Warten auf den neuen Staat

18. Jänner 2011, 16:10
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Die Stimmen sind noch gar nicht gänzlich ausgezählt, das Erbebnis gilt dennoch als sicher. Wenn das vorläufige Ergebnis des Referendums über die Unabhängigkeit des Südsudans am 31. Jänner bekanntgegeben wird, wäre alles andere als eine überwältigende Mehrheit für die Sezession eine Überraschung. Die wenigen bereits bekannten Teil-Wahlergebnisse deuten auf ein eindeutiges Votum für die Unabhängigkeit hin. Im Fall der Abspaltung soll der neue Staat am 9. Juli ausgerufen werden.

 

Laut den vergangenen Samstag veröffentlichten ersten Auszählungen in der Hauptstadt der bisher halbautonomen Region Südsudan, Juba, lag die Beteiligung dort bei 95 Prozent. Von den 30.000 ausgezählten Stimmen wurden fast 96 Prozent für die Teilung des Sudans abgegeben. Drei Prozent der Wähler wollten die Einheit des Landes erhalten, der Rest der Stimmen war ungültig.

 

Insgesamt wurden im Sudan 3,2 Millionen Stimmen abgegeben. Ausgezählt werden sie seit Schließung der Wahllokale vergangenen Samstagabend. In den südsudanesischen Medien gibt es schon jetzt Überlegungen und Umfragen, wie der neue Staat heißen soll, um die Trennung vom Norden auch mit einem neuen Namen zu verdeutlichen. Eine eigene Flagge hat der Südsudan bereits, ebenso eine Nationalhymne. Der Nil-Fluss soll Namenspate des neuen Landes sein, lautet der Tenor bei der größten Tageszeitung im Süden "The Citizen". "Nilrepublik" lautet ihr Vorschlag, denn "die meisten unserer Gemeinden liegen am Nil", so Nhial Bol, Redakteur bei "The Citizen" in einem Bericht der "Nürnberger Nachrichten". Und: "Die Beziehungen zu unseren Nachbarn hatten immer mit diesem Strom zu tun." Das letzte Wort bei der Taufe des neuen Landes hat Kulturminister Gabriel Changson Chang. Und der sagt, man werde erst einmal am Namen "Südsudan" festhalten, später könne man sich immer noch umentscheiden.


"Ein historischer Moment"

 

"Für die Leute ist dieses Referendum ein historischer Moment und ein emotional sehr aufgeladenes Thema", sagt Carlo Koos im Gespräch mit derStandard.at. Koos ist als Field Coordinator für Ärzte ohne Grenzen in Agok in der Region Abyei zwischen Nord- und Südsudan im Einsatz. Die Abstimmung selbst verlief ohne größere Zwischenfälle. Entlang der Grenze zum nördlichen Teil des Landes, der von der Regierung in Khartum kontrolliert wird, kommt es aber immer wieder zu tödlichen Kämpfen und Überfällen. Immer wieder werden dort die Menschen daran gehindert, in den Süden zu reisen, um ihre Stimme abzugeben.

 

"Seitdem das Referendum begonnen hat, sind die Konflikte und gewaltsame Zusammenstöße schon deutlich gestiegen", sagt Koos. "Vor allem nördlich von Abyei, wo immer wieder etwas passiert. Aber es gibt hier grundsätzlich Gebiete, die relativ unsicher sind, das hat jetzt nicht unbedingt etwas mit dem Referendum zu tun. Die Spannungen hier in der Abyei-Region zwischen den Dinka (schwarzafrikanische, sesshafte Viehhirten) und Misseriya (arabischstämmige Nomaden) haben Tradition. Man muss allerdings vorsichtig sein mit Gerüchten und Berichten darüber, weil das auch benützt wird von verschiedenen Gruppierungen."


"Abstimmung korrekt verlaufen"

 

Der Norden hat sich mit den Bestrebungen des Südens derweil abgefunden. Einer der führenden Politiker der im Sudan regierenden Nationalen Kongresspartei (NCP), Ibrahim Ghandour, erklärte vergangenen Freitag, seine Partei wolle eine Unabhängigkeit des Südens akzeptieren. Die NCP blicke "brüderlichen Beziehungen" zu dem neuen Staat entgegen. Präsident Bashir und der südsudanesische Präsident Salva Kiir, der auch Bashirs Stellvertreter ist, kämen in den nächsten Tagen in Khartum zusammen, um die noch ungeklärten Fragen der Unabhängigkeit zu besprechen, sagte Ghandour. Ein Ergebnis wird nicht vor Juli erwartet. Zu den noch offenen Themen gehören die Grenzziehung, die Rechte auf die Bodenschätze und der Status der umstrittenen Region Abyei.

