Der Snowboarder Benjamin Karl kämpft ab Mittwoch bei der WM in La Molina um Medaillen. Er hofft auf zwei Goldene und bedauert, dass den Alpin-Boardern zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wird.
Standard: Sie sind als Gesamtweltcupführender ins spanische La
Molina
gekommen. Kann das Ihre WM werden?
Karl: Ich hab's vor, dass es meine WM wird. Ich bin stark drauf, kann
mindestens eine Goldmedaille holen. Das soll auch als Ansage verstanden
werden.
Standard: Sie sind Alpin-Allrounder, haben in dieser Saison
bereits
einen Sieg im Parallel-Riesenslalom und im Parallel-Slalom eingefahren.
Wie realistisch ist ein Doppelweltmeister-Titel?
Karl: Das ist schwer zu sagen. Ein Fehler, und man ist draußen. Aber
wenn alles zusammenpasst, mein System, das Material, die mentale
Komponente, dann ist das möglich. Natürlich sind auch andere Boarder in
Form, jeder will gewinnen. Die letzten Tage vor dem Abflug nach Spanien
habe ich mich zu Hause in Niederösterreich vorbereitet. Am Mittwoch war
ich das letzte Mal auf Schnee, sonst war ich am Computerspielen, Laufen
und Relaxen.
Standard: Was erwartet Sie in La Molina? Was wird anders sein als
beim
letzten Weltcupbewerb vor einer Woche in Bad Gastein?
Karl: Das Heimpublikum wird fehlen, viele werden wohl nicht nach
Spanien
kommen. Die Rennen sind unter der Woche und damit zuschauertechnisch
auch eher suboptimal angesetzt. Ich hoffe aber, dass es in Spanien
kälter wird als zuletzt bei uns zu Hause. Wir sind in den Ausläufern der
Pyrenäen, das kann man sich so vorstellen wie am Semmering. Es gibt hohe
Hügel, aber keine schroffen Felsen.
Standard: Ihre Saison hat Mitte Oktober begonnen, dennoch haben
Sie erst
fünf Rennen bestritten. Sind Veranstalter für alpine Snowboard-Events so
schwierig zu finden?
Karl: Das Problem ist, dass oft keine finanziellen Mittel da sind.
Und
sind welche da, werden interessierten Veranstaltern immer wieder Steine
in den Weg gelegt. Sankt Johann im Pongau hat zum Beispiel schon
sechsmal erfolglos probiert, ein Weltcuprennen zu bekommen. Und für Bad
Gastein sind die Rennen Anfang Jänner wegen der vielen Touristen ein
Horror. Die haben schon probiert, den Weltcup auf Mitte/Ende Jänner zu
verschieben. Aber da heißt es vonseiten der Fis: Entweder ihr macht das
zu diesem Zeitpunkt oder eben gar nicht.
Standard: Können die Fahrer da Druck auf die Fis ausüben?
Karl: Wir als Fahrer können da fast nichts ausrichten. Zurzeit sind
es
elf bis dreizehn Rennen pro Saison, mit dem müssen wir seit Jahren
leben. Wir können nur hoffen, dass es nicht noch weniger werden.
Entschieden wird das aber über unseren Köpfen.
Standard: Alpine Snowboards verschwinden - im Gegensatz zu
Freestyle-Boards - immer mehr von den Pisten. Wird Ihre Sportart von der
Randsportart zur Exotensportart?
Karl: Wir Alpin-Boarder sind seit zehn Jahren vom Aussterben bedroht.
Wir leben noch immer. Und wir hoffen auf die neuen Märkte Russland und
Japan, vielleicht zieht der Sport wieder mehr an.
Standard: Und wenn nicht?
Karl: Das Brutale ist, dass man von uns hohe TV-Einschaltquoten und
Zuschauerzahlen verlangt, aber unsere Rennen werden in den Medien fast
nicht beworben. TV-Media hat am Wochenende unseres einzigen
Heimweltcups
viele Sportarten prominent angekündigt. Unser Rennen war nicht dabei.
Aber wie sollen Leute auf uns aufmerksam werden, wenn sie nichts von uns
wissen? Solche Sagen regen mich total auf. Wenn ein Skifahrer für einen
Weltcupsieg eine Titelseite bekommt und wir nicht mal für einen
Weltmeistertitel, dann sind eh schon die Wertigkeiten verschoben.
Standard: Bleiben wir bei den Snowboardern: Freestyle-Contests
ziehen.
Wieso können Alpin-Events da nicht ganz mithalten?
Karl: Die Freestyle-Bewerbe in der Fis sind eine einzige
Augenauswischerei. Die besten Freestyler fahren ihre eigenen Bewerbe und
rennen selten bei Fis-Contests herum. Die, die nur den Weltcup fahren,
sind Zweite-Klasse-Boarder. Alle guten amerikanischen Boarder siehst du
das ganze Jahr nicht bei uns. Für die ist die Fis-WM in La Molina nicht
so wichtig, die haben die X-Games Ende Jänner in Aspen. Wenn's um die
Olympischen Spiele geht, fahren die eben einmal mit, um die nötigen
Punkte für die Qualifikation zu sammeln.
Standard: Was für eine Wertigkeit hat für Sie WM-Gold?
Karl: Natürlich eine sehr große. Unsere Sportart ist eine
Fis-Sportart.
Die besten Renn-Snowboarder, die es auf der Welt gibt, fahren
Fis-Weltcup. Da gibt's nichts anderes.
Standard: Sie waren im Vorjahr der einzige ÖSV-Athlet, der eine
große
Kristallkugel als Gesamtweltcupsieger überreicht bekommen hat. Bei der
Wahl zu Österreichs Sportler des Jahres 2010 belegten Sie nur Rang fünf.
Waren Sie enttäuscht?
Karl: Zu diesem Zeitpunkt schon, ehrlich gesagt. Es kann nicht sein,
dass ein Felix Gottwald vor mir war. Der kann noch so viele WM- und
Olympiamedaillen haben, es war die Sportlerwahl 2010 und nicht die
Sportlerwahl 2000 bis 2010. Dass ich gegen Jürgen Melzer in der
Weltsportart Tennis keine Chance habe, war mir aber schon klar.(David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe, 17.1.2011)
Benjamin Karl (25) wuchs im niederösterreichischen Wilhelmsburg auf,
lebt in Lienz. Karl hält bei zehn Weltcupsiegen. Bei den Olympischen
Spielen 2010 gewann er Silber im Parallel-RTL, 2009 WM-Gold im Slalom.