Deutschland-Bewertung fußte auf Prognosen

19. Jänner 2011, 13:59
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Richterin an den Ex-Finanzvor­stand: "Wie kann dasselbe Unter­nehmen einen Verlust machen und gleichzeitig so viel wert sein?"

Wiener Neustadt - Die Erstellung der Libro-Bilanz 1998/99 vor dem geplanten Börsegang wird auch am dritten Prozesstag näher beleuchtet. Ob die Bewertung der Libro Deutschland vor allem eine Bewertung der Zukunft gewesen sei, fragte Richterin Birgit Borns Ex-Libro-Finanzvorstand Johann Knöbl. Dieser stimmte zu und führte aus, dass der Wert, den die KPMG aus einer fünfjährigen Planungsrechnung errechnet habe, relativ leicht zu erstellen sei.

Die defizitäre Libro Deutschland wurde in der Bilanz 1998/99 mit 140 Mio. Schilling (10,17 Mio. Euro) aufgewertet und zwei Jahre danach wieder abgewertet. Ein gerichtlich bestelltes Gutachten kommt zum Schluss, dass dies nicht gerechtfertigt sei.

"Es wird ein Zukunftswert ermittelt, der abgezinst wird. Dann kann man das Unternehmen damit ansetzen", schilderte Knöbl. Der KPMG wurden Knöbl zufolge ausreichende Unterlagen für ein Unternehmensbewertungsgutachten zur Verfügung gestellt und der Wirtschaftsprüfer wusste auch, wofür die Bewertung gebraucht wurde. Borns warf ein: "Scheint eine relativ unproblematische Sache zu sein. Auf deren Basis kann ich dann relativ viel Geld ausschütten."

Sonderdividende

Für die Vorstände wäre es damals wichtig gewesen, zu klären, ob das so gehe. Der mitangeklagte Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann habe anfangs Zweifel gehabt, schilderte Knöbl. "Die letzte Aussage, dass es geht, kam von Nowotny (mitangeklagter stv. Aufsichtsrat, Anm.)", fügte Knöbl hinzu. Die Sonderdividende in Höhe von 440 Mio. Schilling wurde aufgrund der Bilanz im Mai 1999 ausgeschüttet.

"Eine Plausibilität der Bewertung konnten und wollten sie nicht vornehmen?" fragte die Richterin. Knöbl verwies in seiner Antwort auf die Gutachten und seine Berater. Er stimmte Richterin Borns zu, dass ohne viele Voraussetzungen ausgeschüttet wurde, während die Bewertung nur unter bestimmten Voraussetzungen vorgenommen wurde.

Borns zufolge hat die defizitäre Libro Deutschland in der Bilanz 98/99 einen Zuschuss von 18 Millionen Schilling erhalten, weil die damalige Libro-Tochter einen Verlust in dieser Höhe erlitt. Gleichzeitig wurde gesagt, dass das Unternehmen 140 Mio. Schilling wert sei. "Was wäre gewesen, wenn die Mutter den Zuschuss nicht gegeben hätte?" fragte die Richterin. "Wir hätten ein Problem in der Erstellung der Bilanz gehabt", sagte Knöbl. Er verteidigte die Bewertung aber im Hinblick auf das damalige Know-how der Libro und die Überlegungen über die Expansion in Deutschland.

"Wie kann das selbe Unternehmen einen Verlust machen und gleichzeitig so viel wert sein?" fragte Borns und fügte hinzu: "Ich bin nicht diejenige, die BWL studiert hat. In der Bilanz sollen Tatsachen stehen, die jeder verstehen sollte." Damals habe es jede Menge Unternehmen gegeben, die hohe Verluste geschrieben hätten, aber sehr viel wert waren - einige dieser Unternehmen haben heute einen doppelt so hohen Wert, betonte Knöbl.

Es sei immer klar gewesen, dass das Gutachten der KPMG letztendlich auch für die Ausschüttung dient. Die Ausschüttung wurde bei der Hauptversammlung am 6. Mai 1999 beschlossen, so Knöbl. Er habe die Warnung des Leiters des Rechnungswesens vom selben Tag in einer E-Mail gekannt, in der vor einer Ausweitung der Bankverbindlichkeiten gewarnt wurde und die Zahlung der Lieferanten vorerst gestoppt werden sollte. Damit wollte man die vorgegebenen Zielgrößen wie etwa ein bestimmtes Gearing (Verschuldensgrad) für den Börsegang erreichen. Dies sei mit dem "Autowaschen" vor den Stichtagen zu vergleichen.

