Der Polizist mit der "Gold-Card" vom Kasino

18. Jänner 2011, 17:00
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Chefinspektor leitete Zeugenaussage nicht weiter: Wollte Gericht "nicht verunsichern"

Wien - Die oftmaligen Kasino-Besuche des Wiener Chefinspektors waren am Dienstag quasi eine Aufwärmrunde. Denn laut Anklage hatte der Gruppenleiter der Kriminaldirektion 1 sein Glück in Kleinhaugsdorf in Zeiten versucht - die er als Überstunden oder Journaldienst verrechnete.

Der angeklagte Franz P. meint: "Bei uns war Flexibilität angesagt." Und das sei mit dem Gruppenführer so abgesprochen worden. Richterin Irene Mann: "Und wer war Ihr Gruppenführer?" Franz P.: "Na ich." Und warum er überhaupt eine "Gold-Card" für das Kasino hatte, mit der es Essen und Getränke gratis gab? Die habe ihm der Kasinochef aus Dankbarkeit gegeben - weil er ihn bei Einführung des Euro darüber beraten habe, auf was man aufpassen müsse.

Dann aber ein zentraler Punkt in der Anklageschrift: die Ermittlungen nach dem Mord im Ottakringer Lokal "Cappuccino". Laut Anklage soll der Chefinspektor bei der Einvernahme eines Zeugen - die von Franz P. nie protokolliert oder auch nur vermerkt wurde - vor dessen Augen die Niederschrift einer früheren Aussage zerrissen haben. Mit den Worten "I muss dich schützen."

Zeugen ins Büro geholt

Chefinspektor Franz P. war von einem Kollegen gebeten worden, die von ihm aufgenommene Aussage ans Gericht weiterzuleiten. Doch der Chefinspektor holte sich den Zeugen noch einmal ins Büro - und danach war die Niederschrift verschwunden. Sie wurde erst später wieder in einem Polizeicomputer gefunden.

Der Angeklagte erklärt nun dazu vor Gericht: Der Inhalt der Aussage sei nachweislich falsch gewesen und daher seien zusätzliche Erhebungen nötig gewesen, um das Gericht nicht zu "verwirren". Er habe die Niederschrift in einen "Kopienordner" gelegt, doch dort wurde sie nie gefunden.

Richterin Mann: "Glauben Sie, dass es im Interesse des Staates und der Gerichte ist, wenn Sie als Ermittler vorab entscheiden, was wahr ist und was nicht?" Franz P.: "Wenn einer sagt, er hat ausgependelt, wer der Mörder ist, schick ich's auch nicht weiter."

Der Zeuge habe Drogenprobleme gehabt, sei extrem unzuverlässig gewesen und habe seine Aussagen ständig geändert. Allerdings: Genau dieser Zeuge war ein paar Monate später für den nun angeklagten Chefinspektor wieder als "Zund" (Informant) in der Wiener Halbwelt unterwegs gewesen.

Der Prozess wird fortgesetzt. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 19.1.2011)

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