Starke 12-Megapixel-Kamera, Media Prozessor und Navi-Lösung überzeugen, Symbian nicht
Das N8 ist eines der aktuellen Flaggschiffe von Nokia und unterscheidet sich von der Smartphone-Konkurrenz im Betriebssystem. Der finnische Hersteller setzt dabei auf Symbian, in Version "^3 - künftig wird das Unternehmen aber auf Windows Phone 7 setzen - der WebStandard berichtete.
Hardware
Das AMOLED-Display des Nokia N8 misst 3,5 Zoll und löst mit nur 360 x 640 Pixeln auf und liegt damit deutlich hinter dem Retina-Display des iPhones welches bei gleicher Größe 960 x 640 Pixel zeigt. Der 1200 mAh starke Akku ist in dem Unibody-Gehäuse aus Aluminium fest verbaut. An der Außenseite des Gehäuses befinden sich fünf Taten: eine Menütaste (links unten), eine Ein-/Aus-Taste (an der rechten Oberseite), eine Verriegelungstaste auf der rechten Seite und daneben die entsprechenden Tasten für Kamera und Lautstärkeregelung. Die Verarbeitung wirkt hochwertig, allerdings klapperte im Test die Lautstärketaste. Etwas streng ließen sich außerdem die Klappen für HDMI-Port, Speicher- und SIM-Karte am äußeren Rand öffnen.
Das Aluminium-Design des N8 hebt sich von der Konkurrenz ab und erinnert aufgrund der abstehenden Linse etwas an eine Digitalkamera. Unser Testgerät war dunkelgrau, weiters gibt es das N8 in Silber-Weiß, Orange, Blau und Grün.
Nokias N8 misst 113,5 x 59 x 12,9 Millimeter, wiegt - ähnlich wie Apples iPhone 135 Gramm und ist damit 16 g schwerer als etwa Samsungs Galaxy S.
Der interne Speicher beläuft sich auf 16 Gigabyte, mittels MicroSD-Karte kann auf insgesamt maximal 48 GB nachgerüstet werden. Den Antrieb des N8 übernimmt eine, von 722 Megahertz heruntergetaktete, 680 MHz starke ARM11-CPU zusammen mit einem BCM2727-Media Prozessor. Eine höher getaktete CPU wäre für Symbian^3 überdimensioniert und würde sich negativ auf die Akkulaufzeit auswirken. Weiters werden Bluetooth 3.0, USB 2.0, A-GPS, FM-UKW und der WLAN-n-Standard unterstützt. Im Lieferumfang befindet sich außerdem ein Headset mit Fernbedienung am Kabel und in-ear-Hörern sowie ein Ladegerät. Adapter von Mini-USB auf USB bzw. Mini-HDMI auf HDMI sind ebenfalls mit in der Verpackung. Die mitgelieferten Komponenten machen einen robusten Eindruck, die dicke Gummierung der einzelnen Kabel macht diese weniger anfällig für Brüche - wie es beispielsweise häufig bei Apples mitgeliefertem USB-Kabel der Fall ist.
Showmaster
Nokia verbaut im N8 eine 12 Megapixel starke Kamera mit Xenon-Blitz, sowie eine VGA-Kamera an der Innenseite. Videos können im MPEG4-Format in 720p aufgenommen werden, bei maximal 25 Bildern pro Sekunde. Die Fotokamera des N8 liefert farbgetreue Bilder in hoher Qualität, den Vergleich mit guten Digitalkameras muss das Nokia N8 nicht scheuen (siehe Aufnahmen links) - einzig der optische Zoom fehlt dem finnischen Smartphone-Boliden. Zwar beginnt die Kamera bei sehr hochauflösenden Aufnahmen zu rauschen, im Vergleich zu anderen Smartphone-Kameras hält sich dies allerdings in Grenzen. Für schärfere Aufnahmen gibt es manuelle Einstellungsmöglichkeiten und vorgefertigte Profile wie "Porträt" samt Gesichtserkennung oder "Nahaufnahme". Gerade bei Aufnahmen aus der Nähe entfaltet die Kamera ihr Potenzial und zeigt kleinste Details bei einer Entfernung von kaum mehr als zehn Zentimetern. Auch kann hier der Xenon-Blitz seine Stärke ausspielen und Objekte im Vordergrund gezielt hervorheben.
Die Videokamera fängt Geräusche gut ein, hastige Bewegungen vor der Linse werden allerdings nur verzögert eingefangen. Hier hinkt das N8 dem iPhone 4 bei der Bildwiederholrate in der Praxis klar hinterher.
