Ein Billa-Kind, Gutachten und Millionengewinne

18. Jänner 2011, 21:35
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Am zweiten Prozess-Tag stand die Millionen-Schilling-Dividende an die Libro-Altaktionäre im Zentrum

Wiener Neustadt - Um die Millionen-Dividende, die sich die Libro-Altaktionäre im Spätfrühling vor dem Börsengang der Buchhandelskette gegönnt haben, drehten sich die Einvernahmen am zweiten Tag des Libro-Prozesses. Rede und Antwort stehen musste der Ex-Vorstand, allen voran Ex-Libro-Chef André Rettberg, der an der Ausschüttung von umgerechnet 31 Mio. Euro nach wie vor nichts Anstößiges finden konnte - obwohl Libro dafür Kredit aufnehmen musste und 10,7 Mio. Schulden erbte.

"Ich habe es nicht hinterfragt, das war für mich eine Eigentümerentscheidung. Herr Stiassny (Kurt, UIAG-Chef und Libro-Aufsichtsratschef;Anm.) wollte, dass wir das vorschlagen" , sagte Rettberg unter Hinweis auf "die gesunde Liquidität und 2,4 Milliarden Schilling an Kreditrahmen" , über die Libro verfügt habe. Außerdem habe man Aussicht auf eine Milliarde Schilling (72,67 Mio. Euro) Erlös aus dem Börsengang gehabt, für den "der Weg nun frei war" . Dass sich Libro damit im Prinzip selbst kaufte, weil die Kredite, mit denen die UIAG-Tochter UD-AG den Libro-Kauf von Billa-Gründer Karl Wlaschek finanziert hatte, zumindest teilweise mit der Dividende getilgt wurden, wie Richterin Birgit Borns kritisch anmerkte, störte Rettberg nicht. "Es war bei Billa ja auch kein Problem, wenn sich Herr Wlaschek den ganzen Gewinn ausschütten ließ - je nach unternehmerischer Notwendigkeit." Libro habe immer Dividenden ausgeschüttet: 7,3 Mio. Euro 1996, 1,5 Mio. 1997 und 1998 umgerechnet 2,9 Mio. Euro.

Die Liquiditätsprobleme, auf die Libro-Buchhalter just am Tag der Ausschüttung im Mai 1999 per E-Mail hinwies, beunruhigten Rettberg ebensowenig wie der verkündete Zahlungsstopp an Lieferanten. Letzteres sei brutal, aber im Handel üblich, um "Zahlungsziele zu erwirtschaften" . Frisches Geld käme ja vom Börsengang.

Der Weg zur Börse wurde freilich erst durch rechtliche und bilanzielle Kunstgriffe frei, wie Staatsanwalt und Gerichtsgutachter kritisieren. So gab es bei Libro unter "Filiale 099" ein Warenlager, das laut Bilanz 5,5 Mio. Euro wert war, bei dem aber nie zweifellos geklärt wurde, ob je Lagerbestand vorhanden war - oder Fiktion, weil EDV-Daten nicht übereinstimmten. Laut Rettberg und dem Zweitangeklagten, Ex-Libro-Finanzvorstand Johann Knöbl (kam im Herbst 1998 zu Libro), handelte es sich um "echte Werte" , weil nicht verkaufte Waren nach Weihnachten von den 250 Filialen eingesammelt und an Lieferanten retourniert wurden, wofür Libro Gutschriften bekam.

Mysteriös, laut Anklage sogar kriminell, stellt sich die Aufwertung des aus drei Filialen bestehenden defizitären Bayern-Geschäfts dar. Es wurde in die Libro-Management GmbH eingebracht, was - Zufall oder nicht - eine deutliche Aufwertung auf 10,2 Mio. Euro erlaubte. Rettberg war Chef von Libro-Deutschland, will darüber aber nicht informiert worden sein - obwohl diese Aufwertung auf einem Gutachten fußte, das Libro zwecks Erstellung von Expansionsplänen bei KPMG bestellte. KPMG vermerkte in ihrer Bewertung wohlweislich, dass es "nicht für Transaktionen" verwendbar sei. Die Deutschland-Zukunft habe 1999 super ausgesehen, sagte Rettberg, der sich vor Gericht als "Billa-Kind, das immer Billa als Vision hatte" beichnete.

Zufall oder nicht: Mit der Aufwertung in Deutschland verfügte Libro plötzlich über jene 140 Mio. Schilling Aktiva, die WU-Professor Christian Nowotny als notwendig errechnet hatte, um die verbliebenen 147 Mio. Schilling Schulden der UD-AG auf Libro verschmelzen zu können. (ung, DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2011)

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    Sah seine von Billa herausgekaufte Libro-Gruppe durch eine Millionendividende nicht in der Existenz bedroht.

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