"Bilanz vor Börsegang hat für mich gestimmt"

18. Jänner 2011, 16:36
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Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, Ein- und Verkauf, so schildert der Ex-Manager des Jahres Rettberg seine Aufgaben

Wr. Neustadt - Der angeklagte Ex-Libro-Chef Andre Rettberg (53) hat am zweiten Verhandlungstag über Details der ausgeschütteten Sonderdividende in Höhe von 440 Mio. Schilling aufgrund der Bilanz 1998/99 ausgesagt. Damit wurde letztendlich der zuvor kreditfinanzierte Kauf der Buchhandelskette aus dem Imperium des ehemaligen Billa-Eigentümers Karl Wlaschek finanziert. Die Ausschüttung nannte Rettberg eine unternehmerische Entscheidung, die er nicht hinterfragt habe. Zuvor hatte Libro seinen Angaben zufolge 1996 100 Mio., 1997 20 Mio. und 1998 40 Mio. Schilling ausgeschüttet.

Die Frage von Richterin Birgit Borns, warum man gerade vor dem Börsegang dem Unternehmen Kapital entziehe, konnte Rettberg nicht beantworten. Dies sei so beschlossen worden und von externen Beratern bzw. Aufsichtsrat durchdacht. Zwar sei der Vorschlag für die Ausschüttung der Dividende von ihm und Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl unterschrieben worden, gemacht wurde er vom mitangeklagten Aufsichtsratschef Kurt Stiassny. Er habe Stiassny vertraut: "Es gab für mich keinen Grund, die Ausschüttung nicht vorzunehmen." Er war überzeugt, dass die Bilanz 1998/99 mit einem Gewinn von 447 Mio. Schilling ordnungsgemäß erstellt war. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war diese Bilanz massiv überhöht.

Keine Kommunikationsschiene

Über Zahlungsschwierigkeiten von Libro, die der Leiter der Buchhaltung am selben Tag der Ausschüttung in einem Mail angesprochen hatte, wusste Rettberg nach eigenen Angaben nichts, denn das Mail war nicht an ihn adressiert. Auch hatte es keine Kommunikationsschiene mit dem Chef-Buchhalter gegeben. Er habe nur einmal mit ihm gesprochen, sagte Rettberg aus. Für ihn war das Unternehmen damals in einem guten Zustand, auch angesichts des Kreditrahmens von 2,4 Mrd. Schilling, der nicht vollständig ausgeschöpft wurde.

Die Entscheidung über die Ausschüttung einer Dividende war Sache des Eigentümers und ginge Libro nichts an, antwortete Rettberg auf die Frage der Richterin, was Libro von der Ausschüttung der Dividende hatte, angesichts des Plans an die Börse zu gehen und zu expandieren. "Es war klar, dass Libro die 440 Millionen Schilling nicht auf der hohen Kante hatte." Dass die davor erstellte Bilanz nicht ordnungsgemäß erstellt sein könnte, verneinte Rettberg: "Für mich hat die Jahresbilanz gestimmt."

Dem Finanzvorstand vertraut

Seine Aufgabe im Unternehmen schilderte der ehemalige "Manager des Jahres" damit, dass er für den Ein- und Verkauf verantwortlich war. Darüber hinaus habe er die Öffentlichkeitsarbeit und das Marketing gemacht. Da habe er sein profundes Wissen einbringen können, so Rettberg. Er wurde vor der Annahme des Vorstandsmandats über die Haftung aufgeklärt, die sich aus der Position des Generaldirektors ergeben habe. Dennoch verwies er etwa bei der Aufnahme von Krediten, die er mitunterschrieben hatte, darauf, dass dafür Finanzvorstand Knöbl zuständig war und er ihm vertraut hatte - aber nicht "blindlings", wie Richterin Borns nachgefragt hatte.