 

Das Referendum über die Zukunft des flächenmäßig größten Staates Afrikas ist am Samstag nach insgesamt sieben Tagen zu Ende gegangen. Die Abstimmung ist nach Einschätzung von internationalen Beobachtern korrekt verlaufen. Das geht aus einem vorläufigen Bericht der Europäischen Union hervor, der am Montag der Nachrichtenagentur Reuters vorlag. Einzelne Vorfälle stellten die Legitimation des Referendums nicht infrage, erklärten auch Mitarbeiter des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, einer von 800 internationalen Wahlbeobachtern.

 

"Im Moment ist der weltweite Fokus auf dem Referendum, und sobald es Konflikte gibt, wird das für die Medien noch interessanter, aber das verstellt etwas den Blick auf die humanitäre Krise dahinter", sagt Carlo Koos von Ärzte ohne Grenzen.

 

Die Vereinten Nationen befürchten, dass im nächsten Jahr fast eine Million Menschen im Südsudan hungern werden. Weitere zweieinhalb Millionen werden nicht genug zu essen haben. "Die humanitäre Krise wird natürlich verschärft durch Konflikte, aber sie ist grundsätzlich hier. Unabhängig vom Referendum an sich ist die humanitäre und medizinische Situation, das inkludiert medizinische Basisversorgung vor allem für Kinder, Zugang zu sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln, nach wie vor kritisch. Man darf das nicht außer Acht lassen."

 

Durch Mangel an Ärzten wie Krankenhäusern, durch Armut oder Krieg stirbt ein Sudanese im Durchschnitt 20 Jahre früher, als ein Mensch, der etwa in Luxemburg zur Welt kommt (2006 betrug die Lebenserwartung im Sudan 58 Jahre, in Luxemburg 78 Jahre). Das Bildungswesen ist aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Lage in einem desolaten Zustand. Die Analphabetenrate im Süden des Landes liegt bei 85 Prozent. Die Infrastruktur ist praktisch nicht vorhanden, das Straßennetz ist nur zum Teil asphaltiert; die unbefestigten Pisten sind während der sommerlichen Regenzeit kaum passierbar. Über 75 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung. 16 Prozent der Bevölkerung sind chronisch unterernährt. Die Kindersterblichkeit liegt bei zwischen 30 und 40 Prozent. 90 Prozent der Bevölkerung steht weniger als ein Euro pro Tag zu Verfügung.


97 Zustimmung aus dem Ausland

 

Übrigens: Am schnellsten waren die Stimmen von Südsudanesen in Europa und verschiedenen afrikanischen Staaten gezählt, wie die "Sudan Tribune" am Montag berichtete. Danach stimmten im einzigen europäischen Wahllokal in London 97 Prozent der in Europa registrierten Wähler für die Unabhängigkeit. Auch in Ägypten und Kanada stimmten jeweils 97 Prozent der dort registrierten Südsudanesen für einen eigenen Staat.

 

US-Präsident Barack Obama hat die Volksabstimmung über einen unabhängigen Staat im Südsudan vergangenes Wochenende als "Inspiration für die Welt" gelobt. Die friedliche Stimmabgabe und die hohe Beteiligung seien "ein Tribut an die Entschlossenheit der Menschen und politischen Führer im Südsudan, an einer besseren Zukunft zu arbeiten", teilte der Präsident am Sonntag mit. Die vergangene Woche habe der Welt neue Hoffnung auf Frieden und Wohlstand für das sudanesische Volk gegeben, betonte Obama. (fin/Reuters, derStandard.at, 19.1.2011)

foto: epa/khaled el fiqi

Eine Hand für die Unabhängigkeit, zwei für den Verbleib beim Norden.

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Wahllokal in Juba.

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Wahllokal in Um Durman.

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foto: epa/mohamed messara

Wahllokal in Juba.

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Kate Upshon von der International Organization for Migration (IOM) (Dritte von Rechts) spricht mit Federico Vuni (Zweiter von Rechts), Chef des Wahllokals in London.

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Eine Frau nahe dem Markt in der Grenzregion Abyei.

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foto: epa/khaled el fiqi

Feiern in Nengla, 45 Kilometer südöstlich von Juba.

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Die regionalen Fluggesellschaften hatten in den vergangenen Wochen nahezu ausgebuchte Flüge - in der Diaspora lebende Südsudanesen kehren jetzt in ihre alte Heimat zurück.

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Abfahrt aus Khartum.

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Ankunft in Juba.

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Ein Mitglied der Sudan People's Liberation Movement (SPLM; Sudanesische Volksbefreiungsbewegung) an einem Check Point in Süd-Kordofan an der Grenze zum Nordsudan.

Homepage der SPLM

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