Detektivarbeit Hochwasserforschung

19. Jänner 2011, 18:37
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Von Australien bis Brasilien - Forscher Günter Blöschl bestätigt eine Häufung von Überschwemmungen - Der "Täter" wurde noch nicht überführt - Mensch und Natur stehen unter Verdacht

Im Zentrum des australischen Hochwassers hätte eine exakte Prognose auch nichts mehr geholfen, sagt Hochwasserforscher Günter Blöschl von der Technischen Universität (TU) Wien. Zu groß waren die Wassermassen. Brasilien und Pakistan sind zwei weitere Beispiele aus dem vergangenen Jahr: Die Ursachen für die Häufungen von Überschwemmungen ist noch nicht erforscht. Es muss nicht nur an der Beeinflussung der Umwelt durch den Menschen liegen, denn oft häufen sich Überschwemmungen in Dekaden: Das könne auch seit 4000 Jahren am Nil beobachtet werden, berichtet der Wissenschafter im Interview mit derStandard.at. 

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derStandard.at: Eine Einschätzung vom anderen Ende der Welt: Wie konnte es in Brisbane und Umgebung zu den massivsten Überschwemmungen in Australien seit Jahrzehnten kommen?

Günter Blöschl: Das australische Frühjahr war sehr nass. Die Niederschlagsmengen waren der Auslöser, aber in Kombination mit dem Vorregen. Der Boden konnte das Wasser nicht mehr aufnehmen.

derStandard.at: Wie beurteilen sie das Hochwassermanagement der australischen Behörden?

Blöschl: Im Grundsatz gilt: Wenn das Hochwasser einen bestimmten Pegel erreicht, kann man kaum noch etwas machen. Aber im "Feintuning" wären schon Verbesserungen möglich gewesen. Der Schutz der lokalen Bevölkerung wäre sicher zu optimieren.

Vorhersagen über großräumige Überschwemmungen helfen zwar immer, aber eher in den Randbereichen. Im Fall von Australien: Im Zentrum des Hochwasser, wo die größten Schäden waren, hätte weder eine Vorhersage, noch ein Schutz der Häuser geholfen.

derStandard.at: Gibt es mehr und gravierendere Hochwasser? Im vergangenen Jahr kamen aus der ganzen Welt dramatische Berichte und Fotos. Oder hängt unsere Wahrnehmung mit der verstärkten Medienberichterstattung zusammen und es gab immer wieder Zeiträume mit großen Überschwemmungen?

Blöschl: Diese Frage wird mir natürlich jede Woche dreimal gestellt. Sie ist nicht einfach zu beantworten. Es ist so, dass wir in manchen Regionen schon signifikant stärkere Hochwasser gemessen haben. Das ist eine Tatsache.

derStandard.at: Hängt das vielleicht mit einer anthropogen beeinflussten Klimaveränderung zusammen? Oder mit der Siedlungstätigkeit der Menschen, die immer öfter am Wasser leben?

Blöschl: Global kann man keine Antwort geben. Aber oft sind mehrere Komponenten beteiligt. Die TU hat unlängst eine Studie über Überschwemmungen in Afrika durchgeführt, die in den vergangenen Jahren viele Menschenleben gekostet haben. Wir haben nachweisen können, dass die Ursache die Siedlungstätigkeit war und nicht das Hochwasser. Es wohnen einfach viel mehr Leute am Wasser als vor hundert Jahren. Das ist aber nur ein Beispiel, bei dem man es relativ klar sagen kann.

In Österreich, wo wir die Situation noch besser erforscht haben, kann man ganz klar einen Trend beobachten: Wir hatten in den vergangen zehn Jahren eine Häufung von Hochwässern. Allerdings muss man auch sagen, dass eine Häufung von Hochwässern in Dekaden durchaus öfter auftritt.

derStandard.at: Können Sie ein Beispiel nennen?

Blöschl: Beim Nil gibt es zum Beispiel seit 4000 Jahren Aufzeichnungen zu Überschwemmungen. Wenn man nachforscht, wann die großen Wasserstände waren, entdeckt man Dekaden, in denen es mehr Überschwemmungen gab. Wir verstehen noch nicht genau, warum das so ist. Aber dieses Phänomen ist überall auf der Welt klar nachgewiesen.

Man könnte das auf zweierlei Weise interpretieren: Es hängt mit dem Klimawandel zusammen - man muss diese Interpretationen aber nicht bemühen. Denn in den letzten zehn Jahren des 19. Jahrhunderts gab es fünf der sechs größten Donauhochwässer in jenem Jahrhundert. Diese Häufung hängt sicher nicht mit dem anthropogenen Klimawandel zusammen.

Wie ein Detektiv Belege sammelt und dadurch den Täter überführt, so sammeln auch wir in der Hydrologie Belege. Die Spuren sind aber nicht immer eindeutig: Der Tatverdächtige kann nicht immer überführt werden.

derStandard.at: Wie sieht die Situation in Österreich aus: Welche Gebiete sind mehr von Hochwasser gefährdet/betroffen und wieso?

Blöschl: Die großräumigen Hochwässer betreffen vor allem Gemeinde, die direkt am Wasser liegen, wie an der Donau, an den großen Zubringern wie Salzach, Enns und Kamp. Auch die Steyr ist oft betroffen, da das Niveau der Stadt relativ niedrig ist im Vergleich zum Fluss.

Die lokalen, von Gewittern ausgelösten Hochwasser betreffen nicht nur Orte an Flüssen, sondern es kann eben auch Ottakring und Neubau - wie letzten Sommer - treffen. Wobei es Gegenden gibt, die mehr gefährdet sind: Ost- und Südostösterreich besonders. Die Buckelige Welt, Südburgenland, die östliche Steiermark und teilweise das Marchfeld sind von dieser Art am stärksten betroffen. Durch die hügelige Landschaft kann es einfacher zu Instabilitäten der Atmosphäre und folglich zu Gewittern kommen.

>>> Umblättern zum zweiten Teil des Interviews

Zur Person

Günter Blöschl ist Leiter der Abteilung Ingenieurhydrologie an der Technischen Universität Wien. Er beschäftigte sich im Rahmen seiner Diplomarbeit und Dissertation mit dem Thema "Schneehydrologie". In diesem Zusammenhang untersuchte er Faktoren, die zu Hochwasser führen. 1992 ging Blöschl für zwei Jahre mit einem Schrödinger Stipendium an die Australian National University in Canberra. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf Hochwassermanagement, -vorhersage und -schutz.

  • Hochwasser im August 2005 in Kappl-Nederle im Paznauntal.
    foto: asi / land tirol / bh landeck

    Hochwasser im August 2005 in Kappl-Nederle im Paznauntal.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Astronauten der NASA machten dieses Bild am 13. Jänner dieses Jahres, darauf sind der Brisbane River und das überschwemmte Gebiet rund um und in Brisbane zu sehen.

  • Günter Blöschl ist Leiter der Abteilung Ingenieurhydrologie an der TU 
Wien und beschäftigt sich mit Hochwassermanagement.
    foto: privat

    Günter Blöschl ist Leiter der Abteilung Ingenieurhydrologie an der TU Wien und beschäftigt sich mit Hochwassermanagement.

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