Grenzgänge der Seele

Der Trinker, der vergessen will

Güler Alkan, 19. Jänner 2011, 16:59
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    foto: gerd altmann/www.pixelio.de

    Suchtkranke Menschen geraten häufiger in emotionale Situationen, die schwer zu bewältigen sind.

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Substanzabhängigkeit wird oft als Suizid auf Raten bezeichnet - Vielen Suchtkranken dienen Drogen jedoch als Bewältigungsstrategie, nicht als Mittel zum Tod

Thomas Niederkrotenthaler vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien betont, dass die Intention sterben zu wollen beim Suchtverhalten nicht gegeben ist. "Damit ist ein wichtiges Kriterium für Suizidalität nicht erfüllt", so der Suizidforscher, der davor warnt, Sucht und Suizidaliät gleichzusetzen. Viel eher sei der Frage nachzugehen, wann jemand zum Valium, zum Bier oder zur Zigarette greift. "Sucht wird oftmals zur Stabilisierung verwendet, vor allem in schwierigen Situationen, als eine Art Bewältigungsversuch", erklärt Niederkrotenthaler.

Auch Nestor Kapusta, Assistenzarzt an der Uniklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, berichtet davon, dass viele Suchtkranke zu Drogen greifen, um Spannungs- und Belastungszustände zu regulieren. Sie brauchen die Droge(n), um sich psychisch wieder wohl zu fühlen, um sich zu entspannen oder zur Aufheiterung. Für den Psychiater und Psychotherapeuten stellt der Trinker, der vergessen will, ein - wenn auch plakatives - Paradebeispiel für solch einen Selbstregulationsversuch dar.

Sucht, Suizid und psychische Erkrankung

Der Versuch mithilfe der Drogen das Leben in den Griff zu kriegen scheitert, denn "dabei zerstört man sich selbst", stellt Kapusta fest. Drogen wirken schnell und können mitunter auch schnell abhängig machen. Nicht zu übersehen sind dabei die körperlichen, sozialen und psychischen Folgen, wie Beziehungsprobleme oder Arbeitsplatzverlust, die eine Drogenabhängigkeit mit sich bringt.

Oft drehen die Abhängigkeitserkrankten aber den Spieß um, und führen ihre Sucht auf Ehe- oder Beziehungskrisen, Familienprobleme oder Arbeitslosigkeit zurück. Für Kapusta ist das ein trügerischer Umkehrschluss. "Jedem Substanzmissbrauch liegt meist eine psychische Erkrankung zugrunde, eine Substanzabhängigkeit mit Entzugssymptomen, entwickelt sich ja erst im Zuge des Missbrauchs." Was natürlich nicht heißt, dass jede suchtkranke Person an psychischen Störungen leidet, jedoch "neigt ein psychisch Erkrankter mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Substanzmissbrauch und instabilen Beziehungen", so Kapusta.

Suizid sieht der Experte und Mitglied in der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention, entsprechend dem Gründungsvater der österreichischen Suizidforschung Erwin Ringel, als Abschluss einer krankhaften Entwicklung, die mit entsprechender professioneller Hilfe einen anderen Weg hätte nehmen können.

Erhöhte Krisengefährdung

Ein Zusammenhang zwischen Suchterkrankung und Krisengefährdung besteht jedenfalls. So kommen laut Kapusta Abhängigkeitserkrankte häufiger in emotionale Situationen, die schwer zu bewältigen sind.

Claudius Stein, Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, das Menschen in einer akuten Krise und darüber hinaus kostenfrei begleitet, weist darauf hin, dass Suchtkranke weniger belastbar sind, ergänzt jedoch, dass sich aus Krisen auch Suchterkrankungen entwickeln können."In einer akuten Krise mit hoher Belastung kann die Substanz für den Moment eine Entlastung bieten. Mit der Suchterkrankung potenzieren sich aber die Probleme." Die Drogen, die in der Krisensituation als Problemlösungsstragie gesehen werden, bewirken dann genau das Gegenteil.

