Polygamie und Kinderheirat trotz Verbots verbreitet

17. Jänner 2011, 17:34
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In der Türkei werden mehr als fünf Millionen Frauen trotz Verbots als Minderjährige verheiratet, wie eine Studie zweier Soziologinnen zeigt - Außerdem gibt es 186.000 Zweitfrauen - obwohl auch die Mehrehe illegal ist

Um Ali Yüksel, einen Berater des türkischen Ministers für Religionsangelegenheiten, ist es ruhiger geworden. Eine Untersuchung zweier Soziologinnen für die Gleichstellungskommission des türkischen Parlaments hat das Problem nun gleichwohl wieder auf den Tisch gebracht: 186.000 Nebenfrauen soll es im Land geben. Yüksel hat drei Ehefrauen und sucht eine vierte, so hatte er vergangenen Sommer öffentlich erklärt. Dabei ist die Polygamie in der Türkei seit 1926 verboten.

Einer der Gründe, warum türkische Männer trotzdem ein zweites oder gar drittes Mal heiraten, sei der Wunsch nach einem Sohn, stellten die beiden Wissenschafterinnen von der Hacettepe-Universität in Ankara fest. Rechtlich belangt werden die Männer in der Regel nicht; Hochzeiten mit Nebenfrauen lassen sie von einem Imam arrangieren, die Behörden erfahren davon offiziell nicht. Für Ali Yüksel hat sich die Justiz daher auch nie wirklich interessiert.

Knapp eine halbe Million Ehen sind in der Türkei außerhalb des Standesamts geschlossen worden, heißt es weiter in der Studie von Ilknur Yüksel Kaptanoglu und Banu Ergöçmen; Volksschulabgänger und Männer ohne Schulbildung, vor allem im Südosten der Türkei, heiraten lieber beim Imam als auf dem Amt. Die Frauen sind dadurch weitgehend rechtlos.

Weiterer Befund der Ehestudie: 5,43 Millionen Türkinnen wurden als Minderjährige verheiratet. Dabei ist das heiratsfähige Alter in der Türkei 2001 auf 17 Jahre heraufgesetzt worden.

Die regierende konservativ-muslimische AKP hatte im Parlament die "Kommission für gleiche Chancen für Männer und Frauen" eingerichtet. Ein Teil der AKP-Wählerschaft, aber auch der Parteileute sympathisiert jedoch durchaus mit den eigentlich verbotenen Praktiken.

Staatspräsident Abdullah Gül ist das prominenteste Beispiel für die Ehe mit einer Minderjährigen - er heiratete als 29-Jähriger seine Frau Hayrünnisa, als sie 15 Jahre alt war. Andererseits rief die Parteiführung etwa den Bürgermeister von Rize zur Ordnung. Der AKP-Mann hatte vergangenes Jahr empfohlen, man solle die Kurdenfrage dadurch lösen, dass Türken Kurdinnen als Nebenfrauen nehmen. "Zweitfrauen sind weit verbreitet im Südosten. Es ist in unserer Kultur", sagte Halil Bakirci. Später entschuldigte er sich.

Furcht vor Mittellosigkeit

Türkische Ehen halten im Vergleich zu westeuropäischen ungleich länger - was weniger über die Qualität der Beziehung aussagt als über kulturelle Besonderheiten und die Furcht der Frauen vor der Mittellosigkeit. Zwar führt das westlich geprägte Izmir mittlerweile die Scheidungsquote mit 0,27 Prozent an, wie jüngste Zahlen des Statistikamts zeigen; der nationale Schnitt liegt bei 0,16 Prozent. Arbeitslosigkeit und finanzielle Probleme bringen Paare in Izmir leichter auseinander als anderswo im Land, sagen ExpertInnen. Von der Trennungsrate in Österreich ist man aber weit weg. Dort gingen die Scheidungen 2009 zurück - landesweit auf 46 Prozent, in Wien auf 53 Prozent. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD/Printausgabe) 

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    Frauen im Südosten der Türkei in der Stadt Dizre. Viele Türkinnen leben in Ehen, die außerhalb des Standesamts von einem Imam geschlossen wurden. Dadurch werden sie weitgehend rechtlos.

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