Jetset auf Schienen

19. Jänner 2011, 16:42
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Was können denn die ÖBB dafür, dass die meisten Bahnkunden zu geizig sind, im Railjet in der Premium Class zu fahren? Dort spielt man nämlich Flugzeug-Businessclass - und das mit allen Schikanen

Ob man denn nicht auch mal etwas Positives über die ÖBB schreiben könnte, lautet das - selbstverständlich unausgesprochene - Flehen der Mitarbeiter der ÖBB-Pressestelle in den kurzen Atempausen zwischen jenen Sätzen, mit denen sie nachfragenden Journalisten zu erklären versuchen, dass bei der Bahn der Kunde König ist - und man weder Kosten noch Mühen scheut, diesem Maß aller Dinge die Wünsche nicht nur von den Augen abzulesen, sondern diese selbstverständlich auch umsetzt.

Darum sei hier einmal eine Geschichte vom Bahnfahren erzählt, wie man sie bei der Bahn wohl gerne öfter läse. Eine Geschichte, wie aus dem Werbespot - und dabei trotzdem wahr: Was kann denn die ÖBB dafür, dass die Mehrzahl der Fahrgäste zu geizig ist, so zu reisen?

Höflich, fröhlich, gut gelaunt

Aber der Reihe nach. Der Mitarbeiter in der Lounge das Bahnhofes in Salzburg ist so, wie all seine Kollegen in den ÖBB-Lounges: Höflich, fröhlich und gut gelaunt begrüßt der gepflegte und eloquente junge Mann den Fahrgast, steht ihm kompetent - und gleich darauf einem anderen auch mehrsprachig - bei der Fahrplananalyse und dem Ticketkauf zur Seite, interessiert sich für das Befinden des Fahrgastes und findet, während er den Fahrgast bittet, sich bei der Suche nach der Vorteilskarte doch bitte Zeit zu lassen, auch noch Zeit, über das Wetter und die Schneesituation zu plaudern.

Danach weist er den Gast mit einem Nicken auf das umfangreiche Getränke und Zeitschriftenangebot in der Lounge hin, entschuldigt sich für ein halbleeres, verwaistes Colaglas auf einem Tischchen - und ist ganz Lächeln und Freundlichkeit. Als ich mich entschließe, kurzfristig von der (Zweite-Klasse-Halbpreis*)-First auf Premium im Railjet zu wechseln, frohlockt er geradezu: Da gäbe es gerade eine Aktion - statt 25 koste das Upgrade derzeit lediglich 15 Euro. Doch da ich spät dran sei, solle ich doch lieber im Zug upgraden: Man könne ja nie wissen, wie viele Menschen außer mir diese tolle Idee hätten - und im schlimmsten Fall wäre der Premium-Teil des Zuges dann schon voll. Es gehe doch nicht an, dass er mir einen bereits reservierten Platz ... und so weiter.

Die Sorge war übertrieben: Der halbe Waggon, der im Railjet für die Premium Class reserviert ist, ist leer. Menschenleer. Doch falsch! Denn noch bevor ich mich in einem der insgesamt 16 Ledersitze mit ziemlich frei justierbarer Rückenlehne und angenehmer Fußstütze ausgebreitet habe, steht schon ein freundlicher Herr vor mir - und bietet mir eine oder mehrere Zeitungen an. Aber das kennt man eh aus der First.

Bahn spielt Flugzeug

Doch sobald der Zug fährt, spielt der junge Mann Flugzeug. Schließlich muss das "Jet" im Zugsnamen ja auch irgendwie gerechtfertigt werden.

"Tut gut, nicht wahr?"

Sobald der Schaffner meine 15 Upgrade-Euro kassiert hat, steht er vor mir, stellt sich mit wundervoll melodramatischem Hungaro-Akzent vor ("Mein Name ist Tibor T. und ich begrüße Sie ganz herzlich an Bord.") und reicht mir ein feuchtes, warmes Tuch ("Vorsicht, ist sehr heiß!"), mit dem ich mich erfrischen kann. "Tut gut, nicht wahr?" Gleich darauf ist er wieder da - mit einem Welcome-Folder. "Da steht drin, was ich Ihnen an Getränken bringen kann. Das ist alles inklusive." In der anderen hält er die Speisekarte des Zugrestaurants: "Das haben wir auch, aber das kostet extra. Aber ich bringe es Ihnen gerne an den Platz." Dann ein kleines Lächeln. "Aber wir haben auch kleine Snacks. Häppchen. Die bringe ich Ihnen sehr gerne. Das gehört zu unserem Service. Wollen Sie die Reihenfolge bestimmen, oder darf ich organisieren?"