Krise und Suizid

Stein betont, dass Krisen durch akute Belastungen und unvorgesehene Ereignisse jeden Menschen betreffen können und zum Leben dazu gehören. In manchen Fällen können sich Krisen zuspitzen und die Betroffenen in der Ausweglosigkeit auch an Suizid denken.

"Viele Menschen werden in ihrem Leben nur einmal suizidal, zum Beispiel im Rahmen einer Krise, ohne psychisch krank sein zu müssen. Suizidal bedeutet nicht unbedingt die Absicht sterben zu wollen, die Betroffenen können so nicht weiter machen, wollen ihre Ruhe haben", erläutert Stein.

Es gibt auch die chronische Suizidalität, die insbesondere in Zusammenhang mit psychischen Störungen, depressiven Erkrankungen und Substanzmittelmissbrauch ausgeprägt ist. Als höchste Risikogruppe nennt Stein an Depression erkrankte Menschen, die eine zwanzigmal höhere Suizidgefährdung aufweisen, als zweitgrößten Risikofaktor Suchterkrankungen. Auch an Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen Leidende haben ein höheres Suizidrisiko als die Normalbevölkerung. Alte vereinsamte Menschen, hier vor allem Männer, sind ebenfalls suizidgefährdet.

Keine Verkürzungen

Allerdings plädiert man in Expertenkreisen dafür, dass weder eine bestimmte Krankheit noch ein bestimmter Umstand allein Suizid herbeiführt. So warnt Niederkrotenthaler vor der Verkürzung, akute Krisen, Substanzabhängigkeit oder Depression als Auslöser für Suizid zu sehen. Die Ursachen für Suizidalität sind laut Niederkrotenthaler multifaktoriell zu sehen. "Es gibt individuell verschiedene Auslöser für suizidale Krisen."

Genauso wie es verschiedene Phasen der suizidalen Entwicklung gibt, im Rahmen derer Suizidfantasien, bis hin zu Suizidversuchen und konkreten Todesgedanken auftreten. Ein klassischer Suizidversuch beispielsweise gehe bei weitem nicht immer mit einer konkreten Todesabsicht einher, sondern ist auch als Hilfeschrei zu sehen. Als präsuizidales Syndrom bzw. suizidale Einengung wird der Zustand vor einer suizidalen Handlung beschrieben, wenn sich u.a. das Gefühl der Ausweglosigkeit verstärkt, die betroffene Person nur negative oder gar keine Gefühle mehr zeigt und sich zurückzieht.

"Kommunikation steht dem Suizid entgegen"

Am wichtigsten ist es laut den Experten, dass Angehörige, bei Verdacht auf Suizidalität und/oder Sucht die Betroffenen danach fragen, die Beobachtungen mit ihnen teilen und darauf ansprechen. Das kann natürlich belastend für Familie oder Freunde sein, dann ist die Inanspruchnahme professioneller Hilfe ein weiterer und wichtiger Schritt. "Jede Suizidäußerung muss ernst genommen und professionell abgeklärt werden", betont Kapusta nachdrücklich.

Für Stein stellt das Kriseninterventionszentrum ein "Beziehungsangebot" für Betroffene dar. Dieses Beziehungsangebot beinhalte das Zuhören, das Mittragen der Verzweiflung und die Hilfe zur Selbsthilfe, also zur Nutzung und zum Aufbau von eigenen Ressourcen zur Krisenbewältigung. "Jede Kommunikation und jede Beziehung steht dem Suizid entgegen", ist sich der Psychotherapeut sicher. (derStandard.at, 19.1.2011)

Infobox:

Die Suizidrate in Österreich ist seit 1987 kontinuierlich zurückgegangen, was vor allem mit der guten Suizidpräventionsarbeit und verbesserter psychosozialer Versorgung zusammenhängt. Im Jahr 2009 starben 1.273 Menschen durch Suizid. Pro Jahr gibt es Schätzungen zufolge ca. 13.000 bis 26.000 Suizidversuche. Wien hat die niedrigste, Steiermark die höchste Suizidrate. Am Land ist die Suizidrate höher als in der Stadt, was auf die bessere psychosoziale Versorgung in den städtischen Gebieten zurückzuführen ist. (siehe Nestor Kapusta, Aktuelle Daten und Fakten zur Zahl der Suizide in Österreich, 2009, www.suizidforschung.at)


