Nachruf auf den Schotter

20. Jänner 2011, 07:54
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Zwei Cent, fünf Cent, zehn Cent, zwanzig Cent. Münzen lasten schwer auf unseren Taschen - nicht mehr lange behauptet Ökonom Priddat im derStandard.at-Interview

Cent-Münzen lasten schwer auf den Taschen, sind vielfach ihre Produktionskosten nicht wert und werden bald verschwinden. Davon ist der deutsche Ökonom und Philosoph Birger Priddat überzeugt. Sein Buch "Kleingeld. Die verborgene Seite des Geldes" werde wohl das "Abschiedsbuch für Kleingeld" sein, sagt er im derStandard.at-Interview mit Regina Bruckner.

derStandard.at: Ihr Buch heißt "Kleingeld. Die verborgene Seite des Geldes". Was hat Sie bewogen, es zu schreiben?

Birger Priddat: Ich habe von meinem Vater eine Geldscheinsammlung geerbt und bin seit 25 Jahren Geldscheinsammler. Da hat man viele differenzierte Objekte. Mich haben diese kleinen Ersatzgelder, diese verrückten atypischen Gelder interessiert. In Deutschland und Österreich gab es ja von 1914 bis 1917, dann von 1918 bis 1923 das so genannte Notgeld. Das Münzgeld wurde im Krieg eingezogen, weil das Metall zur Kriegsproduktion genützt wurde. Da war plötzlich für die vielen Menschen, die kaum Geld hatten, also mit Kleingeld leben mussten, plötzlich nichts mehr da. Dann haben die Kommunen Gelder ausgegeben. Kleine Zettel, zum Teil sogar mit der Hand geschrieben und gestempelt, dann relativ primitiv gedruckt. Das durfte natürlich kein richtiges Geld, sondern nur Behelfsgeld sein – eigentlich war es illegal, weil ja nur die Zentralbank das Geld ausgeben darf. Das Geld galt meist nur für drei Monate und war nur regional gültig. Das gab es in Deutschland von 1945 bis 1949 noch einmal.

derStandard.at: Ein ähnliches Phänomen haben wir ja heute mit diversen Karten wieder.

Priddat: So ist es. Diese gesamten Plastikkarten, die die Unternehmen hergeben, die sind im Grunde eine Geldförderung der Unternehmen. Ein Kaufhaus, das eine Paycard ausgibt, gibt im Grunde einen Kredit. Wenn der Kunde diese Karte nützt, wird das Geld erst zu einem späteren Termin vom Konto abgebucht. Das ist tatsächlich eine moderne Geldschöpfung, die unabhängig von den Banken oder Zentralbanken funktioniert. Wenn der Betrag vom Konto überwiesen wird, geht das Geld wieder in den normalen Geldkreislauf. Aber zwischendurch ist neues Geld geschaffen worden.

derStandard.at: Ersatzgelder gibt es ja heute auch noch.

Priddat: Ja, zum Beispiel wenn Sie in einer großen Firma Wertmarken für die Kantine kaufen. Die können innerhalb der Firma zwischen allen Kollegen wie Geld gehandelt werden. Ein wenig anders verhält es sich mit den Regionalgeldern. Das ist Geld, das im Umlauf sein muss. Man muss einem Verein beitreten, und meist ist es so, dass es an Wert verliert, wenn man es in einer bestimmten Zeit nicht ausgegeben hat. Das ist eigentlich auch illegal in dem Sinne, als Private kein Geld drucken dürfen. Deswegen heißen diese Regionalwährungen auch nicht Geld, sondern haben oft seltsame Namen. Das ist der Versuch, die Kaufkraft in der Region zu halten.

derStandard.at: Eine Idee, die sich Unternehmen durchaus auch mit ihren Gutscheinen zunutze machen.

Priddat: Das sind alles Bindungsmittel. Man bekommt meist auch ein bisschen Rabatt. Der Kunde denkt sich dann, da geh ich doch lieber hier einkaufen, wo ich ein bisschen Rabatt oder auch Kredit bekomme.

derStandard.at: Man kennt das von Kaufhäusern: An der Kasse gibt es nicht nur Rückgeld, die Kassierin gibt einem auch ein paar bunte Scheine in die Hand. Das kann man sammeln und später gegen einen Gratiskaffee eintauschen. Für ein Unternehmen ist der Nutzen klar. Ich werde dort wieder hingeben und vermutlich mehr ausgeben. Die Alternative für mich als Konsumentin wären günstigere Preise – wäre das nicht weit attraktiver?

