Italienischer Tabubruch

16. Jänner 2011, 17:39
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Bei der Abstimmung über die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen stimmte die knappe Mehrheit der Belegschaft für verschärfte Arbeitsregeln

Im Turiner Fiat-Stammwerk Mirafiori, dem "industriellen Herz" Italiens, kam es zu einer richtungsweisenden Änderung. Erstmals nach Jahrzehnten fiel die Revolution - wenn auch nur knapp - zugunsten des "Kapitals" aus. Denn bei der Abstimmung über die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen stimmte die knappe Mehrheit der Belegschaft für verschärfte Arbeitsregeln. Fiat-Chef Sergio Marchionne hatte zuvor eine Milliarde Euro Investitionen versprochen, sollten die Bedingungen akzeptiert werden.

Im Grund genommen handelt es sich um eine Erpressung: Sicherung des Arbeitsplatzes im Tausch für weniger Rechte. Die knappe Mehrheit von 54 Prozent genügt jedoch, um mit mehreren Tabus zu brechen. Streiken und Krankschreiben wird schwieriger. Die jahrzehntelange Tradition flächendeckender Tarifverträge wird gestoppt. Zwar einigten sich bereits andere Unternehmer mit Gewerkschaften über Ausnahmeregelungen. Doch mit dem Abkommen in Mirafiori, dem Stammwerk der führenden italienischen Industriegruppe, wird die Abkehr von den nationalen Tarifverhandlungen hin zu betriebsspezifischen Regelungen eingeleitet. Damit soll sich die Produktivität in Italien verbessern. Die Abstimmung schwächt die Gewerkschaften.

Mit dem neuen Abkommen will Marchionne die Physiognomie der Automobilbranche ändern. Dafür muss er sich auch noch mit den Investoren einigen. Die Kraftprobe geht in die nächste Runde. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.1.2011)

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