"Kultur des Kopierens ist Gift für Tourismus"

19. Jänner 2011, 17:36
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Der Zukunftsforscher Andreas Reiter sieht die Vorreiterrolle Österreichs im Tourismus gefährdet. "Innovationen statt mehr vom selben" lautet sein Credo

Der Zukunftsforscher Andreas Reiter sieht die Vorreiterrolle Österreichs im Tourismus gefährdet. "Innovationen statt mehr vom selben" lautet sein Credo. Die Fragen stellte Günther Strobl.

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STANDARD: Wenn Sie die derzeitigen Entwicklungen 20 Jahre in die Zukunft projizieren, wie ist es dann um den Tourismusstandort Österreich bestellt?

Andreas Reiter: Schlechter als in den vergangenen 20 Jahren - es sei denn, es gelingt, die Strukturen nachhaltig zu verändern. Österreich hat in vielen Bereichen des Tourismus noch immer eine Pionierstellung. Da und dort beginnt sie aber zu bröckeln.

STANDARD: Woher droht Gefahr?

Reiter: Vom Mitbewerb. In Österreich haben sich die maßgeblichen Spieler auf der Tourismusbühne schon zu lange ausgeruht. Insbesondere die guten Winterergebnisse hatten eine einlullende Wirkung. Was fehlt, sind Strategien zur Weiterentwicklung.

STANDARD: Geht es den Tourismusunternehmen zu gut?

Reiter: Solange die Zahlen stimmen, werden negative Entwicklungen verdrängt. Der Druck aber nimmt zu, nicht nur im Sommer, auch im Winter - Stichwort Klimawandel. Auch dass im Kaukasus und anderswo super Skigebiete entstehen und dass wir das spüren werden, will man nicht wahrhaben. Ohne Gegensteuerung werden wir beschleunigt Marktanteile verlieren.

STANDARD: Woran mangelt es?

Reiter: In erster Linie an Innovationen. Leider hat sich bei uns eine Kultur des Kopierens herausgebildet. Einer hat eine Idee, viele machen es nach. Das ist Gift für den Tourismus.

STANDARD: Zum Beispiel?

Reiter: Die Skywalks. Ein, zwei, drei dieser Aussichtsplattformen an exponierten Stellen sind okay, jetzt wird es aber fast schon inflationär. Auch in der Hüttenkultur gibt es dieses repetitive Moment. Was fehlt, ist eine stärkere Differenzierung im Angebot.

STANDARD: Wo erwächst dem österreichischen Tourismus die größte Konkurrenz?

Reiter: In Ländern wie der Türkei. In Deutschland beispielsweise, dem wichtigsten Herkunftsmarkt der Österreich-Touristen, liegt die Türkei in der Beliebtheit schon voran.

STANDARD: Sind die Mitbewerber auch erfindungsreicher, oder ist es Sonne, Wärme, Strand, was zieht?

Reiter: So innovativ sind die nicht. Die haben aber einen USP, den wir nie haben werden - All-inclusive -Packages mit Sonnengarantie.

STANDARD: Woher sollen die Innovationen so plötzlich kommen, die kann man wohl schwer einkaufen?

Reiter: Eine Innovationsagentur müsste her, interdisziplinär vernetzt. Die könnte bei der Österreich Werbung (ÖW) angegliedert sein oder selbstständig agieren. Sie müsste klare Aufgaben, Ziele und ein begleitendes Controlling haben. Jeder größere Konzern hat eine F&E-Abteilung, nur im Tourismus gibt es nichts Vergleichbares. Das kann es doch nicht sein. Daneben wäre aber auch eine Aufstockung der Marketingmittel nötig. Um große Märkte wie Indien oder China zu bearbeiten, reicht das derzeitige Budget der ÖW (50 Mio. Euro) bei weitem nicht.

STANDARD: Wenn man alles zusammenrechnet, was ÖW, Landestourismusorganisationen, Destinationen und Ortsverbände an Mitteln haben, kommt man auf etwa 260 Mio. Euro, knapp 60 Prozent stehen für reines Marketing zur Verfügung. Zu wenig?

Reiter: Das Problem ist die mangelnde Verzahnung, sind die Doppelgleisigkeiten. Da wird unnütz viel Geld verbrannt. Auch da müsste man den Hebel ansetzen. Die Betriebe sind jetzt schon stark belastet und zahlen in alle möglichen Töpfe ein.

STANDARD: Sollte die ÖW auch im Inland werben?

Reiter: Ausgeschlossen ist das nicht, der Hauptfokus sollte aber auf den Auslandsmärkten liegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2011)

ANDREAS REITER (52) ist Gründer des Wiener ZTB-Zukunftsbüros. Der Soziologe berät Firmen und Organisationen in strategischer Planung.

  • Einer hat eine Idee, viele machen es nach, meint Andreas Reiter am 
Beispiel der Skywalks.
    foto: standard/andy urban

    Einer hat eine Idee, viele machen es nach, meint Andreas Reiter am Beispiel der Skywalks.

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