"Wir stehlen den Patienten die Zeit"

Regina Philipp
19. Jänner 2011, 16:37
  • Der Anästhesist behält den Patienten während der ganzen 
Operation im Auge.
    foto: apa/helmut fohringer

    Der Anästhesist behält den Patienten während der ganzen Operation im Auge.

Viele Menschen haben mehr Angst vor der Narkose, als vor der Operation - Für Gesunde ist das Risiko eines Narkosezwischenfalls verschwindend gering

Szene wie aus einem Psychothriller: Ein Patient erwacht während der Narkose, unbemerkt vom OP-Team. Munter aber unfähig sich zu bewegen oder gar zu artikulieren, fühlt der die Schmerzen und nimmt akustische Ereignisse im Operationssaal wahr. 

So passiert in Kärnten im Jahr 2003. Eine traumatische Situation für die betroffene Frau, doch zum Glück sind intraoperative Wachphänomene heute sehr selten. „Die Angst während der Narkose aufzuwachen ist an unserem Haus nicht gerechtfertigt, weil wir praktisch keine Muskelrelaxantien mehr verwenden. Würde eine Patient also während einer Operation aufwachen, wäre er auch imstande sich zu bewegen", weiß Udo Illievich, Vorstand der Abteilung Anästhesiologie und Intensivmedizin der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz und geht davon aus, dass auch in anderen chirurgischen Bereichen die Muskelrelaxantien in den nächsten Jahren weniger Einsatz finden werden.

Von Mono bis Kombi

Um das zu verstehen erfordert es einen Blick zurück zu den Anfängen der Anästhesie. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit Hilfe der Äthernarkose erstmalig schmerzfrei operiert. Das besondere an dieser sogenannten Mononarkose: Die Schmerzausschaltung wurde durch den Grad des Bewusstseinsverlusts gesteuert. Für viele Operationen war daher eine sehr „tiefe" Narkose erforderlich. Die damit verbunden Nebenwirkungen hoher Medikamentendosen wurden in Kauf genommen.

Nach der Mononarkose, die sich später auch anderer Substanzen bediente, kam die Kombinationsnarkose. Sie findet auch heute noch ihre Anwendung. Drei verschiedene Komponenten versetzen Patienten in einen Zustand der Bewusstlosigkeit, die Schmerzempfindung wird zur Gänze ausgeschaltet und die Muskulatur bei Bedarf mit Hilfe von Muskelrelaxantien reversibel gelähmt.

Am Schmerz orientieren

Vorteile der Muskelrelaxantien, die ursprünglich vom indianischen Pfeilgift „Curare" abstammen: Sie erlauben eine niedrige Dosierung der anderen Narkosemedikamente und oft auch eine Verbesserung der Operationsbedingungen. Die Gefahr die sich dahinter verbirgt: Es kann zu einer Unterdosierung der Schlaf- und im Besonderen auch der Schmerzmittel kommen, da schmerzbedingte Abwehrbewegungen nun nicht mehr möglich sind. „Üblicherweise arbeiten wir heute mit der analgesiebasierten Narkose, die sich ausschließlich am Schmerz der Patienten orientiert. Hat der Patient keine Schmerzen, dann hat er auch keinen Grund sich zu bewegen", betont der Linzer Anästhesist. 

Aus medizinischer Sicht ist die Angst vor dem ungewollten Erwachen also beinahe unbegründet, trotzdem fürchten viele Menschen die Allgemeinanästhesie mehr als die bevorstehende Operation. „Angst sollte man vor der eigenen Erkrankung haben, dann vor dem Eingriff und zuallerletzt vor der Narkose", bringt Illievich die bestehenden Risiken in die richtige Reihenfolge. Narkosezwischenfälle sind demnach selten, jedoch umso häufiger, je gravierender die Grunderkrankung eines Patienten ist. Deshalb werden die Patienten im Vorfeld genau untersucht, und nach der Risikoabschätzung der American Society of Anesthesiologists (ASA 1-5) exakt klassifiziert.

