Klassekanzler Kreisky

17. Jänner 2011, 18:00
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Volkskanzler wird man durch den Respekt und die Zuneigung der Menschen, die natürliche Autorität und kluge, für sie vorteilhafte Staatskunst verspüren. Worin Kreisky Recht hatte, und wovon wir bis heute zehren. Worin Staatsmacht (Kanzler)Klasse zeigt. Warum er uns fehlt - und wem nicht.

Volkskanzler wird man durch den Respekt und die Zuneigung der Menschen, die natürliche Autorität und kluge, für sie vorteilhafte Staatskunst verspüren.

Ein paar Milliarden (Schilling!) bereiteten ihm weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr. Dieser meist kritisierte berühmte Sager Kreiskys zeigt genialen politischen Instinkt, den Kern seiner Wirtschaftsphilosophie und Weltanschauung.

Wie viele mehr als hunderte Millionen Euro werden vergeudet ohne einen einzigen Arbeitsplatz zu sichern? Wie viel kleiner waren die Schulden damals als heute - oder anderswo? Was sprach gegen selbstfinanzierende Defizite für Investitionen statt Konsumschulden, für Regionalpolitik, Market Building, etwa den Aufbau einer Autozulieferindustrie?

Bis heute hält die politische Enkelgeneration Hundstorfer den Primat der Arbeitsmarktpolitik, mit Erfolg. Krisenmanagement, Kurzarbeit, Ausbildungsgarantie, Österreich rittert mit Holland um Platz 1 in EU-27 bei Arbeitslosigkeit, hat kaum Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit. Seit den Krisen 1974/75 und 1979 zehren wir vom Vorteil dieses "österreichischen Wegs".

Zu den 21 Millionen EU-Arbeitslosen kommen heute 96 Millionen Erwerbslose. Kaum zu glauben, dass im "goldenen Zeitalter" Kreiskys Männer bis 1976 und Frauen bis 1989 länger arbeiteten als das gesetzliche Pensionsalter - vier Jahre länger als heute! Die Hälfte unserer Pensionsprobleme wäre mit dieser Arbeitsmoral behoben.

Kreisky hatte Freude am Dialog, am Widerspruch, an der Herausforderung, am zivilisierten Streit - und er lud ausdrücklich dazu ein. Er wusste genug, nicht nur um andere zu belehren ("lernen's Geschichte, Herr Redakteur"), sondern vor allem, um ständig selbst weiter zu Lernen. Als Staatsmann suchte er Kontakt zu Gelehrten, Wissenschaftern, Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen. Der unabhängige Kopf und Vordenker Egon Matzner ("wem man dem Matzner die Hand gibt, beißt er gleich zu") wurde Koordinator des Parteiprogramms. Statt drittklassiger Jasager saßen erstklassige Neinsager in Kreiskys Ökonomen-Tafelrunde, die Hannes Androsch dann gegen Sonnenkönig und Industriellenlobby Richtung Hartwährungspolitik drehte - und zwar das ganze Spektrum vom "paläo-liberalen" Streissler zum uniwienseits als "Kommunisten" diffamierten Rothschild, nicht nur parteinahe Wirtschaftsexpert/Innen.

Ich erinnere mich, welchen Eindruck nicht nur seine Vorlesung an der EU-Universität in Florenz hinterließ, zu der ich ihn als Dekan zusammen mit Präsident Prof. Maihofer (dem ehemaligen deutschen FDP-Innenminister) eingeladen hatte. Seine gleichzeitige telefonische Pendelmission zwischen Gaddafi und Kissinger, um die Krise zwischen Libyen und den USA zu entschärfen, war ebenso Tagesthema wie seine - gescheiterten - Visionen einer Art Marshallplan für die Dritte Welt.

Wer ihn im öffentlichen Leben erlebte, dem fehlt er, Österreich ist ärmer ohne ihn. Wem, auch von seinen politischen Gegnern, "der Alte" nicht fehlt, dem fehlt "echt" was, wohl das Wichtigste. Doch ein altes jüdisches Sprichwort sagt, im Gegensatz zu Geld, Ruhm & Ehr' hat sich noch keiner beklagt, dass es ihm an Charakter, Herz oder Hirn fehle. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2011)

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