Ennahdha

Islamisten kehren aus dem Exil zurück

19. Jänner 2011, 22:44

Verbotene Partei gibt an, sich an türkischer AKP ausrichten zu wollen - Generalsekretär: "Europa hat Islam-Psychose"

Tunis - Viele Wochen lang haben sie sich die Revolution in ihrem Land nur angesehen, erst vor wenigen Tagen beteiligten sich die Islamisten in Tunesien erstmals sichtbar an den Protesten auf der Straße. Und nun hoffen sie, durch die angestrebte Demokratisierung wieder öffentliches politisches Terrain betreten zu können. Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad spricht bereits von einem Volksaufstand, "um islamisches Recht einzuführen". Doch nach Einschätzung von Experten dürfte es ein steiniger Weg werden, solange sich Tunesiens Islamisten nicht entscheiden können, was sie sein wollen: politische Partei oder radikale Gruppierung.

Im Mittelpunkt steht die Ennahdha-Partei (Al-Nahdha: Wiedererweckung), die größte islamistische Partei des Landes. Unter dem gestürzten Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali war sie zuletzt verboten, ihr Chef Rached Ghannouchi ist noch in London im Exil, auch weitere Parteispitzen flohen ins Ausland. Nun möchte die Ennahdha die Übergangsregierung und deren Versprechen einer demokratischen Öffnung beim Wort nehmen und einen Legalisierungsantrag stellen. "Wir haben das bis jetzt noch nicht gemacht, weil wir verfolgt wurden und uns nicht wiedervereinigen konnten, aber wir planen einen solchen Antrag", sagt Ennahdha-Vertreter Ali Laraidh, der unter Ben Ali 14 Jahre im Gefängnis verbrachte.

 

Generalsekretär: "Europa hat Islam-Psychose"

Eine Generalamnestie für inhaftierte Islamisten in Tunesien hat der Generalsekretär der verbotenen Ennahdha, Hamadi Jabali, in einem Interview mit der "Presse" gefordert. Eine Regierungsbeteiligung lehnt er derzeit ab. Von den Europäern verlangt er, sie sollten versuchten, den Islam zu verstehen. "Bevor man jemanden verurteilt, sollte man mit ihm sprechen und ihm zuhören", sagte Jabali. Der geflüchtete langjährige Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali habe "die Vorurteile der Europäer genutzt, um seine Herrschaft zu stabilisieren."

"Was den Islam betrifft, herrscht in Europa eine Psychose", sagte der Politiker. "Ihr Europäer denkt bei Scharia gleich an Hände, die man Eierdieben abhackt. Wenn man Hände abhacken müsste, dann Ganoven wie Ben Ali, die das Land ausgeplündert und eine Diktatur errichtet haben. Im Ernst: Welches Gesetz in Tunesien angewandt wird, haben nicht wir zu entscheiden, sondern das Volk. Wir sind für eine demokratisch legitimierte Macht."

1989: 17 Prozent der Stimmen

Inspiriert von der ägyptischen Muslimbruderschaft im Jahr 1981 von einigen Intellektuellen gegründet, wurde die Ennahdha toleriert, zunächst auch von Ben Ali, der sich sechs Jahre später an die Macht putschte. Mit den Wahlen 1989, bei denen die Islamisten mit einer "unabhängigen Liste" antraten und 17 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnten, begannen die Verfolgungen der Parteimitglieder. Viele wurden festgenommen, weil ihnen fundamentalistische Umsturzversuche vorgeworfen wurden. "Wenn die Demokratie erst errichtet ist, werden wir Teil der Politik sein, wie alle anderen auch, und wir werden unsere Rechte und Pflichten geltend machen", sagt Laraidh und fordert einen generellen Straferlass für alle Mitglieder.

"Es gab in Tunesien eine Revolution des Volkes mit Forderungen nach sozialen und politischen Rechten. Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, diese Bewegung für unsere Zwecke vereinnahmen zu wollen", versichert einer der Ennahdha-Sprecher in Paris, Houcine Jaziri. "Wir sind bereit, mit jedem zu sprechen, mit allen politischen Kräften und Vertretern der Zivilgesellschaft." Bei den anstehenden Parlamentswahlen will sie antreten, einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl will sie hingegen nicht aufstellen. Die Partei steht für einen gemäßigten Islam und vergleicht sich mit der islamisch-konservativen türkischen Regierungspartei AKP (Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei) von Premier Recep Tayyip Erdogan.

