal mit einer digitalen Armbanduhr warb, die "13:37" anzeigte, dachten Geeks, das Accessoire verfüge über eine eigene Leet-Sprachfunktion. Denn: "1337" steht für "Leet". Man muss die Ziffern nur spiegelbildlich lesen (und, zugegeben, ein wenig Fantasie entwickeln), um das Wort hineinzulesen.

Einmal mehr zeigt sich, dass Wörter Konventionen sind. Jede Sprache beruht auf Vereinbarungen, die Zeichen einem Objekt zuschreiben. Offenbar waren die Zahlenjongleure aber von ihrer vertrauten Abkürzung so geblendet, dass sie die Uhrzeit nicht entziffern konnten. Geeks werden darum häufig als spröde Nerds verspottet, die den Blick für die reale Welt verloren hätten.

Bei dem wirren Zeichengeflecht nimmt es allerdings nicht wunder, wenn man vor lauter Ziffern die Zahl nicht mehr er- und die Bedeutung damit verkennt. (Adrian Lobe/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 1. 2011)

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