Natürlich darf Tibor selbst bestimmen, wann ich was esse. Aber den Kaffee zum Start wähle ich selbst - obwohl der nicht so richtig zu der kleinen Sushi-Portion im Thermo-Gläschen passt, das gleich darauf vor mir steht. Daneben platziert Tibor ein zweites Häppchen - ein Stück Rindsbraten. Aber das übersehe ich zunächst beinahe: Meine Aufmerksamkeit wird ganz von der kleinen Soja-Pipette beansprucht, die neben dem Sushi-Glas liegt.

Ich könne, meint Tibor, gern noch einmal Sushi haben - aber es gäbe noch anderes im Programm. Ein Süppchen etwa. "Vorsicht, sehr heiß! Und guten Appetit!" Die klare Rindsuppe schmeckt gut, dem beigelegten Grießnockerl fehlt aber ein wenig das Salz - aber ich käme mir ein bisserl blöd vor, deswegen zu reklamieren oder Tibor zu rufen.

Obwohl der allem Anschein nach eh nichts zu tun hat: Er steht in jenem Durchgang, der die Premium von der First Class trennt und die ihm als Bordküche für seinen einzigen Gast dient. Und die ganz nebenbei noch als Schott zwischen mir und dem Erste-Klasse-Pöbel fungiert: An meinem Ende des Waggons ist eine Toilette, die nur mir gehört. Sie ist so sauber, dass man davon essen könnte. Aber die nicht klappernden Tischchen und Ablageflächen in meinem halben Waggon sind mir dann doch lieber.

Nach dem Süppchen serviert Tibor ein Paprikahuhn mit Nockerln. Diesmal ist alles perfekt gewürzt - und das Thermo-Glas hält das Essen auch lange genug warm, um ein paar Telefonate und Mails abzuwickeln. Tibor schaut immer wieder vorbei: Ob alles in Ordnung sei, ob ich noch etwas zu trinken wünsche, ob ich mich auch wirklich wohl fühle. Vielleicht ist es ja nur die Langeweile, die ihn treibt - aber er wirkt eher so, als stünde das Wohl seines Gastes tatsächlich im Zentrum seines Interesses: Dass ich Journalist bin, weiß er nicht - der Schaffner hat nur das blaue Blitzen meiner Vorteilskarte gesehen - und nicht genauer hingesehen, welche der blauen Privilegienkarten ich da halb gezeigt habe. Kurz: Tibor behandelt wohl jeden Fahrgast so.

Nach dem Hühnchen bin ich satt. "Kurze Pause?" fragt Tibor und referiert, was er noch hätte: Gemüsewraps mit scharfer Sauce ("Ich Depp, jetzt fällt mir der Name nicht ein. Verzeihen Sie bitte!") und Apfelstrudel. Aber ich könnte natürlich jeden Gang wiederholen. Ich seufze und danke. Und greife zur "echten" Speisekarte: Eine Gulaschsuppe käme auf 3,60 Euro. Ein Hühnerbrustfilet auf 7,90 Euro. Ein Cola auf 2,80 Euro. Und auch wenn das alles "echte" Portionen sind, würde allein mein Mineralwasser, Kaffee- und Cola-Konsum auf der Strecke Salzburg-Wien die 15 Euro für das Upgrade wohl überschreiten. Zumindest dann, wenn ich die Drinks, die mir Tibor ständig bringt, zahlen müsste.

Der Gemüsewrap, entschuldigt sich mein Kellner knapp vor St. Pölten, sei in Wirklichkeit ein Gemüsetäschchen - und die Sauce sei Chilisauce. "Aber ganz leicht." Ich hätte es schärfer lieber - aber ein Zug ist schließlich kein Asia-Restaurant. Hier zählt der Kleinste-gemeinsame-Nenner-Gaumen.