Experten: "Kaum bekannt"

Nach Ansicht von Mouhieddine Cherbib vom Komitee für den Respekt der Freiheiten und Menschenrechte in Tunesien fehlt es den tunesischen Islamisten in dem Land allerdings an einer grundlegenden Akzeptanz. "Sie haben hier keinen Nährboden und sind der jungen Bevölkerung kaum bekannt", sagt er AFP. Die Islamisten seien keine geeinte Bewegung und die Bevölkerung sei ihnen gegenüber gespalten. "Einige betrachten sie als gemäßigt, andere sehen in ihnen den islamistischen Wolf, der umherstreunt", analysiert Cherbib. In den Protesten hätten die Menschen zudem nicht nach mehr Islamismus verlangt, "sondern nach Demokratie und Freiheit".

Der Politologe Larbi Chaouikha teilt diese Einschätzung. "Sobald wir die Demokratie ausgerufen haben, spricht nichts gegen die Ennahdha als anerkannte politische Partei. Aber als weltliche Aktivisten - da habe ich so meine Zweifel", sagt Chaouikha. "Ist die Ennahdha bereit, die Rechte der Frauen zu respektieren, die Trennung zwischen Religion und Politik, kurz: die allgemeingültigen Menschenrechte?" (APA)

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21 Postings
Sternchen100
03
20.1.2011, 10:29

So sehr dieser Mafia-Clan abgesetzt gehörte, befürchte ich einen Zustand wie im Iran nach Absetzung des Schahs: Zuerst zaghafte Demokratisierungsversuche und dann kommt der islamistische Wolf und errichtet "mit dem (aufgehetzten) Volk" gewaltsam eine Islam-Diktatur. So ähnlich wie es im Gaza heute ist, oder in Afghanistand oder im Irak angestrebt wird und sonstwo (Somalia, Sudan, Nigeria, Pakistan...), wo die fanatischen Islamisten und Taliban ihre Unwesen treiben: wie praktisch für die Schurken, dass man alle eigene Boshaftigkeit immer mit Gott rechtfertigen kann.

Fritz Wunderlich
13
20.1.2011, 09:05

warum sich immer alles islamisten im westen ins asyl verkrümmeln können und vor allem wollen, und dort auf den dekadenten und imperialistischen westen schimpfen??? von khomeini in paris bis zu diesem angeblcih gemäßigten islamisten
der udo steinbach rollt ihm den roten teppich aus, was wunder - der hat schon in den neunzigern die liberalisierung der islamischen republik iran prophezeit, und für solche blumenreichen verzerrungen der realität hält ihn sich auch jede bundesregierung, um ihre strategischen und wirtschaftsinteressen zu behübschen

sainty1
00
20.1.2011, 08:34
lol da hat sich da achmadine schon kurz gefreut..

tja zu früh

NONE
03
20.1.2011, 00:08

Oje. An der AKP orientieren?

Das heisst das die Türkei definitiv diesen Weg mitgehen wird, aber ohne EU.

Die werden eine eigene Union machen.

ulrichsasd
02
19.1.2011, 23:17
Ennahdha-Sprecher in Paris, Houcine Jaziri. "Wir sind bereit, mit jedem zu sprechen, mit allen politischen Kräften und Vertretern der Zivilgesellschaft."

ah, interessant, sie sind bereit mit jedem zu reden...

dr mike
37
19.1.2011, 20:00

Islamisten versus ben ali. Da ist mir der ben Ali schon lieber

der Rabe
03
20.1.2011, 13:33
Wahlgeheimnis

Ihr Wahlrecht dürfen Sie im Geheimen nutzen.
Sie müssen nicht hinausposaunen, wen Sie wählen werden.

dr mike
00
20.1.2011, 16:29

Ich bin nur in Libyen wahlberechtigt.