Fotolabor
Nokia liefert die von Haus aus wohl beste Software zur Bild- und Videobearbeitung mit. Aufnahmen lassen sich zuschneiden, mit Filtern belegen oder anderweitig bearbeiten. Und auch Videos lassen sich unkompliziert über den Video-Editor schneiden, wobei etwa beim iPhone rund 4 Euro für Apples Videobearbeitung-App iMovie fällig werden.
Der kapazitive AMOLED-Touchscreen stellt Bilder und Videos farbgertreu dar, allerdings macht sich die geringere Auflösung im Vergleich zum gleichgroßen Retina-Display des iPhones vor allem beim Lesen von Texten bemerkbar. Stark zeigt sich das N8 AMOLED-typisch bei der Darstellung von schwarzem Hintergrund.
Das N8 verfügt über einen HDMI-Ausgang - eine Premiere auf dem Smartphone-Markt. Das Gerät lässt sich direkt per HDMI-Adapter an den heimischen PC-Monitor oder Fernseher anschließen und überträgt dabei den gesamten Bildschirminhalt binnen weniger Sekunden in Echtzeit. Nutzer können so auf dem Smartphone befindliche Fotos oder Videos betrachten, im Internet surfen oder Office-Dokumente, durch die mitgelieferte Office Suite, auf TV oder Monitor einsehen.
Symbian
Wer bereits Systeme wie Windows Phone 7, Android oder iOS genutzt hat wird Symbian^3 als mittlere Katastrophe betrachten. Zwar steckt das mobile Betriebssystem voller Einstellungsmöglichkeiten und Optionen doch ist die Oberfläche schlichtweg nicht zeitgemäß. Verschachtelte Menüs, unflexible Widgets und der Verzicht auf optische Effekte, etwa beim Umblättern der Startbildschirme, lassen Symbian^3 unfreiwillig aus der Reihe tanzen. Wem das Standard-Menüdesign nicht gefällt kann aus mehreren Profilen wählen oder eigene Themes herunterladen. Hier zeigt sich Symbian von Haus aus flexibler als die Konkurrenz
Das Konzept der Widgets wurde bei Symbian sichtlich nicht zu Ende gedacht. Sowohl das Widget für soziale Netzwerke (von Haus aus zählen dazu Twitter und Facebook) als auch jenes für Newsweeds ist wesentlich zu klein geraten. Bis auf die ersten paar Buchstaben lassen sich darüber Statusmeldungen, Tweets oder Schlagzeilen nicht lesen - was die Widgets unbrauchbar macht. Wenig sinnvoll erscheint auch der vorgefertigte, dritte Home-Screen. Dort befinden sich Applikationen zu Web TV, etwa von CNN. Bei Web TV handelt es sich um Online-Videos diverser Anbieter. Die Auftritte sind dabei allerdings so gestaltet, dass man über mehrere Links etwa zu einem Youtube-Video gelangt welches wiederum im Browser angezeigt wird.Das lässt das Angebot weitgehend sinnfrei erscheinen. Mehr Sinn macht es da schon eigens Kanäle über die Web-Applikation von Youtube zu abonnieren und diese über den Browser abzurufen.
Browser-Update unabdingbar
Der Internetbrowser unterstützt zwar Flash Lite 4.0 und damit den Großteil aller Flash Player 10.1-Inhalte, ist allerdings aufgrund der unkomfortablen Handhabung nur bedingt zu gebrauchen. Zwar sind die Ladezeiten im Vergleich zu anderen Smartphone-Browsern befriedigend, doch ist die Nutzung von Webseiten ein Graus. Besser eignet sich da immer noch Opera Mobile. Immerhin versprach Nokia bereits im November Besserungen für den Browser mit dem nächsten Update "Anfang 2011".
Rückschrittliche Tastatur
Auch die virtuelle QWERTZ-Tastatur macht im Querformat einen maximal befriedigenden Eindruck, das alphanumerische Keypad im Hochformat erinnert - wie das Betriebssystem selbst -an die Handy-Generation Nokias. Auf eine QWERTZ-Variante wird hochformatig verzichtet. Insgesamt arbeiten die virtuellen Tasten präzise, aufgrund der Breite des Geräts bedarf es zum Schreiben im Querformat allerdings großer Hände.
Multitasking
Am linken, unteren Menürand befinden sich die Optionen, tippt man darauf und öffnet den Menüpunkt "Geöffnete Programme anzeigen" gelangt man zum Taskmanager des N8. Die geöffneten Fenster und Applikationen werden dabei im Kleinformat dargestellt, durch Wischen über das Display kann von Rechts nach Links und retour geblättert werden. Ein kleines Kreuz innerhalb der Minifenster lässt Nutzer Prozesse beenden. Insgesamt lassen sich (ohne Hack) maximal 15 Anwendungen starten, wobei es im Taskmanager-Menü aber bereits zu leichten Verzögerungen beim Hin- und Herwechseln kommt.