Danach gab es laut Richterin Borns eine weitere E-Mail, in der der bereits genannte Abteilungschef die Wareneinkäufer zu strikter Einhaltung der Vorgaben aufgefordert habe, "sonst rollen mehrere Rüben". Libro habe innerhalb des letzten Jahres die Bankverbindlichkeiten um 1 Mrd. Schilling gesteigert. Darin sei laut Borns auch die kreditfinanzierte Sonderdividende enthalten.

"Aufsichtsrat wusste, wo es lang ging"

Danach erfragte Borns das Verhältnis Knöbls zum Aufsichtsrat: "Wie haben sie den Aufsichtsrat erlebt? Ich habe viele erlebt, einerseits jene die keine Ahnung haben und andere, die bestimmt haben, wo es lang geht", fragte Richterin Borns. Der Aufsichtsrat der Libro wusste, wo es lang ging, sagte Knöbl. Die kreditfinanzierte Sonderdividende im Ausmaß von 440 Mio. Schilling sei nicht der Grund für die Insolvenz der Libro 2001/02 gewesen, betonte der Ex-Finanzvorstand.

"Was hat die Libro dafür bekommen, dass sie den Kredit (für die Sonderdividende, Anm.) aufgenommen hat?" fragte Richterin Borns. "Eine Milliarde Schilling", antwortete Knöbl. Er meine damit den Börsegang, bestätigte Knöbl.

"Hätt's die Ausschüttung ohne Verschmelzung bzw. den Börsegang gegeben?" fragte Staatsanwalt Johann Fuchs. Nein, denn dann wäre sie nicht notwendig gewesen, so Knöbl. Vorkehrungen für eine mögliche Abwertung von Libro-Deutschland wurden nicht vorgenommen. Knöbl zufolge flossen in diesen Jahren bis zur Insolvenz insgesamt rund 1,3 Mrd. Schilling in die Filialen, die Bankverbindlichkeiten wurden im selben Zeitraum auf 1,4 Mrd. Schilling ausgeweitet. Wie viel für die Expansion in Deutschland veranschlagt waren, konnte Knöbl nicht beziffern.

In Wiener Neustadt müssen sich - knapp zehn Jahre nach der Libro-Insolvenz - seit Montag fünf Beschuldigte wegen Untreue, schweren Betrugs und Bilanzfälschung verantworten. Der Prozess wird mehrere Monate dauern.

"Was ist die Wahrheit einer Bilanz"

 

Der Prozess geht unter der ruhig-souveränen Führung durch Richterin Birgit Borns in - bis dato - angenehmer Atmosphäre über die Bühne. Wer unter der Last der Anklage "schwitzende" Ex-Manager erwartet hätte, wurde bisher "enttäuscht" - vor allem Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl sorgte mit seinen erläuternden Statements wiederholt für Schmunzeln im Saal.

So meinte Knöbl auf die Frage eines Anwalts, dass das Unternehmen in seinem Status in der Bilanz "natürlich richtig" dargestellt wurde und es keine Bilanzfälschung gewesen sei. "Was ist die Wahrheit?" hakte Borns nach. Knöbl stellte allgemein sinnierend in den Raum: "Was ist die Wahrheit in einer Bilanz? Das wäre ein eigenes Verfahren ..."

Was er zur Idee des angeklagten Ex-Libro-Chefs André Rettberg für "Libro-Deutschland neu" - drei verlustreiche Filialen aufzulösen, aber 54 neue zukunftsträchtige zu eröffnen - gemeint hätte, "was dieses Konvolut wert sein könnte", wollte ein Anwalt "hypothetisch" wissen. "Ich hätte gesagt, lassen wir eine Bewertung durch die KPMG machen", konterte Knöbl, worauf lautes Gelächter ausbrach - genau das war ja beauftragt worden.

Als es gestern, Dienstag, um ein von der KMPG selbst als Stellungnahme bezeichnetes Gutachten ging, philosophierte Knöbl, die meiste Arbeit an jedem Gutachten seien immer die 20 Seiten vorher, "wo man recht viel rein schreibt, damit man dann keine Haftung hat. Das Gutachten selbst ist dann eine Seite." (APA)

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