Tower Hill
25
20.1.2011, 06:27
Tja, entscheidend ist,

was den Tunesiern lieber ist.

karl radek1
04
20.1.2011, 13:38
Nein!

Als gestandener Vertreter des Imperialismus weiss ihc besser, was für die anderen gut ist: nämlich das, was für mich gut ist.

antizipierer
22
20.1.2011, 08:40
In 3 Jahren werden Sie sich den Ben Ali noch wünschen

mich nervt dieses demokratische Geschwafel. Das funktioniert in solchen Ländern nicht. Den Fremdenverkehr können Sie für jahre abschreiben. Das bringt jetzt sicher Arbeitsplätze für die Jugend. Tunesien gute Nacht.

der Rabe
04
20.1.2011, 13:31
Verschonen Sie Tunesien...

...mit Ihrer Sehnsucht nach dem starken Mann.

nemo sander
15
20.1.2011, 12:55
du kennst eben die

orientalen, gell. die sind zu nichzs gut als zum urlaub machen und uns europaeer zu bedienen.
du bist der prototyp eines politikers der diktaturen unterstuetzt um europaeische interessen zu wahren.

Tower Hill
14
20.1.2011, 08:50
Ja, ja, das demokratische Geschwafel.

Sie sind also der Meinung, daß ein Machthaber, der Oppositionelle einsperren und foltern lässt, unabdingbar ist? Mit genau dieser Einstellung "des Westens" gewinnen die Islamisten Anhänger, mehr als mit jedem Gottesgeschwafel.

fibiundchillie
11
20.1.2011, 11:50
... daß ein Machthaber, der Oppositionelle einsperren und foltern lässt, unabdingbar ist

unabdingbar, hmhm.
ich würd sagen, die einzige realistische option in arab. staaten.
traurig aber wahr!

Tower Hill
13
20.1.2011, 12:06
Nur daß mit dieser Einstellung der Terror gegen den Westen legitimisiert wird.

Wenn wir für unsere Sicherheit erlauben und unterstützen, daß die Menschen dort terrorisiert werden, dann haben diese das Recht, auch uns dafür zu terrorisieren. Wir sind dann um nichts besser als die, die wir Verbrecher schimpfen.

Sternchen100
01
20.1.2011, 10:34

Das ist ein Weg, den man seit 1989 zur Unterdrückung zuerst der Linken und dann der Islam-Fanatiker gehen musste, ich wette mit Wohlwollen der USA. Die USA (Reagan, beide Bushs...) nimmt ihn Kauf, dass auch Schweine regieren, Hauptsache nicht links. Die dürfen alles sein und tun, nur nicht sozial und links.

Aber du hast recht, diese rückständigen Fanatiker gehören nicht gefoltert, sie gehören in die Psychiatrie. Und linke Demokraten hätten niemals eingesperrt gehört.

Tower Hill
04
20.1.2011, 11:17
"...sie gehören in die Psychiatrie..."

Nun, Sternchen, auch die Psychiatrie ist ein beliebtes Vorgehen totalitärer Regime gegen unliebsame Bürger. Gegen die Islamisten muß mit rechtsstaatlichen Methoden vorgegangen werden - alles andere spielt ihnen nur in die Hände. Und sollte sich ein Volk mehrheitlich entscheiden, unten ihnen leben zu wollen, dann ist das zu akzeptieren. Auch wenns uns nicht gefällt.

bixente uhudla
 
14
19.1.2011, 19:36

ich hoffe für alle tunesier und vor allen tunesierinnen ,daß sich die religiösen dort nicht zu sehr aufspielen und in den vordergrund drängen können...

zivilgesellschaft und islamismus passen nun mal nicht zusammen...

Gerald Nessmann
67
19.1.2011, 17:40
Na schoen

Man freut sich darueber dass die Marionette des Westens in Tunesien abgesaegt wurde und schau, schau was ins Machtvakuum hineinschluepft ...

Und Gutmenschen werden sich gar wundern was in Tunesien in 1-3 Jahren so alles passieren wird. Wahrscheinlich die gleichen, die sich ueber die Verfassungsreform in der Tuerkei gefreut haben.

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