Dienste
Das Angebot im Ovi Store von Nokia ist mit 20.000 Apps ausreichend, mit jenem des Android Market oder Apple App Store allerdings nicht zu vergleichen. Dafür liefert der finnische Hersteller vorinstallierte Services, etwa einen Kartendienst ähnlich Google Maps - wofür keine permanente Internetverbindung nötig ist. Die Software eignet sich auch als Navigationslösung für das Auto und muss den Vergleich mit kostenpflichtigen Programmen wie TomTom oder Navigon nicht scheuen. Ovi Karten kann auch zu Fuß verwendet werden und erkennt neben Adressen auch Geschäfte, Tankstellen et cetera im Stile von Google Places. Der GPS-Sender arbeitet präzise, ist aber wie bei anderen Smartphones auch, nicht so stark wie in einem echten Navigationsgerät. Beim Autofahren sollte man also darauf achten, dass das Gerät direkt an der Windschutzscheibe angebracht wird.
Nokia bietet auf seinen Geräten auch eine Alternative zu iTunes oder Zune. Komplette Musikalben können in der Regel um 9,99 Euro heruntergeladen werden, einzelne Songs um 1,29 Euro. Der Vorteil gegenüber anderen Anbietern ist, dass Nokia seine Musik in Österreich DRM-frei, also ohne Kopierschutz, zum Download bereitstellt.
Soziale Netzwerke möchte Nokia über das zuvor genannte Widget einbinden, eine Verknüpfung zwischen Facebook und dem Telefonbuch gibt es - wie etwa bei Windows Phone 7 - nicht. Für das Einsehen von Office-Dateien gibt es einen Dokumentenviewer, die Bearbeitung von Dokumenten ist damit allerdings nicht möglich.
Unter Symbian lassen sich mehrere Email-Accounts einrichten und zusammenfassen. Auch wird Microsofts Exchange unterstüzt. Der Email-Client unterstützt neben DOC-, PPT-, XLS- und PDF-Dokumenten auch ZIP-Dateien im Anhang.
Synchronisierung
Bei der Kommunikation mit dem Computer ist das Nokia-Smartphone
ebenso unkompliziert wie ein Android- oder webOS-Gerät. Das N8 wird als
externes Speichermedium erkannt, Dateien können mittels Drag-&-Drop
zwischen Smartphone und Computer hin und her bewegt werden. Zur
Synchronisierung mit dem PC können außerdem Nokias Ovi Suite oder Ovi
Player genutzt werden. Zur Nutzung der Ovi-Dienste muss man sich
registrieren, infolge dessen lassen sich Kontakte oder Termine auch über
die Nokias Cloud-Lösung abgleichen und sichern.
SIP und Telefonie
Symbian unterstützt das Netzprotokoll SIP. Vocie-over-IP-Anbieter wie Skype oder Fring problemlos einbinden. Mithilfe der innenseitgen Kamera können so zum Beispiel Videogespräche geführt werden, diese flüssig liefen dank leistungsstarkem Media Prozessor im Test flüssig.
Der Aluminum-Körper des N8 scheint sich auf den Empfang nicht negativ auszuwirken, die Gesprächsqualität war im Rahmen des Tests durchwegs gut. Die Abnahme der Empfangssignalstärke war, wie in den vergangenen Monaten oftmals bei Apples iPhone 4 bekrittelt, beim Halten an der Unterseite festzustellen. Zwar kommt es dadurch in der Regel zu keinen Gesprächsabbrüchen, allerdings sollte man das Gerät - um optimalen Empfang zu haben - vorwiegend an der Oberseite berühren. Nokia ist sich der Problematik bewusst und schenkt diesem Thema sogar ein eigenes Kapitel im Benutzerhandbuch, wo es mit genauem Wortlaut heißt: "Vermeiden Sie ein unnötiges Berühren der Antenne während des Funkverkehrs. Das Berühren der Antenne beeinträchtigt die Qualität der Funkverbindung und kann dazu
führen, dass der Stromverbrauch des Geräts höher ist als erforderlich, wodurch möglicherweise die Betriebsdauer des Akkus verkürzt wird."