Narkotisierte Menschen schlafen nicht

Für gesunde Patienten (ASA 1) ist das Risiko eines Narkosezwischenfalls verschwindend gering, trotzdem sind viele Menschen verunsichert. Dazu trägt unter anderem die Tatsache bei, dass man während einer Vollnarkose, die Kontrolle über den eigenen Körper zur Gänze verliert, Anästhesisten und Chirurgen ist man ausgeliefert. „Wir stehlen unseren Patienten sozusagen die Zeit", versucht Illievich die psychologischen Hintergründe für die Ängste seiner Patienten zu erklären. Einschlafen, aufwachen und wissen, dass vielleicht fünf Stunden der eigenen Lebenszeit ohne bleibende Erinnerung daran abhanden kommen, erzeugt eben unangenehme Gefühle. Ein Vergleich mit dem Schlaf hinkt, denn obwohl natürlich niemand weiß, ob er morgens wieder aufwacht, ist die Furcht abends ins Bett zu gehen bei den meisten gering. „Man darf nicht vergessen, narkotisierte Menschen schlafen nicht. Sie sind bewusstlos, haben also auch keine Schutzreflexe mehr", klärt Illievich auf. 

Aufklärung ist im Bereich der Anästhesie das A und O. Nicht zuletzt deshalb, weil die Vorstellungen darüber oft jenseits der Realität angesiedelt sind. Viele wissen nicht einmal, dass Narkoseärzte überhaupt existieren, geschweige denn, dass Anästhetika nicht nur einmalig verabreicht werden. Ein aufklärendes präoperatives Gespräch füllt diese Wissenslücke und vermag dabei auch Ängste zu reduzieren. Was genau aber macht der Anästhesist? Er kümmert sich nicht nur um die Einleitung, Aufrechterhaltung und Ausleitung der Narkose, sondern behält den Patienten während der ganzen Operation im Auge. Konkret misst er dazu basismäßig den Blutdruck, überwacht die Herzaktion mit einem EKG, und kontrolliert die Sauerstoffsättigung im Blut. Eine Kontrolle der Hirnströme über das EEG ermöglicht die Beurteilung der Narkosetiefe.

Angst vor der Intubation

Das alles wappnet Anästhesisten für eventuell sich anbahnende Komplikationen, macht sie jedoch nicht zu völlig angstfreien Draufgängern. „Wir Anästhesisten fürchten uns davor, nicht beatmen zu können", gesteht Illievich offen ein. Als künstliche Beamtungshilfe steht hier die Intubation zur Verfügung. Sie ist unter anderem dann erforderlich, wenn Muskelrelaxantien bei großen Eingriffen im Brust- oder Bauchbereich ihren Einsatz finden. Wie erwähnt, lähmt diese Medikamentengruppe die gesamte Muskulatur, so auch die Atemmuskulatur. Der Patient hört auf zu atmen, dem Anästhesisten bleiben nur wenige Minuten um einen Schlauch (Tubus) über die Mundhöhle in die Luftröhre einzuführen. 

Der Zeitdruck macht auch den Spezialisten zu schaffen. Die Angst, dass der Tubus nicht hineingeht ist groß. Und die Häufigkeit einer schwierigen Intubation wiederum ist gar nicht so klein. Sie liegt zahlenmäßig zwischen 0,5 und 2 Prozent. „Das klingt viel, hängt aber nur damit zusammen, dass ein Patient, der sich erst nach 10 Minuten und drei misslungenen Versuchen erfolgreich intubieren lässt, definitionsgemäß bereits als schwierige Intubation gilt", weiß Illievich. Was so viel heißt wie: Auch schwierige Intubationen gelingen letztendlich fast immer und wenn nicht, dann ist das noch längst nicht das Todesurteil. Der Anästhesist hat noch Alternativen in petto.

Kein guter Begleiter

Angst aufzuwachen oder nicht mehr aufzuwachen, Kontrollverlust und Hilflosigkeit - mit der Liste präoperativer Ängste ist man hier längst nicht am Ende. Der Versuch sich davon zu befreien, macht in jedem Fall Sinn, denn Angst ist kein guter Begleiter. Das gilt auch für die Allgemeinanästhesie. Angst erhöht die Schmerzempfindung und erschwert die Einleitung einer Narkose. „Ich kann schon nach einer Einleitung sagen, ob ein Patient nervös war oder nicht. Besonders ängstliche Patienten brauchen einfach mehr Medikamente", so Illievich.

Schlussendlich ist er von der Qualität und Sicherheit moderner Narkosen überzeugt und führt die präoperative Angst vor einem Verlust von Gehirnzellen infolge der Allgemeinanästhesie ad absurdum: „Vor einer unkontrollierten Vergiftung zu Silvester fürchtet sich niemand, vor der kontrollierten Vergiftung während der Anästhesie viele". (derStandard.at, 19.1.2011)

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Schönheits OP

Ich verstehe die Frauen nicht, die sich zigmal die Brust umoperieren lassen und keine Angst vor einer Vollnarkose haben, aber dafür eine ausgeprägte Spinnenphobie oder Ähnliches.