Priddat: Sie fragen, warum die Konsumenten das so bereitwillig akzeptieren? Weil Vertrauen da ist. Man überlegt sich, bei dem Laden werde ich gut bedient, ich bekomme sogar noch eine kleine Prämie oder vielleicht einen kleinen Kredit. Da gehe ich wieder hin, ohne weiter nachdenken zu müssen, wo bekomme ich die Ware zu anderen Konditionen. Der Konsument will sich nicht über die Maßen mit solchen Fragen beschäftigen.

derStandard.at: Andererseits erwacht mit diesen Zugaben schon auch ein bisschen der Sammler und Jäger in uns Menschen, oder nicht?

Priddat: Das auch, da geht es dann aber um die Differenzen. Das kam mit dem Internet auf, seit man die Preise so gut vergleichen kann.

derStandard.at: Oft schauen bei all dem Vergleichen aber wirklich nur Peanuts heraus. Womit wir bei den Erdnüssen auf ihrem Titelbild angelangt sind. Was sagen Sie uns?

Priddat: Kleingeld sind Peanuts – genau das.

derStandard.at: Manch einer ist mit dem Horten desselben aber fast reich geworden.

Priddat: Naja, aber nur fast. Wenn Sie ein Kilogramm Kleingeld haben, haben Sie vielleicht gerade einmal einen Hunderter oder 150 Euro. Ich persönlich mag Kleingeld nicht. Das liegt einem schwer auf der Tasche. Manchmal trage ich ein halbes Pfund davon mit mir herum.

derStandard.at: Sie könnten es ja ausgeben.

Priddat: Ich mache es jetzt immer so, dass ich aufrunde. Wenn ich in einem Laden 5,87 Euro zu zahlen hätte, gebe ich sechs Euro und sage behalten Sie den Rest. Die Verkäufer sind dann aber eher erschrocken, weil sie es nicht gewohnt sind, Trinkgeld zu bekommen. Die finden das teilweise unanständig. Noch lieber sind mir diverse Spardosen in den Läden zur Kinderrettung, Alpenrettung etc. Da schmeiße ich auch viele Münzen hinein.

derStandard.at: Das heißt also, Sie brauchen kein Kleingeld?

Priddat: Nein. Mir reicht es, wenn ich ehrlich bin. Ich gebe die Münzen alle drei, vier Tage in eine Schublade. Dann habe ich ein Problem, denn dann habe ich ein bis zwei Kilo Geld. Ich gehe damit zur Sparkasse und sage, ich möchte das Geld einwechseln. Früher gab es so kleine Zählbretter, da musste man sich eine halbe Stunde hinsetzen und sortieren und dann die Münzen in eine Rolle packen. Heute gibt es dafür eine elektrische Geld-Zählmaschine, aber die Sparkasse will dafür fünf Euro haben. Das Kleingeld wird immer teurer.

derStandard.at: So wie vermutlich alles teurer wird, wenn das Kleingeld wegfallen würde.

Priddat: Wir können alles auf einen Euro abrunden. Und wenn etwa ein Kaugummi 50 Cent kosten würde, und es keine 50 Cent mehr geben würde, kaufe ich eben nur mehr zwei Kaugummis um einen Euro. Das heißt also nicht, dass alles teurer werden sollte, so ist das nicht gemeint. Sondern ich erhöhe einfach die Menge. Ein Euro ist auch schon Kleingeld. Aber alles darunter, ein Cent, zwei Cent, fünf Cent, zehn Cent, zwanzig Cent – das brauchen wir alles nicht.

derStandard.at: In Österreich gab es das Sprichwort "Wer den Groschen nicht ehrt, ist den Schilling nicht wert". Solche Volksweisheiten – die allerdings mit dem Euro keine würdige Nachfolge gefunden haben – sind wohl auch eine Generationenfrage?

