"Man sollte ihnen ihre Parallelgesellschaft gönnen"

19. Jänner 2011, 15:21
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Franz Schulz, der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, sprach mit daStandard.at über "Deutschenfeindlichkeit“ und Manager-Parallelgesellschaften

daStandard.at: Der Anteil der Zuwanderer an der gesamten Bevölkerung in ihrem Bezirk Kreuzberg beträgt über 30%. In Berlin-Treptow oder Mahrzahn liegen diese Werte bei 3%. Warum geschieht nicht mehr in der Raumplanungspolitik um hier eine größere Gleichmäßigkeit zu schaffen?

Franz Schulz: Die meisten Menschen hier haben ja einen deutschen Pass und somit das Recht sich niederzulassen wo sie wollen. Da ist keine Steuerung möglich. Wir haben aber eine sehr unterschiedliche Verteilung. In Friedrichshain gibt es viele Leute aus Vietnam und Russlanddeutsche. In Kreuzberg sind es vorwiegend Türken, Araber und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und bei jeder dieser Herkunftsgruppen gibt es andere Ausgangslagen und Herausforderungen.

Welche?

Franz Schulz: Bei den Nachkommen der Menschen aus Vietnam und Ex-Jugoslawien gibt es exzellente Schulleistungen. Sie haben ein starkes Bild, dass sie der "Schmied vom eigenen Glück" sind.

Ist das bei Türken, Arabern oder Russlanddeutschen anders?

Franz Schulz: Bei Türken in der dritten Generation ist es nicht so stark vorhanden. In der ersten Generation war niemand arbeitslos, dann brach in Berlin die Industrie nieder und bei vielen türkischen Menschen begann die Langzeitarbeitslosigkeit. Die Kinder dieser Leute haben gesehen, dass Vater, Bruder, Onkel und deren Freunde arbeitslos waren und dachten: "Auch wenn ich mich anstrenge, lande ich dort." Es herrschte und herrscht also oft ein negatives Zukunftsbild.

Ist bei arabischstämmigen Berlinern die gleiche Problematik vorhanden?

Franz Schulz: Nein, da ist es so, dass die Kinder eine auffällig unterdurchschnittliche Kita-Besuchszeit haben. Wir brauchen mehr als zwei Jahre in der Kita um ein Kind sprachlich auf die Schule vorzubereiten. Jedoch ist nur jedes zweite arabischstämmige Kind länger als zwei Jahre in der Kita. Bei türkischstämmigen Kindern besteht diese zu kurze Besuchszeit nicht.

Die Autorin und Anwältin Seyran Ates hatte mal vorgeschlagen, dass Kinder ausländischer Herkunft besser auf die verschiedenen städtischen Schulen verteilt werden sollen, um "Ausländerklassen" zu vermeiden. Sie hat dabei auch von Quoten gesprochen, also dass ein bestimmter Prozentsatz an Kindern nicht-deutscher Sprache nicht überschritten werden soll. Können Sie der Idee etwas abgewinnen?

Franz Schulz: Quoten sind Unsinn! Als Grundsatz gilt, dass die Anzahl von Kindern nicht-deutscher Muttersprache nicht entscheidend ist. Wir haben zum Beispiel zwei Grundschulen im gleichen Quartier. Beide mit über 90-prozentigem Migrantenanteil. Bei einer Schule ist das ein Riesenproblem, bei der anderen, 200 Meter weiter, bekommen wir tolle Ergebnisse. Der Unterschied: Die erste Schule hatte vier Jahre lang keine Schulleitung, der Lehrkörper war lustlos, es gab keine Motivation. In der anderen Schule hatten wir es mit einer engagierten Schulleiterin, einem tollen Lehrkörper, interessierten Eltern und funktionierender Kooperation mit der Nachbarschaft zu tun.

In Österreichs Medien geisterten in den letzten Wochen Meldungen über "Deutschenfeindlichkeit" an Schulen umher. Ist da Ihrer Meinung etwas dran?

Franz Schulz: Das Thema ist übertrieben, existiert aber. Es existiert auch umgekehrt. Die Schule bildet nur den Alltag ab. Wenn der große Bruder dem kleinen von den „Scheiß-Deutschen" erzählt, dann transportiert der Kleine dieses Gefühl in die Schule. Das Problem ist aber eher, dass wir eine zunehmend hofartige islamophobe Kultur in Deutschland haben. Ich denke, dass das Problem in Friedrichshain-Kreuzberg existiert, aber nicht alarmierend ist.

Wie weit darf Ihrer Meinung nach "kulturelle Eigenständigkeit" gehen ohne in eine Parallelgesellschaft abzudriften?

Franz Schulz: Bürger lassen sich dort nieder, wo sie wollen, sie richten sich nicht nach Bezirksgrenzen. Die öffentliche Wahrnehmung von zum Beispiel Neukölln ist aber ganz schlimm: arabische Großclans, Hartz IV, Saufen; Und Gesamtdeutschland goutiert das. Der dortige Bürgermeister lässt aber auch keine Gelegenheit aus, da auch noch eins draufzusetzen. Warum gibt es in den Medien eine solche Berichterstattung? Die Frage ist auch: Verharmlose ich Multi-Kulti hier in Kreuzberg oder spitzt Buschkowsky* zu?

Dann sehen Sie Teile von Kreuzberg oder Neukölln also nicht als Parallelgesellschaft?

Franz Schulz: Warum sollten Bürger mit bestimmtem Background nicht in einer Parallelgesellschaft leben, wenn wir in einer Gesellschaft mit nur Parallelgesellschaften leben? Im Sportverein herrschen eigene Regeln. Wenn ich in der Karnickelzucht engagiert bin, bin ich dort auch in einer Parallelgesellschaft, wenn ich mich kulturell engagiere, lande ich auch in einer Parallelgesellschaft. Manager leben in einer Parallelgesellschaft. Sie ist nur bestimmten Personen mit bestimmter Kleiderordnung an bestimmten Orten zugänglich. Man sollte also auch Arabern ihre Parallelgesellschaft gönnen. Die Frage ist dann: In welchem Bereich koppeln sie sich vom Gesetz ab?

Es scheint also, dass Sie die Auffassung von Ihrem Bürgermeister-Kollegen Buschkowsky, dass "Multi-Kulti gescheitert ist", nicht teilen?!

Franz Schulz: Nein, das ist völliger Unsinn. In einer Stadtgesellschaft gibt es tausende von gemeinsamen Regeln und es wurde ja nie gesagt: "Das ist alles problemfrei." Multikulturalismus ist ein Prozess, es ist notwendig sich Regeln zu vergewissern und sie zu verändern.

Dr. Franz Schulz ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und seit 1996 Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg. Er ist promovierter Physiker und lebt in Kreuzberg.

*Heinz Buschkowsky ist Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln und erregte 2004 mit der Aussage "Multikulti ist gescheitert" deutschlandweit Aufmerksamkeit.

 

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    Omar Ibn Al-Khattab-Moschee in Berlin-Kreuzberg.

  • Dr. Franz Schulz ist seit 1996 Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg.
    foto: privat

    Dr. Franz Schulz ist seit 1996 Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg.

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