2 Operationen binnen 2 Jahren, beide male aufgewacht

Ich bin 2x aufgewacht. Da mal zuerst eine K.O.-Spritze bekommt, die verhindert, dass man sich rühren kann, kann man sich kaum bemerkbar machen, obwohl die Schmerzen höllisch sind.

Beim ersten Mal hat die Ärztin einfach abgestritten, dass ich wach geworden bin, auch wenn ich mitbekam, dass sie mir schließlich doch eine 2. Narkose gab. Beim 2. Mal wurde grob geflucht bis man mir was gab. Hinterher meinte die Ärztin, ich sei zu fett und das Fett habe wohl zuviel des Medikaments absorbiert und abgebaut, so dass die Wirkung rascher nachließ.

Ich kann das nicht gelten lassen, denn a. das erste Mal wurde ich auch wach, wies darauf hin, b. sie sah ja das ich zuviel Fett habe und hätte anders kalkulieren müssen, c. war das mieses Benehmen!

was für Deppen hat man da auf Sie losgelassen- oder waren Sie nicht ehrlich?

üblicherweise wird man am Vortag nach Körpergröße und Gewicht befragt- da sollte man ohne falsche Eitelkeit bzw ohne falsche Scham ehrlich sein, genau deswegen nämlich! 2. wenn man aufwacht, steigen die Kreislaufparameter, und ein vernünftiger Anästhesist/ eine vernünftige Anästhesistin wird einen dann sofort niederknallen.

vor der operation

werden einem als patientIn jede menge unterlagen zur unterschrift vorgelegt. betrachtet man diese genauer und liest sie gar........
vor diesem hintergrund finde ich den tipp sich nicht zu fürchten fast putzig.....

ich plädiere dafür, "lästig" zu sein- und Fragen zu stellen

ja, ich weiß, die AnästhesistInnen haben wenig Zeit. Trotzdem, das "Aufklärungsgespräch", üblicheerweise am Vortag, heißt ja nicht per Gaudi so. Ich finde es übrigens ziemlich besch***, wenn der Anästhesist/ die Anästhesistin, der/ die das Gespräch führt, nicht der/dieselbe ist, der/ die dann auch narkotisiert, angeblich im Salzburger LKH so, weiß jemand da Genaueres? In Linz (AKH) machen Gespräch und "Schlafen schicken" immer dieselben ÄrztInnen. das finde ich vertrauensbildend.

Also ich bin, ehrlich gesagt, lieber gesund als spitalsbettlägrig.

Und narkotisieren tu ich mich auch lieber selber. Im Spätherbst nach der erfolgreichen Treibjagd.

Da wird dann der Verlust von ein paar Gehirnzellen in Kauf genommen

Wie der Herr Doktor ja auch anmerkt.

was da in Villach passiert ist, das müssen schon Flaschen gewesen sein

wenn jemand aufwacht, steigt der Blutdruck, rast der Puls- und wenn da was nicht bemerkt wird...

Gegen das Herzrasen,

das die Patienten vor der Operation wegen der Angst immer haben, bekommen sie Betablocker.
Daran kann man sich also nicht orientieren.

dann müßte man die aber vorher geben, bvevor sie einschlafen

ich hab vorher keine bekommen, was "während" war, weiß ich klarerweise nicht. Zum Thema Angst: ich hatte kein Herzrasen, aber das Gefühl, mich vor Angst anspeiben zu müssen- was nicht ging, da ich ja "nüchtern" war. Verweigerung der Wurschtigkeitspulverl- ich würds trotzdem wieder tun.

Bingo!

Betablocker bekommt man ja auch bei der Einleitung der Narkose, und wenn Sie davor kein Herzrasen hatten, dann haben Sie vermutlich einen Herzschrittmacher.

