Schönheit als Stieftochter der Zeit

16. Jänner 2011, 19:10
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Eröffnung der "Resonanzen" mit Händels "Il trionfo del tempo e del disinganno"

Wien - Wenn man Zivilisation als das mühsam erworbene Vermögen der Spezies Mensch sieht, dann ist die Kunst dessen Zins - ein Mehrwert, für dessen Hervorbringung es aber wiederum großer Kapitalmengen bedurfte. "Glänzende Geschäfte" - dieses Motto ist der goldene Faden, der die Programme der Resonanzen verbindet. In der 19. Auflage des Festivals für Alte Musik (im Vorjahr über 10.000 Besucher) versucht das Wiener Konzerthaus, die "vielfältigen Verflechtungen zwischen Musik und Markt" musizierenderweise zu beleuchten.

Sechs Debüts ausländischer Ensembles sorgen dabei für eine gewisse Auffrischung, den Anfang machte das Concerto Copenhagen mit dem ersten Oratorium des Starkomponisten und Bankrotteurs Georg Friedrich Händel. 22-jährig, groß, blond und selbstbewusst tat sich der Deutsche anno 1707 in der Ewigen Stadt um, und da Opernaufführungen per päpstlichem Dekret verboten waren, kanalisierte Händel seine überschießenden kompositorischen Energien in das kirchenkompatible Gefäß des Oratoriums. Das allegoriepralle Libretto für Il trionfo del tempo e del disinganno verfasste Kardinal und Mäzen Benedetto Pamphili. Story: Die Zeit und die mit deren Läufen einherschreitende Desillusionierung machen der Schönheit das (irdische) Vergnügen madig.

Virtuose Parallelen

Vielfältig, effektvoll und effektsicher ist diese Musik - und auch reich an Zitaten und Ideen aus den Opern Reinhard Keisers, die der junge Händel in Hamburg erlauschte. Concerto Copenhagen ließ sie auf eine gerade wundersame Weise lebendig werden: atmend, elastisch, klangschön. Mal boten die Oboen oder die Solovioline virtuose Parallelslaloms mit den Stimmen; mal wurde das 28-köpfige Ensemble zur wärmenden, federleichten Sounddecke. Tobte, drohte und keifte die Zeit (ein edel-männlicher Streiter Gottes: Jörg Dürmüller), taten es ihr die Musiker gleich. Was Interpretationskonzepte anbelangt, tendierte Lars Ulrik Mortensen eher zum "Cholerischen", wenn auch das Concerto Copenhagen dessen radikale Anleitungen gekonnt abdämpfte und kaum je ins Terrain der Schroffheiten abglitt.

Wer die Bartoli in der szenischen Umsetzung des Werks in Zürich erleben durfte (Flimm/ Wonder 2003), misste bei Vivica Genaux (als Piacere) die Pianissimo-Zaubereien; der als erkältet angesagte Resonanzen-Stammstar punktete im Furiosen fast voll. Neben einer spielfreudigen Bellezza (Maria Keohane) stellte sich ironischerweise das Vokalgebaren des Disinganno als das sexieste heraus: dunkel und edel der Alt von Sara Mingardo. (Stefan Ender, DER STANDARD/Printausgabe 17.1.2011)

Info

17. 1.: Concerto Copenhagen und Vivica Genaux mit Händel und Hasse-Kompositionen, 19.30

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