Avantgarde mit beschränkter Haftung

17. Jänner 2011, 17:12
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100. Geburtstag am 22. Jänner - Aus diesem Anlass fand am Sonntag im Burgtheater ein langer Abend der Diskussionen statt

Im Mittelpunkt stand die Kulturpolitik des Sonnenkönigs.

Wien - Bruno Kreisky, der Avantgardist unter Österreichs Politikern und sein Verhältnis zur zeitgenössischen Kunst: Dieses Thema diskutierten am Sonntagabend zwanzig Teilnehmer vor knapp 900 Zuhörern - und damit einem fast ausverkauften Burgtheater.

der Standard hatte gemeinsam mit dem Bruno Kreisky Forum zu drei Gesprächsrunden geladen, um sich mit dem kulturpolitischen Erbe Kreiskys zu beschäftigen. Ging es in der ersten Runde, geleitet von der Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, noch vermehrt um Kulturpolitik, setzten sich die Teilnehmer der anderen Diskussionen, moderiert von Ex-Chefredakteur Gerfried Sperl und Kultur-Ressortleiterin Andrea Schurian, vor allem mit Kulturtheorie auseinander.

Titel und Thema lieferte das letztlich gescheiterte Projekt einer Ausstellung österreichischer Avantgarde-Künstler: Anfang der 1970er-Jahre beauftragte Kreisky den Galeristen John Sailer, der ebenfalls unter den Diskutanten war, damit, eine Ausstellung zusammenzustellen, die Österreich im Ausland als weltoffene und kritische Republik darstellen sollte.

Eingeleitet wurde der Abend durch die Generalsekretärin des Bruno Kreisky Forums, Gertraud Auer Borea d'Olmo, die mit einer Anekdote aus ihrem Leben zu veranschaulichen versuchte, welche Stimmung Kreisky entfacht hatte: Bei ihrem einzigen Treffen mit dem Kanzler gab ihr dieser nach langem Bitten ein Autogramm auf den Unterarm. Um es so lange wie möglich zu konservieren, besprühte sie es mit Haarspray.

Wolfgang Petritsch, ehemals Kreiskys Pressesprecher, beschrieb ihn als einen Mann, dem Kunst ein persönliches Anliegen gewesen sei: "Kreisky wuchs in einem Haushalt mit mehr als einem Buch auf." Er habe außerdem seine Zeit im Gefängnis zum Lesen genutzt.

Kreisky, der als eine seiner großen politischen Lieben mit Leidenschaft Außenpolitik betrieb, übernahm das Kulturmodell Frankreichs und Deutschlands, wo es keine Berührungsängste mit der Avantgarde gab. Er habe bei dem damaligen europaweiten Aufbruch angesetzt, sagte Petritsch: "Es gab ein Klima des Machens und Könnens."

Der Kanzler setzte selbst Zeichen, indem er etwa sein Büro mit moderner Kunst ausstaffierte oder die Kommune von Otto Muehl besuchte. Er forderte "die Künstler auf, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen", ergänzte Föderl-Schmid. Die traditionelle Kultur wurde nicht beschnitten, stattdessen das Kunstbudget stark erhöht. Es konnten daher Parallelstrukturen gegründet werden, darunter eine moderne Kulturverwaltung mit Jurys und auch dezentrale Strukturen.

Der Künstler Peter Weibel, Medientheoretiker und Chef des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, sah Kreiskys Rolle in der Kulturpolitik weder "despotisch noch wohlwollend". Aber er habe eben Gremien eingesetzt - und nicht Kulturbeamte. Und diese Jurys waren mit Fachleuten progressiv besetzt.

Adolf Frohner und Hans Hollein wandten sich mit ihrer Idee einer großen Ausstellung dennoch nicht an Wissenschaftsministerin Herta Firnberg oder Unterrichtsminister Fred Sinowatz, sondern direkt an Bruno Kreisky. Für diesen sei die Ausstellung ein echtes Anliegen gewesen, betonte Sailer.

Das Verhältnis von Kunst und Politik begann sich weltweit zu verändern, und Kreisky nutzte das für die Überlegung: "Wie kann Österreich im Ausland zeigen, dass es fortschrittlich ist?"

Kreisky wollte das Unternehmen abgesichert wissen, ein "Schutzschild" gegen Kritik und Einflussnahme bei der Programmierung der Wanderschau haben. Daher beauftragte er Sailer mit der Organisation. Das erzählte dieser zu Beginn der Diskussionsveranstaltung im Gespräch mit Andrea Schurian: Sailer gründete eine GmbH - die Avantgarde GmbH. Ein typischer österreichischer Widerspruch, wie der Architekt Wolf D. Prix in einer späteren Runde anmerkte: "Eine Avantgarde mit beschränkter Haftung, also mit begrenztem Risiko, schafft sich selber ab."

