Tür auf, Tür zu, Tür auf, Tür zu

18. Jänner 2011, 23:18
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Die Sensation schien zum Greifen nahe. Doch nach starkem Beginn verloren Österreichs Handballer ihr WM-Spiel gegen Island und damit die letzte Hoffnung auf die Hauptrunde. Bleibt abzuwarten, wie sich der Handballsport entwickelt

16 zu 11 stand es. Zur Pause. Für Österreich. Gegen Island. Und die Österreicher schienen sich als Islands Angstgegner zu bestätigen. 26 zu 23 hieß es am Ende. Für Island. Gegen Österreich. Und die Isländer hatten gar keine Angst mehr. Sie stehen in der Hauptrunde der WM, und Österreich steht im Presidents Cup, in dem es um die Plätze 13 bis 24, um Peanuts, gehen wird. Das letzte Vorrundenspiel gegen Ungarn am Donnerstag hat nicht allzuviel Bedeutung, der östliche Nachbar ist fix für die Hauptrunde qualifiziert.

Vor der Pause hatten die Österreicher am Dienstag in Linköping sensationell aufgespielt. Hinten brachte Nikola Marinovic die Isländer mit vielen Paraden zur Verzweiflung. Vorne zeigte Robert Weber, warum er bester Torschütze der deutschen Liga ist. Die Österreicher setzten Konter, die Isländer rannten sich fest. Nach der Pause ein völlig anderes Bild. Beide Teams begannen nervös, die Österreicher blieben es. Zwölf Minuten lang gelang ihnen kein Tor, Island musste 17:16 in Führung gehen. Dann klappte wieder einiges, doch es klappte nicht genug. Noch einmal führte Österreich mit zwei Goals (20:18), dann hatte sich Island endgültig gefangen. Goalie Gustavsson nahm sich an Marinovic ein Beispiel. Und die Österreicher haderten mit sich, den Referees, begingen aber auch Fouls und Fehler, die sie zu Spielbeginn vermieden hatten.

Vor der WM hatten die Österreicher gehofft, einen ernst zu nehmenden Gegner abzugeben. So paradox das klingt - die Hoffnung hat sich erfüllt, genau das war das Problem. Ganz abgesehen davon, dass bei der Heim-EM 2010 drei von vier und nicht wie bei der WM drei von sechs Gruppenteams die Hauptrunde erreichten, waren die Gegner ungleich besser auf Österreich vorbereitet. Der Überraschungseffekt ist perdu, die ÖHB-Truppe relativ leicht auszurechnen. Kapitän Viktor Szilagyi sagt: "In unseren Analysen müssen wir uns auf viele verschiedene Gegenspieler vorbereiten. Bei uns dürfte das Analysieren einfacher sein." Wenn also etwa die Norweger oder die Isländer auf Österreichs Kreisläufer und die Flügel achtgeben, kann es das schon gewesen sein. "Dann sind wir", sagt Szilagyi, "unserer stärksten Waffen beraubt."

Österreichs Handballern fehlt in Schweden einiges. Das gewisse Etwas, so drücken es die Spieler aus. Klasse und Form, so könnte man es auch sagen. Im Gegensatz zur EM-Qualifikation, in der Island kürzlich besiegt wurde, gab Nikola Marinovic insgesamt keinen überragenden Goalie ab, wenn auch immer noch einen sehr guten. Besseren Marinovic-Fangquoten stand vor allem Österreichs Deckung im Weg, ansonsten stand sie oft nicht sehr im Weg. "Im Handball gewinnt man über die Abwehr", lautet der Leitspruch von ÖHB-Teamchef Magnus Andersson. Demgemäß konnte sich auch im Angriff nicht mehr viel entwickeln.

Im Zentrum von Linköping liefert ein Wegweiser die Entfernungsangaben zu etlichen Zielen auf der Welt. Es handelt sich um Linköpings dreizehn Partnerstädte, eine hört auf den Namen Linz. Das sah nur auf den ersten Blick wie ein Wink mit dem Zaunpfahl aus. Wer den Wegweiser genauer betrachtete, hat unter den 13 Städten auch eine norwegische (Tonsberg) und eine isländische (Isja-fjördur) entdeckt.

Doch natürlich gibt es eine Handball-Zukunft. In der Qualifikation für die EM 2012 (Serbien) steht Österreich nach einem Remis in Deutschland und einem Heimsieg über Island gut da. Das vierte Team in Gruppe 5 ist Lettland, die ersten zwei fahren zur Endrunde. Auch eine weitere WM-Teilnahme ist möglich, nicht zuletzt erwägt der ÖHB eine Bewerbung für die WM 2017. Welchen Weg der österreichische Handball nimmt, bleibt so oder so abzuwarten. Linköping ist eher keine Abkürzung gewesen. (Fritz Neumann aus Linköping, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 19. Jänner 2011)

Österreich - Island 23:26 (16:11). Linköping, Cloetta Center, 1.000, SR Nicolae/Mihal (ROU)

Tore: Weber 8, Szilagyi 3, Bozovic 3, Wilczynski 3, Fölser 2, Friede 2, Schlinger 2 bzw. Petersson 7, Olafsson 5, Stefansson 3, Gudjonsson 3, Atlason 3, Sigurdsson 2, Palmarsson 2, Gunnarsson 1

Spielverlauf: 2:0 (2.), 2:2 (3.), 3:4 (6.), 7:6 (16.), 9:6 (20.), 13:9 (26.), 16:11 (30.), 16:12 (33.), 16:16 (41.), 16:17 (42.), 17:17 (43.), 19:17 (43.), 20:20 (50.), 20:22 (53.), 21:24 (56.), 22:25 (58.), 23:26 (60.)

Stimmen:

Magnus Andersson (ÖHB-Teamchef): "Wir haben am Anfang super gespielt, sind aber leider in der zweiten Hälfte zurückgefallen. Die erste Hälfte war die beste, die wir hier gespielt haben, auch besser als das, was wir in der EM-Qualifikation gegen Deutschland und Island gespielt haben. Sie hat aber auch viel Kraft gekostet. Wir haben zu Beginn der zweiten Hälfte viel dumme Fehler gemacht, dann ist Island zurückgekommen und wir hatten wie gegen Japan viele Probleme im Angriff. Wir können aber stolz sein, haben gut gekämpft. Man darf nicht vergessen, dass wir gegen eine sehr starke Mannschaft gespielt haben. Wir müssen jetzt den Kopf hoch halten."

Patrick Fölser (ÖHB-Teamspieler): "In der ersten Hälfte hat alles sehr gut funktioniert, nach der Pause ist es leider nicht mehr so gelaufen, wie wir es uns gewünscht haben. Da waren wir vorne zu hektisch, das war der Hauptknackpunkt. Die anderen Gegner wissen mittlerweile auch, was wir spielen. Da muss man anders die Lücken finden, aber das haben wir leider nicht geschafft."

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    Gudjon Valur Sigurdsson beim Torwurf, Nikola Marinovic beim Abwehrversuch. Der Isländer steht in der WM-Hauptrunde, der Österreicher steht im Presidents Cup oder auch Peanuts Cup.

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