...dann ist der Anästhesist eingeschlafen.

das mit der abgegebenen Kontrolle ist schon so eine Sache

darum hab ich bei meiner bislang einzigen OP auch das "Wurschtigkeitsmittel" vorher verweigert, obwohl ich Todesangst hatte. Zum Erstaunen des Anästhesisten. Mir reichte schon das "weg sein" während der Narkose, aber vorher wollte ich noch nicht weggetreten sein. Danach war ich erstaunlich schnell wieder bei Sinnen, vielleicht auch deswegen.

hm... das "wurschtigkeitsmittel" dürfte sich auch verändert haben. bei meiner ersten op 1976 war mir alles vollkommen wurst. bei meiner zweiten op 2007 hat das mittel aus meiner sicht absolut null gewirkt. die pfleger die mich zum op geschoben haben meinten auf meine diesbzüegliche bemerkung "das wirkt eh nie".
auch bei der narkose: obwohl die 2. op schwerer war, hatte ich da das gefühl, dass zeit vergangen war. bei der ersten: augen zu, augen auf, keine zeit dazwischen.

Gewöhnungseffekte?

So ist z. B. bei Alkoholikern, die narkotisiert werden, bekannt, dass sie nicht richtig einschlafen. Es kann auch sein, dass Sie auch sonst Beruhigungsmittel nehmen, und sich bereits daran gewöhnt haben.

nein, bin weder alkoholikerin noch nehme ich beruhigungsmittel. allerdings hatte ich große angst vor der op.

vielleicht ein Placebo

"Wurschtigkeitsmittel" würde ich doch nehmen

Patienten, die das "Wurschtigkeitsmittel" nicht nehmen, haben oft einen höheren als üblichen Narkosemedikamentenbedarf als die mit "Wurschtigkeitsmittel". Das Risiko der zu wenig tiefen Narkose ist also eventuell höher. Was hat es für einen Selbstwert, unmittelbar nachher schneller wach zu sein? Manche Anästhesisten wollen vielleicht den Chirurgen beeindrucken, wie schnell ihre Patienten wach sein. Ob ich aber 2 Stunden später oder früher fit bin, ist mir wurscht, ich will nur sicher tief genug in Narkose sein während der Op.

mit dem Anästhesisten hatte das nichts zu tun, man darf doch noch selber möglichst bald wieder klar im Kopf sein wollen

Ich hab ihn extra gefragt, ob eine Narkose dann leichter einzuleiten sei. Das hat er verneint, er meinte, das würde mir halt nur die Angst nehmen. Worauf ich ihm erklärte, meine Angst sei jetzt, am Vortag, nicht kleiner, da kommt es auf die 5 min auch nicht an.

Das Risiko einer zu wenig tiefen Narose werde durch das Wurschtigkeitsmittel vermindert?

Ich denke da doch eher, dass das W. den Narkosemittelbedarf erniedrigen müsste?

Wie kommen Sie darauf?

Das Wurschtigkeitsmittel betreffend, ist es zwar nur meine Vermutung, aber dass die Erniedrigung des Nmb. prinzipiell möglich ist, steht im Artikel. Darf ich zitieren?:

"Vorteile der Muskelrelaxantien, die ursprünglich vom indianischen Pfeilgift „Curare" abstammen: Sie erlauben eine niedrige Dosierung der anderen Narkosemedikamente und oft auch eine Verbesserung der Operationsbedingungen. Die Gefahr die sich dahinter verbirgt: Es kann zu einer Unterdosierung der Schlaf- und im Besonderen auch der Schmerzmittel kommen, da schmerzbedingte Abwehrbewegungen nun nicht mehr möglich sind."

Wuschtigkeitsmittel und Muskelrelaxans sind aber 2 Paar Schuhe

Das Wurschtigkeitsmittel betreffend, ist es zwar nur meine Vermutung, aber dass die Erniedrigung des Nmb. prinzipiell möglich ist, steht im Artikel. Darf ich zitieren?:

"Vorteile der Muskelrelaxantien, die ursprünglich vom indianischen Pfeilgift „Curare" abstammen: Sie erlauben eine niedrige Dosierung der anderen Narkosemedikamente und oft auch eine Verbesserung der Operationsbedingungen. Die Gefahr die sich dahinter verbirgt: Es kann zu einer Unterdosierung der Schlaf- und im Besonderen auch der Schmerzmittel kommen, da schmerzbedingte Abwehrbewegungen nun nicht mehr möglich sind."

Ja sicher.

Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen so ist, aber wenn ich aufgeregt bin, kann ich für gewöhnlich nicht einschlafen. Daher die Annahme, dass der Narkosemittelbedarf in dem Fall (aufgeregt, wegen des nicht eingenommenen Wurschtigkeitsmittels) auch erhöht ist.

Verzeihen Sie bitte, aber ob sich ein Narkosemittelbedarf erniedrigen lässt, scheint mir doch ein wenig zweifelhaft :-)

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