Das Rote Kreuz sollte beim Sozialdienst umdenken

16. Jänner 2011, 18:15
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Der Sozial- und Zivildienst als Funktion des Militärdienstes ist eine historisch gewachsene Vorstellung, aber eine abstruse Konstruktion

In der Diskussion um die Zukunft des österreichischen Bundesheeres verknüpft das Rote Kreuz Finanzierung und Aufgabenerfüllung mit dem Fortbestand der allgemeinen Wehrpflicht. Die ÖVP neigt dazu, sich dieser Position anzuschließen: Der Sozial- und Zivildienst als Funktion des Militärdienstes ist eine historisch gewachsene Vorstellung, näher betrachtet aber eine abstruse Konstruktion.

Für das Rote Kreuz ist die Verbindung zum Militär nichts Ungewöhnliches. Diese weltweit aktive Organisation, ohne die humanitäre Einsätze und flächendeckende lebensrettende Aktionen undenkbar wären, hat ihren Ursprung in den von Henry Dunant in der Schlacht von Solferino 1859 beobachteten Gräuel. Mit der Heilung von Kriegswunden hat es begonnen, die Hilfe bei den Verkehrsschlachten ist heute neben den Krankentransporten das dominante Gebiet.

Umso unverständlicher ist, dass eine der Gewaltlosigkeit verpflichtete Hilfsorganisation die Alternative zur allgemeinen Wehrpflicht, die bis 1991 vom Ja einer Gewissenskommission abhängig war, als Existenzgrundlage braucht - und gar nicht nachdenken will, ob es andere Rekrutierungsinstrumente gibt.

Zivildiener (=Wehrdienstverweigerer) wurden anfangs und bis weit in die 70er-Jahre hinein als asoziale Elemente betrachtet, als Schmarotzer und Drückeberger. Erst als man daraufkam, dass es sich vor allem um billige Arbeitskräfte handelte, stieg ihre Attraktivität.

Jetzt sind sie selbst für konservative Kreise staatserhaltende Hilfskräfte.

Dass ein Berufsheer zu teuer ist und dass eine Mischung aus hochqualifizierten Berufssoldaten und zeitverpflichteten Freiwilligen von Dänemark über Schweden bis Finnland eine gut funktionierende Variante ist, wurde bei der jüngsten internationalen Enquete des Verteidigungsministeriums plausibel vorgeführt.

Rotes Kreuz, Spitäler, Pflegeverbände, NGOs sollten sich damit vertraut machen, dass die Einführung eines von der Heeresorganisation unabhängigen Sozialdienstes die einzige Möglichkeit ist, Militärdienst und Zivildienst zu entkoppeln.

Den Sozialdienst mit der verpflichtenden Erlernung von Einsatztechniken in zwei- oder dreimonatigen Kursen zu verbinden ist ebenso überlegenswert wie das Prinzip der zeitlich fixierten Dienstleistung und die Schaffung attraktiver Anreize für die Ergreifung von Sozialberufen. Der Bedarf steigt ohnehin.

Die erwähnten Länder haben diese Grundentscheidungen längst getroffen, Österreich nicht. Weshalb man nicht nur die für heute, Montag, erwarteten Vorschläge des Verteidungsministers Norbert Darabos sachlich diskutieren sollte, sondern auch alle anderen Konsequenzen.

Wie in der Schulfrage steht Österreich auch bei der Entwicklung des Bundesheers vor einer Reform. Ihre Notwendigkeit zu zerreden und nichts zu tun würde der politischen Praxis entsprechen.

Die europäische Wirklichkeit eilt uns voraus. Auch die Slowakei, Ungarn und Slowenien haben längst Schritte eingeleitet, die uns, wenn nichts geschieht, alt aussehen lassen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.1.2011)

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