In die Vernehmung von Rettberg hat sich am Vormittag auch immer wieder Staatsanwalt Johann Fuchs eingeschaltet. Er wollte von Rettberg wissen, für welche Entscheidungen im Zusammenhang mit der umstrittenen Dividendenausschüttung er sich eigentlich persönlich verantwortlich fühle. Rettberg betonte wiederholt, dass er auf seine Berater vertraut habe.

"Das ist nicht die Antwort auf meine Frage", setzte Fuchs nach, immer noch nicht verstehend, wofür Rettberg eigentlich zuständig war. Für Marketing und Verkauf, Expansion und Öffentlichkeitsarbeit, erläuterte der Angeklagte erneut, räumte aber ein, dass im Vorstand nie etwas gegen seinen Willen beschlossen worden war. Getäuscht von einem Mitarbeiter fühle er sich aber nicht.

Wir-Form

"Sie sprechen immer in der 'Wir-Form'", wunderte sich Fuchs. "Ich" könne man als Chef einer Bäckerei sagen, in einem großen Unternehmen gebe es geteilte Aufgaben und gemeinsame Entscheidungen, erläuterte Rettberg. Er habe sein Fachwissen eingebracht und Visionen vorangetrieben. Etwa bei der Kreditaufnahme habe Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl die Entscheidung getroffen und er unterschrieben.

Im Zweier-Vorstand gab es laut Rettberg keine Notwendigkeit für ein "letztes Wort". Zur Aufgaben-Splittung merkte er an, dass zum Beispiel Facebook-Gründer Marc Zuckerberg keine Ahnung von Betriebswirtschaft hätte, weil er zu jung sei. Als Generaldirektor müsste man nicht über den Finanz- oder juristischen Bereich Bescheid wissen - er habe sich auf die Unternehmensstruktur verlassen können. Für seine Verantwortung als Generaldirektor habe er viel Geld bekommen, merkte die Richterin Birgit Borns an.

Für die Planung des Börsegangs seien der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Informationen, u. a. ein exakter Filialenvergleich von Libro Österreich und Deutschland sowie Amadeus, vorgelegen. Der Auftrag dafür sei im März 1999 ergangen. Mit der Expansion in Deutschland habe man sich seit 1997 befasst, Buchhaltung und KPMG hätten festgestellt, dass die Expansion finanzierbar sein, an genaue Zahlen könne er sich nicht erinnern.

Verändertes Marktumfeld

Es habe Überlegungen gegeben, Partner zu suchen, so Rettberg mit Verweis auf Weltbild oder die Douglas-Gruppe, er selbst habe mit Bertelsmann gesprochen. Im Fünf-Jahres-Plan waren 54 Standorte in Deutschland geplant, dann habe sich der Markt nicht wie erwartet entwickelt, verwies er auf das sich deutlich ändernde Marktumfeld im Buch- und Musikhandel ab Mitte 2000. Libro Deutschland musste geschlossen werden.

Der zuvor stark gewachsene E-Commerce sei eingebrochen, dazu kam die Diskussion um die Buchpreisbindung, die deutschen Verlage hätten Libro widerrechtlich gesperrt. Statt der ursprünglichen Absicht, dass Lion und AON eine gemeinsame Plattform aufbauen sollten, sei die Telekom zum Konkurrenzunternehmen geworden, erläuterte Rettberg die Gründe, die zur Krise führten. Die Liquiditätsprobleme habe er Ende April 2001 wahrgenommen.

Zur Sprache kam auch die Notwendigkeit von externen Beratern, auf deren exzellenten Ruf Rettberg verwies. Dabei war u. a. auch eine Rechnung im Ausmaß von 164.000 Schilling für eine Reise ins Disney Land Paris - mit Kindern -, merkte Borns an. Das sei im Rahmen einer Leistungsbezahlung für die monatelange Planung einer alternativen Filiale gewesen, die dann in Traiskirchen umgesetzt wurde, so Rettberg. "Das war ein Testbetrieb, das war das Geld wert." 