Links:

Kriseninterventionszentrum Wien, Lazarettgasse 14A, 1090 Wien, 01/406 95 95, tägl. 10 bis 17 Uhr

Sozialpsychiatrischer Notdienst Wien, 01/313 30, rund um die Uhr

Telefonseelsorge, Notruf 142, rund um die Uhr

HPE, Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter, Beratungsstelle Wien, Bernardgasse 36/14, 1070 Wien, 01/526 42 02

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 120
1 2 3
Heiße Luft
00
25.1.2011, 14:49

>Ich Trinke um zu vergessen.< >Um was zu vergessen?< >Um zu vergessen, dass ich trinke!< ;)

....greyhound
00
22.1.2011, 00:43

vielen dank für den nachtrag....
rein bauchmäßig würde ich den derschueler dem puritanischen stanford zuordnen

....greyhound
00
21.1.2011, 19:41

so jetzt passts eh für mich....was war denn so arg vorhin?....dass es früher..immer schon für ein paar gut war, wenn sich die mehrheit gegenseitig fertig macht?

....greyhound
00
21.1.2011, 19:23

drogen sind grundsätzlich sch..begreiffts das endlich....und nie zielführend....so wirst du nie gesund und leistungsfähig bis 67 werden, danach is eh wurscht..

....greyhound
00
21.1.2011, 18:56

sind Formulierungen wie "puritanische HochleistungsKonkurrenzgesellschaft" hier nicht erlaubt?

Harry Y.
 
00
24.1.2011, 04:49

Doch doch, und gerne sogar! Aber ich verstehe nicht, worauf bzw. wem Du denn mit diesen fünf Posts antwortest....?..!...

....greyhound
00
21.1.2011, 18:20

ah und welche drogen haben die.....auf den jachten???.....

....greyhound
01
21.1.2011, 18:13
langfristig nicht zielführend (c) ....eeh

trotzdem stellt sich die Frage, was ist denn das langfristige Ziel? in der puritanischen HochleistungsKonkurrenzgesellschaft? dass sich die depperten 90% gegenseitig fertig machen? nie krank bis 67, dann tot umfallen?...und wem nützt das?...wo kreuzen die Jachten?.....

skip it
00
21.1.2011, 14:26
wer wissen will, ob er ein alkohol"problem" hat,...

...probiere folgendes:

an einem ganz normalen wochenende ab donnerstag abend nach arbeitsschluss bis naechsten dienstag abend arbeitsschluss KEINEN TROPFEN alkohol zu sich nehmen.

wer's spielend schafft muss sich keine sorgen machen.

xxx...yyy...
00
25.1.2011, 03:02
sind sie verwaltungsuo beim öbh?

oder wie sonst kommen sie zr defintion von "normalen we" als zeitraum von do abend bis die abend??????

skip it
00
25.1.2011, 07:48
ihr gemuet ist ein simples...

...gemeint ist, dass sa/so ganz normale sa/so sein sollten. mit einladungen, essen daheim, essen auswaerts, vielleicht eine feier.

ab donnerstag abend bis di deshalb, weil da 4+ volle tage ohne alkohol zusammenkommen. und wer das problemlos durchhaelt hat kein problem.

aber wissen s' was: saufen s' doch einfach, was s' wollen. faellt ihnen auf den schaedel. schad nur fuer ihre umgebung.

und dann jammern die tschecheranten noch, wenn der job im arsch ist und ihnen die frau abpascht.

Ex Zellenz
01
23.1.2011, 08:06

also Donnerstag während der Arbeit darf ich wie gewohnt weitersaufen?

skip it
00
24.1.2011, 08:22
wie sie sich umbringen ist ihr bier...

astemp79
10
20.1.2011, 21:31
nicht sehen wollen ...