Sailer verpflichtete namhafte internationale Kuratoren, darunter Harald Szeemann und Rudi Fuchs. Als Künstler wurden Günter Brus, Hans Hollein, Peter Kubelka, Hermann Nitsch, Walter Pichler und Arnulf Rainer ausgewählt. "Wenn man in einem Land, in dem 6000 Künstler leben, fünf aussucht, hat man 5995, die dagegen sind", sagte Sailer. "Es waren alle dagegen."

Peter Weibel konnte diese Darstellung nicht akzeptieren: Nicht die Kuratoren hätten die Künstler ausgesucht, sondern die Künstler sich die Kuratoren. "Etablierte Künstler wollten unter Umgehung demokratischer Gremien einen Putsch machen. Das war ein rechtskonservativer Putsch. Basta!" Die Künstler hätten sich gesagt: Wir pfeifen auf die demokratischen Strukturen und kommen so zu unserer Ausstellung in Washington. "Sie wollten sich auf Staatskosten nach Amerika bringen lassen." Deshalb seien sie auch "Staatskünstler" gewesen.

Die folgende Auseinandersetzung zwischen Sailer und Weibel, die sich darüber nicht einig wurden, sorgte für einige Lacher im Saal. Sailers Gegenargument: Wenn die Künstler demokratisch ausgewählt worden wären, dann hätte er eine "Musikantenstadl-Ausstellung" gemacht.

Doch Weibel sah es so, dass die Künstler die Strukturen - sprich: die Gremien des Kulturministeriums - umgingen. Es gab also nicht den Konflikt Staat und Avantgarde, zumal etwa Hans Hollein längst arriviert war. Sailer musste Weibel schließlich tendenziell recht geben. Es sei zwar kein Putsch gewesen, Hollein hätte aber die Ambition gehabt. Brus und Pichler hingegen hätten erst überredet werden müssen: "Pichler wollte nicht vom Staat vereinnahmt werden."

Und: Die Künstler hätten nicht die Kuratoren bestellt. Aber: "Wenn man eine Jury bestellt, weiß man, wohin es geht. Wir hatten eine Idee, welche Künstler infrage kämen. Und danach haben wir die Kuratoren ausgesucht."

Tja - und so gab es eben keinen Kurator, der Adolf Frohner, den Initiator der Schau, nominiert hätte. Pech. Sailer: "Es war Frohner nicht zu verdenken, dass er frustriert war. Aber wenn die Ausstellung ein Erfolg geworden wäre, hätte es weitere gegeben - zum Beispiel mit ihm, Alfred Hrdlicka und Georg Eisler."

Zur Ausstellung kam es, wie gesagt, nicht. Weil, so Sailer, das Projekt auch von der Kulturpolitik, die sich nicht aushebeln lassen wollte, abgelehnt wurde. Warum Kreisky kein Machtwort gesprochen hat? Es waren eben alle dagegen. Seinem Ansehen tat der Konflikt aber keinen Abbruch. Die Künstler suchten seine Nähe ("Staatskünstler"), er suchte ihre: Er ging zu manchen Veranstaltungen nur, wenn dort auch Künstler waren. "Er hat lieber mit Literaten gesprochen als mit so manchem politischen Betonkopf", sagte Wolfgang Petritsch.

Nur mit Thomas Bernhard verstand sich Kreisky nicht: "Er hat ihn als Raunzer gesehen." Aber das war eben das Besondere jener Zeit, so Weibel: Bernhard konnte seine Kritik äußern - im Staatstheater, dem Burgtheater. (Saskia Jungnikl/Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 18. Jänner 2011)

  • Wolfgang Petritsch, Peter Weibel und John Sailer (v. li.) im Gespräch mit STANDARD-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid über Kreisky als "Mann des Buches und des Wortes".
    foto: standard/robert newald

    Wolfgang Petritsch, Peter Weibel und John Sailer (v. li.) im Gespräch mit STANDARD-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid über Kreisky als "Mann des Buches und des Wortes".

  • Der Galerist John Sailer im Gespräch mit Andrea Schurian über das Kunstverständnis von Kreisky, der "ja auch Politiker war".
    foto: standard/robert newald

    Der Galerist John Sailer im Gespräch mit Andrea Schurian über das Kunstverständnis von Kreisky, der "ja auch Politiker war".

  • Autogramm am Unterarm: Gertraud Auer Borea d'Olmo.
    foto: standard/robert newald

    Autogramm am Unterarm: Gertraud Auer Borea d'Olmo.

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