Libro Deutschland

 

Die von der Staatsanwaltschaft beanstandete Aufwertung der Libro Deutschland für die Bilanz 1998/99 auf 140 Millionen Schilling (10,17 Mio. Euro) wurde beim heutigen zweiten Verhandlungstag näher beleuchtet. Libro Deutschland hatte damals drei Filialen und schrieb nur Verluste, geht aus der Anklageschrift hervor. Nach dem Börsegang im November 1999 wurde Libro Deutschland wieder abgewertet. Rettberg, der auch Geschäftsführer von Libro Deutschland war, verweist wie öfters im Prozess auf seine Berater. Die Schließung von Libro-Deutschland hätte sich erst aufgrund der geänderten Marktlage ergeben.

Im Vorfeld der Aufwertung warnte WU-Professor Christian Nowotny als stellvertretender Aufsichtsratschef am 19. April 1999 in einem Brief den damaligen Aufsichtsratschef Kurt Stiassny, dass die geplante Entschuldung der UDAG, damals noch Mutter der Libro, nur bis auf 145 Mio. Schillig möglich wäre, berichtete Richterin Birgit Borns. Die Entschuldung wurde im Rahmen des Downstream-Mergers geplant, bei dem die Tochter (Libro) die Mutter (UDAG) übernommen hatte. Dies sollte als Vorbereitung für den Börsegang dienen. Diese Warnung des Mitangeklagten Nowotny kannte Rettberg nach eigenen Angaben nicht.

"Es fehlen genau 145 Mio. Schilling und dann ergibt die Bewertung der Libro Deutschland 140 Millionen? Erklären sie mir das", fragt Borns nach. "Das kann ich nicht erklären", antwortete Rettberg und verwies im weiteren auf ein "Gutachten" der KPMG. Dieses bezeichnet die KPMG selbst nur als "Stellungnahme".

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hätte umfangreiche Unterlagen für die Bewertung gehabt - alle Daten etwa von Libro Österreich, Libro Deutschland und Amadeus. "Perfekter geht es nicht", fügte Rettberg hinzu. Auf den Einwand der Richterin, dass KPMG in seiner Bewertung festhielt, dass dies kein Transaktionspreis sei, meinte Rettberg, dass die Marke Libro eine Kraft war, die selbst in Deutschland und Großbritannien bekannt war.

"Weil wir es so wollten"

Auf die Frage der Richterin, ob Rettberg glaube, dass er die Libro Deutschland um 140 Millionen Schilling hätte verkaufen können, antwortete der Ex-Libro-Chef, dass Investmentbanken damals auch mit höheren Werten rechneten als KPMG. Rettberg zufolge beschäftigte man sich bereits seit 1997 mit der Expansion in Deutschland. Warum etwa der gerichtlich bestellte Gutachter Ex-Finanzminister Andreas Staribacher in seinem Gutachten zum Schluss kommt, dass die Bewertung von Libro-Deutschland nicht rechtens sei, könne sich Rettberg nicht erklären.

Warum die Aufwertung gerade für die Bilanz 1998/99 erfolgte und nicht vorher oder nachher, fragte Richterin Borns Rettberg. "Weil wir es so wollten", antwortete er. Es wäre klar gewesen, dass man in Deutschland expandieren wollte. 1993 wurden die ersten Filialen eröffnet. Den von der Richterin ihm vorgehaltenen handschriftlichen Buchvermerk Rettbergs aus dem Jahre 1999, dass es in Deutschland keine Strategie gebe, erklärte er damit, dass sich dies auf eine bestimmte Abteilung bezog, die keine Strategie gehabt hätte.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war die vorübergehende Aufwertung der Libro Deutschland, für die es 1997 bereits Schließungspläne gegeben haben soll, und die daran anknüpfende Ausschüttung der "Sonderdividende" im Ausmaß von 440 Mio. Schilling nicht gerechtfertigt. Das Scheitern der Expansion in Deutschland wurde letztendlich 2001 erkannt und eingestellt. (APA)

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    Rettberg wurde nach eigenen Angaben vor der Annahme des Vorstandsmandats über die Haftung aufgeklärt, die sich aus der Position des Generaldirektors ergeben habe.

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