Leistungsberuf Pfleger: "Nicht jeder kann es"

19. Jänner 2011, 18:19
41 Postings

In den nächsten Jahren werden 17.000 Pflegekräfte benötigt - Experten für bessere Ausbildung und Aufwertung des Berufsstandes

"Die Steigerungsraten sind enorm." Sozialminister Rudolf Hundstorfer gerät ins Schwärmen, wenn er aus arbeitsmarktpolitischer Sicht vom "Wachstumsmotor" Gesundheit spricht: "Das war der einzige Bereich, der auch in der Krise zugelegt hat." Auf der anderen Seite stehen die nackten Zahlen der Demografie. Und die, so Hundstorfer, sind alarmierend: "In zehn Jahren werden wir um 16 Prozent mehr über 70-Jährige haben." Eine Million Österreicher gehört heute zu dieser Gruppe, bis zum Jahr 2050 wird sich diese Zahl verdoppeln. Herausforderungen und Chancen im Bereich der Gesundheit waren Thema beim ersten Tag der Gesundheitsberufe, der am Mittwoch in Wien veranstaltet wurde.

17.000 Arbeitskräfte gesucht

Alleine in der Intensivpflege sind in Österreich 35.000 Leute tätig. Und das obwohl die Betreuung momentan noch zu 80 Prozent von Angehörigen erledigt wird. Für Hundstorfer besteht die größte Schwierigkeit in der Personalrekrutierung. "In den nächsten zehn Jahren brauchen wir alleine bei der mobilen Pflege 13.000 Vollzeitäquivalente", sagt der Sozialminister, "mit den vielen, die hier in Teilzeit arbeiten, sind das insgesamt mindestens 17.000 Arbeitskräfte."

Derzeit befinden sich 4.500 in Ausbildung. Zu wenige, um den Bedarf zu decken. "Wir müssen die Standards quantitativ und qualitativ erhöhen", fordert er und will eine Attraktivierung des Berufsstandes erreichen. Etwa über das AMS, wo die guten Jobchancen noch stärker thematisiert werden sollten. Einen Anstieg des Bedarfs gibt es vor allem bei der 24-Stunden-Pflege, der mobilen Krankenpflege und der stationären Pflege. Neben der dünnen Personaldecke sei das Stadt-Land-Gefälle ein weiterer kritischer Punkt: "In Wien geht das ja zum Teil per pedes, im Gasteinertal benötigt man im Winter für die Betreuung einen Jeep", so Hundstorfer.

"Es kann nicht jeder pflegen"

Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, warnt davor, "möglichst rasch möglichst viele" für den Pflegeberuf auszubilden. Im Vordergrund stehe immer noch die Qualität, es handle sich um einen Leistungsberuf, denn: "Es kann nicht jeder pflegen." Deswegen sollten auch nicht einfach wahllos junge Leute, die zum Beispiel auf der Suche nach Lehrstellen sind, angeworben werden. Potenzial, um sich der Nachwuchssorgen zu entledigen, sieht sie dennoch: "Derzeit pflegen rund 22.000 Jugendliche zuhause ihre Angehörigen." Diese Gruppe gelte es für den Beruf zu mobilisieren.

Zum Beispiel mit monetären Anreizen in Verbindung mit einer guten Ausbildung. Vor allem hier konstatiert Frohner Defizite. Die öffentliche Hand stelle zu wenige Mittel zur Verfügung, die Umsetzung liege in der Verantwortung der Länder, kritisiert sie. Laut Zahlen der Arbeiterkammer befindet sich der Gesundheitsbereich schon jetzt zum Großteil in privater Hand: 268 öffentlichen Einrichtungen stehen über 1150 private Anbieter von Spital- und Pflegeeinrichtungen gegenüber.

Kurze Verweildauer

Je nach Sparte betrage die Verweildauer in Pflegeberufen im Schnitt nur zwischen vier und sechs Jahren, berichtet Frohner von einem weiteren Problemfeld: "Das ist viel zu kurz." Die Gründe sind vielschichtig und reichen von der permanenten Belastung über die zu geringe Bezahlung bis zum schlechten Image, mit dem Pflegekräfte konfrontiert sind. Laut einer Studie klagt beinahe jeder Dritte über chronische Überlastung und Burnoutgefahr.

Damit sich das Personal auf seinen Kernbereich konzentrieren kann, will Frohner die Gesundheitsberufe von berufsfremden Tätigkeiten befreien. Dazu zählten etwa zeitraubende Verwaltungstätigkeiten, Botendienste oder Reinigungsarbeiten. Wenn die Leute nur entsprechend ihrer Kompetenz eingesetzt werden, könne das System effizienter gestaltet werden, ist sie überzeugt.

Imageproblem

Gerda Mostbauer von der Arbeiterkammer wünscht sich neben rechtlichen Nachjustierungen vor allem eine Verbesserung der Reputation: "Die Bedeutung des Berufsstandes hat sich noch nicht ausreichend im Bewusstsein der Leute etabliert." Der Job sei qualitativ hochwertig, aber die Bezahlung nicht adäquat. Für Österreich schlägt sie eine Kampagne für die Aufwertung vor. Als Vorbild könnte Deutschland fungieren, wo das Gesundheitsministerium eine Aktion initiiert hat, bei der sich "Pflegekräfte als Pflegebotschafter" präsentieren. Nach dem Motto: "Gib der Pflege ein Gesicht." Um die Anliegen der Pflegeeinrichtungen mit mehr Nachdruck artikulieren zu können, hofft sie auf eine stärkere Verankerung im politischen Diskurs. "Pflegende müssten als Mitarbeiter in politischen Organisationen tätig werden."

Neben dem Imagewandel und der Interessensvertretung wünscht sich Mostbauer noch bessere Vernetzungsmöglichkeiten unter den Pflegern: "Es kann nicht jeder alle Leistungen anbieten." Ein wichtiger Schritt wäre die Realisierung der schon lange geplanten Registrierung von Pflegenden, wie es bereits in vielen Ländern Usus ist: "Wir warten schon seit Jahrzehnten darauf." Gesundheitsminister Stöger konzediert Versäumnisse der Politik, verspricht aber eine Umsetzung "noch in dieser Funktionsperiode".

Zehn Prozent der Wertschöpfung

In Österreich sind derzeit 200.000 Menschen in Gesundheitsberufen beschäftigt. "Zehn Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in dieser Branche", berichtet Stöger von einem "starken wirtschaftlichen Faktor", der für zehn Prozent der Wertschöpfung in diesem Land zuständig sei, so der SPÖ-Minister, der sich mit der Qualität zufrieden zeigt: "Unser Gesundheitssystem ist Weltmarktführer, auch wenn das in Österreich viele nicht glauben wollen."

"Verwaltungsreform"

Um das Niveau der medizinischen Versorgung auch in Zukunft zu gewährleisten, will er Kompetenzen bündeln, rennt mit seinen Vorstellungen aber weiterhin gegen die hohe Wand, die die Landeshauptleute rund um ihre Bundesländer aufgezogen haben. Stöger hofft nach wie vor, dass im Spitalswesen einmal Planung und Steuerung in die Verantwortung des Bundes übergehen. Ein neuerlicher Vorstoß für ein einheitliches Krankenanstaltengesetz sei in Planung, schildert er: "Neun Landeskrankenanstaltengesetze sind einfach sinnlos." (om, derStandard.at, 20.1.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Pfleger haben derzeit die besten Aussichten am Arbeitsmarkt.

Share if you care.