"Die Fahrgäste genießen es hier schon sehr"

Langsam bin ich wirklich satt. Tibor spürt das - und wartet mit dem Apfelstrudel. Während ich mir in meinem halben Waggon die Beine vertrete, frage ich ihn, ob die Premium immer so leer sei. "Nicht immer. Aber schon manchmal", versucht Tibor diplomatisch auszuweichen. "Im Jänner ist eben nie so viel los." Aber so wirklich voll, räumt er dann ein, werde es hier selten. "Und die Fahrgäste genießen es hier schon sehr." Dann huscht er in seine Bordküche/Normalofahrgastabschirmschleuse - und schiebt meinen Apfelstrudel ins Rohr.

Ich lehne mich zurück. Klappe die Sitzstütze hoch und bin erstaunt, schon in St. Pölten zu sein. Die Fahrt verging wie im Flug. Auch, weil Tibor so toll Flugzeug gespielt hat: Das Fütterprogramm hat seinen Zweck erfüllt - so wie im Flugzeug verhinderte es, dass man auf blöde Gedanken kommt. Etwa auf den, im Zug nach hinten zu wandern. Durch die First in die Economy - vulgo zweite Klasse. Wen interessiert es schon, ob es dort eng ist und wie es dort zur Stoßzeit auf der Hauptroute zugeht: Sogar beim Aussteigen ist der Waggon so positioniert, dass ich die erschöpften Gesichter meiner Mitreisenden aus der Holzklasse nicht zu Gesicht bekommen muss. Das könnte mir schließlich die gute Ankommlaune verderben - und dann fiele es mir gleich viel viel schwerer, endlich einmal eine ÖBB-Geschichte zu schreiben, wie sie sich nicht zuletzt die ganz jungen Aufsteiger und ultradynamischen Kommunikationsprofis in der Bahnzentrale so dringend wünschen - und von diesem undankbaren Journalistenpack viel zu selten serviert bekommen. (Thomas Rottenberg/derStandard.at/19.1.2011)

* Etwas positives über die ÖBB-Personenbeförderung zu schreiben, denken sich die Pressestellen-Mitarbeiter vermutlich (sagen würden sie das nie), kann doch nicht so schwierig sein: Journalisten bekommen schließlich ohnehin das Spezialservice der Bahn. Und zwar zum Holzklasse-Preis. Genauer: Zum halben Holzklasse-Preis. Denn die Journaille bekommt die Vorteilskarte um 49 Euro - und darf mit dem Halbpreis-Zweite-Klasse-Ticket in der ersten Klasse residieren. Etwas Positives über die Bahn zu schreiben sollte also schon auch möglich sein - erst recht, wo das berichtende Volk sich ja ohnedies nie mit dem Pöbel um die engen Sitze in der zweiten Kasse streiten muss. Aber was tun diese Schreiberlinge? Sitzen in der ersten, der Business oder gar der Premiumklasse - und spucken in die Hand, die sie füttert.

Info: Die Fahrt Wien-Salzburg ist 317 Bahnkilometer lang. Sie kostet mit dem Vorteilsticket 23,80 Euro. Normalerweise sitzt man damit in der zweiten Klasse. Das "Premium"-Upgrade kostet als "Neujahrsangebot" bis 31. Jänner 2011 15 Euro, sonst 25 Euro. Der Autor zahlte selbst.

Link: railjet.oebb.at

Zum Thema: Railjet kriegt Speisewagen, Kunden eine Extrawurst
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  • "Willkommen an Bord": Thomas Rottenberg hat getestet, was der normale Bahnreisende nicht zu Gesicht bekommt. Am Menü auf der Railjet-Reise von Salzburg nach Wien unter anderem:
    foto: rottenberg

    "Willkommen an Bord": Thomas Rottenberg hat getestet, was der normale Bahnreisende nicht zu Gesicht bekommt. Am Menü auf der Railjet-Reise von Salzburg nach Wien unter anderem:

  • Klare Rindsuppe mit beigelegtem Grießnockerl
    foto: rottenberg

    Klare Rindsuppe mit beigelegtem Grießnockerl

  • Rindsbraten, daneben im Gläschen Sushi mit Soja-Pipette
    foto: rottenberg

    Rindsbraten, daneben im Gläschen Sushi mit Soja-Pipette

  • Gemüsetäschchen mit Chilisauce
    foto: rottenberg

    Gemüsetäschchen mit Chilisauce

  • Apfelstrudel
    foto: rottenberg

    Apfelstrudel

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