Das tunesische Virus könnte ansteckend sein

16. Jänner 2011, 19:20
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Bei den Menschen in der arabischen Welt lösten die Ereignisse in Tunesien großteils Begeisterung aus

Für die autoritären Regenten sind sie eine deutliche Warnung. Soziale Proteste gab es in den vergangenen Tagen in mehreren arabischen Ländern.

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Das Erdbeben in Tunesien hat einen kräftigen Riss im Dach des arabischen Hauses und gefährlichen Steinschlag bewirkt. So sieht der Karikaturist der panarabischen Tageszeitung Al-Hayat die Schockwirkungen für die arabische Welt, die von Ben Alis Sturz ausgehen. In der Bevölkerung der Region hat er vorwiegend Euphorie ausgelöst, die autoritären Herrscher dagegen dürften eine schlechte Nacht gehabt haben, vermutet der Kolumnist der unabhängigen ägyptischen Tageszeitung Al-Shourouq. "Sie mussten zur Kenntnis nehmen, dass egal, wie despotisch das Regime ist, es in einem winzigen Augenblick fallen und sich in Luft auflösen kann, wenn es die Menschen wollen", begründete er seine Vermutung.

Die Missstände, die die Tunesier auf die Straße trieben, sind hier - zwar in unterschiedlichem Maß - überall anzutreffen: Steigende Nahrungsmittelpreise, hohe Jugendarbeitslosigkeit, Korruption, eingeschränkte Grundrechte und ein repressiver Staat. Soziale Proteste gab es in den vergangenen Tagen in Algerien, in Jordanien, im Nordsudan und im Jemen. Im Fokus steht vor allem Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, der mit dem Gedanken spielt, im September nach 30 Amtsjahren noch einmal zu kandidieren.

Euphorie im Internet

Verwundbar sind aber auch andere Länder. Tunis erinnere an die Ereignisse in Osteuropa 1989, als die obsoleten Regime kollabierten, warnte ein Kolumnist in Al-Shourouq. Im Internet machten sich Tausende Luft. Keiner der Regenten von Tripolis und Kairo über Damaskus bis nach Sanaa wurde vom Wunsch verschont, dass sich das Modell Tunesien wiederholen möge.

In Kairo kam es auch zu kleineren Kundgebungen vor der tunesischen Botschaft und am Sitz der Journalistenvereinigung. Hier trafen sich vor allem ägyptische Intellektuelle und politische Aktivisten. Für sie sind die Ereignisse in Tunis ein Motivationsschub. Sie sind überzeugt, dass Tunesien nur der Anfang war und das Virus die Menschen in anderen Ländern der Region infizieren wird. In Algerien verbrannte sich nach dem tunesischen Vorbild ein 30-jähriger Arbeitsloser öffentlich.

Die Kommentatoren arabischer Blätter sind sich in ihrer Bewertung allerdings nicht einig. Die meisten sehen keine Revolution, sondern eher eine Wachablöse. Herausgestrichen wird, dass das Volk und nicht die Opposition den Anstoß gegeben und damit die Theorie widerlegt wurde, dass in dieser Region nur das Militär oder die Islamisten stark genug seien, um Veränderungen zu erzwingen.

Regierungsvertreter versuchten alle Parallelen mit Tunesien zu vermeiden. Der Grad an Freiheit sei in Ägypten viel größer, lautete ein Argument. Die Regierung in Kairo erklärte in einem dürren Kommuniqué, Ägypten respektiere die Wahl der Tunesier.

Die Arabische Liga ließ wissen, man respektiere den Willen des Volkes. Aus der Reihe tanzte Libyens Oberst Muammar Gaddafi: Er betrachte Zine El Abidine Ben Ali immer noch als rechtmäßigen Präsidenten seines Nachbarlandes, ließ er wissen. Um den Frust der eigenen Bevölkerung zu mildern, hat er ein Ventil geöffnet und seine Untertanen aufgerufen, neugebaute Wohnungen, die bezahlt, aber noch nicht übergeben wurden, einfach zu besetzen. Hunderte in mehreren Städten des Landes folgten seiner Einladung. (Astrid Frefel aus Kairo /DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2011)

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    Eine Demonstration in Kairo: "Morgen wird Ägypten Tunesien folgen"  ist die Botschaft einer Gruppierung, die sich "Jugend des 6. April" nennt. Sie ist auf Facebook aktiv.

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