Priddat: Das ist noch alte Mentalität, die verschwindet. Nur ein Beispiel: Früher, wenn Onkel und Tanten kamen, haben die Kinder ein bisschen Geld bekommen. Ich habe damals 50 Pfennig bekommen, über die ich mich gefreut und die ich in die Spardose geworfen habe. Würden Sie heute Kindern 50 Cent anbieten, würden die griesgrämig schauen oder Sie auslachen. Die erwarten zehn oder zwanzig Euro. Das Kleingeld hat einfach nicht mehr den Wert, was natürlich auch daran liegt, dass die Kaufkraft gesunken ist. Früher war das kleine Geld kaufkräftiger als heute.

derStandard.at: Das heißt, wenn Ihre Annahme, dass das Kleingeld in den nächsten zehn bis 20 Jahren ausstirbt, zutrifft, sind Sie gar nicht traurig.

Priddat: Nein. In Finnland wird schon gar nicht mehr nachgedruckt. Die Holländer mögen das auch nicht so, die Griechen haben zumindest früher das Kleingeld weg- oder den Kindern zugeworfen, das fanden sie schrecklich. Und die Italiener mögen es auch nicht. Die Deutschen und die Österreicher haben dazu ein bisschen eine andere Einstellung. Aber wie gesagt: Gleichzeitig ist das auch eine Generationenfrage. Mein Sohn ist 18, und der zahlt nur noch elektronisch. Und so wird es auch kommen. Als Beispiel: Einkaufen wird so ähnlich funktionieren wie heute die Autobahnmaut. Sie gehen mit ihrem Einkaufswagen mit den elektronisch gekennzeichneten Waren durch einen elektronischen Bogen und die Ware wird direkt vom Konto abgebucht. Deswegen brauchen wir Klein- und wahrscheinlich auch Großgeld nicht mehr. Mein Buch wird also gewissermaßen das Abschiedsbuch für das Kleingeld.

derStandard.at: Weckt das klimpernde Metall bei uns Menschen nicht Assoziationen zu Gold und Silber?

Priddat: Das ist schon sehr menschlich. Obwohl das Kleingeld mit Gold und Silber nichts zu tun hat. Die letzte Silbermünze waren glaube ich die deutschen Fünf-Mark-Stücke. Da war noch ein relativ hoher Silbergehalt drinnen. Die waren noch groß und klangen auch gut. Das ist Vergangenheit. Und außerdem: Für die meisten Menschen war Kleingeld nicht Gold und Silber. Die meisten Menschen lebten in der Neuzeit von den Früchten ihrer Felder und kriegten niemals Geld in die Hand. Wenn sie überhaupt Geld hatten, waren das billige Kupferpfennige oder ganz miese billige Silber- oder Messingstückchen. Das richtige Geld – Gold und Silber – war für die Reichen und die Händler. Auch das erste Papiergeld war für die Händler. Dass heute alle Papiergeld verwenden – so ein Zehn-Euro-Schein hat ja nicht einmal Altpapierwert – bedeutet, es geht um Vertrauen. Das ist neu und modern. Das Hand-, Gold- und Kupfergefühl ist alles schon historisch und Romantik.

derStandard.at: Manche Menschen haben aber ein geradezu lustvolles und auch emotionales Verhältnis zum Kleingeld. Sie wollen es im Gurkenglas sammeln oder in die Sparkassa werfen ...

Priddat: Solange das Geld da ist, wird es auch mit Emotionen verknüpft. Aber noch einmal: Da gibt es durchaus kulturelle Unterschiede. Wir in Deutschland und Österreich "ehren" das Kleinste auch, während man das in anderen Ländern lächerlich findet. Aber ich glaube auch nicht, dass die Münzen eine Chance haben, weil es so teuer ist, sie zu produzieren. Die Produktion der Ein- und Zwei-Cent-Münzen kostet mehr, als die Münzen dann wert sind. Die Deutsche Bundesbank überlegt gerade, ob sie in Deutschland die Menge an Kleingeld einschränkt. Ich glaube, das ist der erste Schritt zu seiner Abschaffung. (Regina Bruckner, derStandard.at, 20.1.2011)

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    Peanuts, die einem wirklich auf die Nerven gehen können: So sieht ...

  • ... Birger Priddat, Ökonom und Philosoph an der Universität Witten/Herdecke, das Kleingeld, ...
    foto: uni witten

    ... Birger Priddat, Ökonom und Philosoph an der Universität Witten/Herdecke, das Kleingeld, ...

  • ... dem er auch sein neuestes Buch widmete: "Kleingeld. Die verborgene Seite des Geldes", erschienen im Kulturverlag Kadmos.
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    ... dem er auch sein neuestes Buch widmete: "Kleingeld. Die verborgene Seite des Geldes", erschienen im Kulturverlag Kadmos.

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