... vergessen, sich nach innen wenden ... dort ist das Glück.

Genau so ist es, jedenfalls bei den meisten Süchtigen. Und in jeder Altersgruppe.

Such-t bedeutet: Suchen. Suchen nach etwas, von dem man nicht weiß, was es ist.
Und das ist das Schlimmste: nicht wissen, was man sucht - aber es sollte ein Aus-Weg sein.

metacomet
11
20.1.2011, 18:51
henne oder ei?

in österreich wurde erst in den siebzigerjahren des vorigen jahrhundert, das "züchtigungsrecht" abgeschafft. männern war es unbenommen, frauen und kinder nach ermessen zu "züchtigen". einer ganzen generation war somit eine normale entwicklung der streßbewältigung vorenthalten und probleme bei der streßbewältigung, wurden damit mit auf den weg gegeben.

A Voice
00
24.1.2011, 11:55
Häh?

Andere verprügeln ist eine normale Entwicklung der Stressbewältigung?
Zum Glück lebe ich in einer anderen Welt als Sie.

Wolkengedanken
00
21.1.2011, 15:32
EINER GENERATION IST GUT !!

quick & dirty
00
21.1.2011, 14:51
sie sind eindeutig zu alt ...

trinken's ein bier oder zwei.
.
dann geht es schon wieder.
;)

peter schmidt
 
01
20.1.2011, 15:33
Man muss auch nicht gleich alles psychologieseren und verdammen

Wenn man einen Tiefschlag im Leben erleidet ist es m.E. völlig o.k. sich auch mal zu betrinken. Gerade bei Begräbnissen z.b. ja sehr häufig üblich.

Gefährdet sind einfach die Leute die dauernd - eben auch ohne Anlaß - immer irgendwas trinken.

Irgendeine Sucht hat ja jeder. Die Lösung kann man für sich z.b. darin suchen, dass man die Sucht auf ungefährliche Bereiche verlagert. Man kann z.b. wenn man spielsüchtig ist versuchen langwierige kleine Pokerturniere mit geringem Einsatz zu spielen und auf die Weise halt 30 Euro im Monat verlieren:)

skip it
00
21.1.2011, 08:56
dazu mehrerlei:...

...es trinkt (oder spielt) niemand "ohne anlaß".

und der trick mit den "kleinen mengen" funktioniert nicht.

reden sie ueber dieses thema einmal mit aerzten, die suechtige behandeln.

oder machen sie diesen test:
http://www.alkoholratgeber.de/Alkoholis... rtung.html

sie werden vielleicht ueberrascht sein.

peter schmidt
 
00
22.1.2011, 20:59
nachdem ich im ganzen Jahr vielleicht 5 aperol spritzer und sonst eigentlich gar nichts trinke werde ich mir den Test sparen.

Und ich spiele nicht ohne Grund - es macht mir Spass und bringt zumindest kleinere Summen an Geld ein.

skip it
00
25.1.2011, 07:50
in obigem artikel...

...geht's um abhaengigkeit.

scheint bei ihnen ja nicht vorzuliegen.

geordie
00
20.1.2011, 19:04

ist halt fraglich ob das so funktioniert, denn es ist ja gerade die (meistens dann letztendlich unerfüllte) Hoffnung darauf hohe Geldbeträge gewinnen zu können, die die Spielsucht antreibt...und wenn nur geringe Beträge im Spiel sind, geht ja der Reiz verloren!

epep
01
20.1.2011, 14:21
"nicht als Mittel zum Tod"

wer bitte hat jemals geglaubt, dass menschen trinken um sich selbst umzubringen?

natürlich ist das eine (fatale) bewältigungsstrategie, das wird ja auch von selbsthilfegruppen seit jahrzehnten so thematisiert.

667 one step ahead of the devil
00
20.1.2011, 16:41

ganz streng gesehen jedoch, ist öfteres trinken und zigarettenrauchen - selbstzerstörung.

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