Demonstranten informierten und organisierten sich über Internetplattformen
Tunis/Wien - Schon die Proteste im Iran 2009 haben gezeigt, dass die
Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter Demonstranten und
ihre Forderungen unterstützen kann. Auch in Tunesien zeigte sich, dass
trotz staatlicher Zensur und Eingriffe der Kampf gegen das Regime von
Präsident Zine El Abidine Ben Ali nicht nur auf der Straße, sondern auch
im Internet geführt wurde.
Es war eine Art Katz-und-Maus-Spiel, das sich Dissidenten im Netz und
deren Unterstützern mit den Zensoren in vergangenen Wochen lieferten.
Sperrungen kritischer Websites und Repressionen gegen tunesische
Mitglieder der Piratenpartei konterte die Hackergruppe Anonymous mit
Denial-of-Service-Attacken, die offizielle Internetauftritte lahmlegten.
Unter dem Hashtag (Schlüsselwort) #sidbiouzid hatte sich auf dem
Kurznachrichtendienst Twitter eine Widerstandsbewegung formiert, über
die sich vor allem jugendliche Demonstranten informierten und
organisierten. DemBlog NDItech zufolge wurden seit 27. Dezember
täglich
28.000 Tweets per Stunde verschickt. Twitter und einige Blogs waren die
wichtigste Nachrichtenquelle, da die staatlich zensierten Zeitungen
nicht über die Ausschreitungen berichteten.
Wo immer es zu Demonstrationen kam, nutzten Tunesier ihre Handys zum
Filmen und stellten die Schnipsel dann online. Da Video-Plattformen wie
Youtube seit April 2010 von der Regierung geblockt waren (und erst
Donnerstagabend wieder freigeschaltet wurden), verlinkten viele Menschen
ihre Videos auf Facebook. Da viele Tunesier im Ausland lebende
Familienmitglieder und Freunde haben, verbreiteten sich so Nachrichten
und Videos international. "Facebook und Twitter haben sicherlich einen
großen Anteil daran, dass die Medien in Europa von den Unruhen erfahren
haben", zitiert die Waz den Politik-Analyst Abdallah Labidi.
So nach und nach kristallisiert sich heraus, in welchem Umfang das
Ben-Ali-Regime das Internet zensurierte. Berichten zufolge betrieb die
tunesische Internetbe-hörde ATI Passwort-Phishing in großem Stil. Dabei
wurden die Login-Daten von Yahoo- oder Facebook-Nutzern abgefangen,
sodass die Zensoren Zugriff auf die dortigen Daten erhielten. Unter den
verhafteten Regimegegnern befanden sich in der Vergangenheit auch immer
wieder Blogger.
Ironie der Geschichte: Tunis war 2005 der Ort für eine
UN-Zusammenkunft,
wo die Tunis-Agende zustande kam. Mit dem Dokument wurde das Internet
Government Forum geschaffen. (kat, STANDARD-Printausgabe, 18.01.2011)