Ladeproblematik
Die Akkulaufzeit des N8 beläuft sich auf etwa zwei Tage bei gelegentlicher Nutzung und weicht trotz etwas schwächerem Akku kaum von der Konkurrenz ab. Bei aktiver Nutzung muss das Gerät spätestens am Abend wieder an die Steckdose oder den USB-Anschluss. Denn Nokia konnte sich bislang noch immer nicht durchringen auf einen eigenen Ladestecker zu verzichten und ausschließlich auf Micro-USB beim Aufladen zu setzen.
Fazit
Mit dem N8 beweist Nokia, dass der eigene Aufholbedarf groß ist. Symbian^3 ist als Betriebssystem für leistungsstarke Smartphones ungeeignet, was die mangelnden optischen Effekte, die verschachtelten Menüs und der unbrauchbare Internetbrowser deutlich machen. Ganz anders verhält es sich bei der Hardware. Das Unibody-Gehäuse aus Aluminium wirkt hochwertig und lässt den fest verbauten Akku verschmerzen. Die Fotokamera liefert starke Aufnahmen und ist dank Xenon-Blitz auch bei schlechten Lichtverhältnisse zu gebrauchen. Mittels HDMI lassen sich Aufnahmen auch auf größeren Displays zeigen. Für die mobile Foto- und Videobearbeitung bietet Nokia umfangreiche Software-Lösungen.
Der Media Prozessor BCM2727 liefert eine solide Leistung und bildet das eigentliche Herz des N8 - Videotelefonie oder die Wiedergabe von 720p-Inhalten mittels HDMI sind dadurch kein Problem. Auch Multitasking kann sich mit bis zu 15 gleichzeitig geöffneten Programmen sehen lassen, hierbei stoßen Hardware und Software in Kombination an ihre Grenzen.
Nokia liefert ein vollwertiges Navigationssystem, welches im Gegensatz zu Google Maps, auch ohne Internetanbindung seinen Dienst verrichtet. Geschäftskunden werden die Unterstützung von Exchange und die nahtlose Einbindung von mehreren Email-Accounts zu schätzen wissen. Aktive Nutzer sozialer Netzwerke werden mangels ausreichender Einbindung weniger Freude mit dem N8 haben.
Seine Offenheit zeigt Nokia durch die Ermöglichung des Datenaustauschs mittels Drag-&-Drop und dem Angebot DRM-freier Musik. Eigensinn demonstriert der Konzern durch seine Entscheidung weiterhin auf einen eigenen Ladestecker zu setzen und nicht gänzlich auf USB.
Alternativen zum Nokia N8 liefert der Markt ausreichend. Neben iPhone 4 und Samsung Galaxy S gibt es das HTC Desire, dessen Preis ebenfalls bei rund 400 Euro ohne Vertrag liegt. Wer sein Smartphone primär für Fotos und Videoaufnahmen nutzt macht mit dem N8 nichts falsch.
Marktposition
Nokia ist sich seiner Situation bewusst, selbst der neue Konzernchef Stephen Elop, welcher vergangenen September sein Amt antrat, räumt Probleme bei der Wettbewerbsfähigkeit ein. Diese Probleme lassen sich auch nicht mehr verheimlichen, denn neben dem Smartphone-Markt bricht für die Finnen auch der Handy-Markt ein, der Betriebsgewinn von Oktober bis Dezember 2010 fiel um 23 Prozent. "Furchterregend ist der schnelle Schwund an Marktanteilen, den Nokia im vierten Quartal offenbar erlebt hat", urteilte etwa Nicolas von Stackelberg von Macquarie.
Geschäftsführer Elop gab Ende-Jänner die Marschrichtung vor: " Wir werden sicherstellen, dass wir damit Märkte wie die USA und einige andere wieder für uns öffnen, auf denen wir zuletzt praktisch nicht präsent waren." Nun ist es bekannt: Nokia wird künftig neben Symbian im Low-End-Segment auf Microsofts Windows Phone 7 setzen, das Linux-basierteMeeGo wird mehr oder weniger begraben. Das ist auch ratsam, schenkt man den Zahlen des Marktforschungsunternehmens Canalys Vertrauen.
Im letzten Quartal des vergangenen Jahres erstmals mehr Android-Smartphones als Symbian-Geräte verkauft. 32,9 Millionen Geräte wurden demnach mit Googles Android-Betriebssystem ausgeliefert, denen stehen 31 Millionen Stück mit Nokias Symbian-System gegenüber. Dahinter reihen sich mit 16,2 bzw. 14,6 Millionen iPhone und Blackberry. Nach Ankündigung der Kooperation zwischen Nokia und Microsoft brach die Nokia-Aktie ein, mittlerweile konnte sich diese allerdings auf niedrigem Niveau wieder stabilisieren. (Patrick Drexler, derStandard.at)
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