Galgenfrist

18. Jänner 2011, 19:05
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Der Schlüssel zur Hisbollah liegt in Teheran

Der libanesische Präsident hat eine Atempause verordnet: Die Konsultationen zur Regierungsbildung just an dem Tag zu beginnen, an dem das Hariri-Tribunal seine Anklagen gegen Hisbollah-Mitglieder einreicht - was ja schon im Voraus zum Zerbrechen der alten Regierung geführt hat -, wäre zu viel gewesen. Die Suche nach einem neuen Premier ist ein paar Tage aufgeschoben, und die Anklageerhebung im Fall des 2005 bei einem Attentat getöteten Expremiers Rafik Hariri - und Vaters des gestürzten Premiers Saad Hariri, der geschäftsführend weiter im Amt ist - wird frühestens in ein paar Wochen stattfinden.

Das ergibt nicht mehr als eine Galgenfrist. Aber die Sorgen vor einer Destabilisierung des Libanon sind so groß, dass diesmal die regionale Krisenfeuerwehr sofort tätig wurde. Die erste saudisch-syrische Initiative, die wegen ihrer vermeintlichen Kapitulation der Hisbollah gegenüber ohnehin einen schalen Beigeschmack hatte, ist zwar gescheitert. Aber die Kanäle zwischen Riad und Damaskus sind offen: ein positives Nebenprodukt der Krise.

Auch die Türken werfen sich mit ihrem ganzen neuen Gewicht, das sie im Nahen Osten haben, in die Vermittlung. Sie haben den Vorteil, dass sie von den Iranern im Moment für deren Atomverhandlungen gebraucht werden. Der Schlüssel zur Hisbollah liegt in Teheran. Vielleicht hat man dort doch aufmerksam Wikileaks gelesen - und kapiert, dass ein konstruktiver iranischer Beitrag für das eigene Image in der arabischen Welt überfällig wäre. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2011)

 

 

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