Marine Le Pen führt Front National

16. Jänner 2011, 20:05
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Rechtsextreme haben eine neue Spitze - 68 Prozent der Stimmen erhalten

Abgesehen von der blonden Mähne gleicht Marine Le Pen ihrem Vater auch persönlich aufs Haar. Eine große Klappe, zweimal geschieden und, wie ihr Vater Jean-Marie, drei Feindbilder: die Immigration, den Islam und die EU. Am Sonntag hat sie nun offiziell die Nachfolge ihres Vaters an der Spitze der rechtsradikalen französischen Partei Front National angetreten: In einer internen Abstimmung sprachen sich 67,65 Prozent der FN-Mitglieder auf einem Parteikongress in Tours für sie aus.

Der häufige Vorwurf, sie habe diesen Posten ihrem Papa zu verdanken, zielt indes daneben. Le Pen senior stand im internen Wahlkampf zwar auf ihrer Seite. Doch in den vergangenen Jahren hatte er ihr nur beschränkt geholfen - sein eigentliches Kind, der Front National, geht ihm über alles. Marine Le Pen musste als ausgebildete Anwältin klein im Rechtsdienst der Partei anfangen, bevor sie 2000 ins Politbüro aufgenommen wurde.

Sie hat sich ihre Sporen selber verdient - und zwar ganz nach Le-Pen-Manier: In Fernsehstudios nimmt sie es am liebsten allein mit einer geballten Gegnerschaft auf. Vor Marktbesuchen schreckt die Regionalrätin auch dann nicht zurück, wenn ein Gegner mit einer Pistole auf sie zielt.

Marine Le Pen hat ein dickes Fell. Die Mutter von drei Kindern stand ihre Frau nicht nur gegenüber ihrem despotischen Vater, der seine andere Tochter Marie-Caroline wegen politischer Kursabweichung aus dem Familienclan verstoßen hat. Marine musste sich auch gegen die alte Parteigarde um ihren Rivalen Bruno Gollnisch durchsetzen, der bei der Abstimmung auf immerhin 32,35 Prozent der Stimmen kam.

Gollnisch hält die Rivalin, die er "Nightclubeuse" (Nachtclub-Besucherin) nennt, für zu liberal. Als Anwältin hatte Marine Le Pen Algerier ohne Aufenthaltsbewilligung verteidigt. Gegen die wilde Einwanderung zu sein, heiße nicht, gegen Einwanderer zu sein, sagte sie.

Die jüngste der drei Le-Pen-Töchter ist für das Recht auf Abtreibung, und ganz im Trend europäischer Rechtspopulisten reicht sie den Juden die Hand. Auch an die homosexuelle Wählerschaft sendet sie positive Signale. Altgedienten Frontisten müssen sich dabei die Nackenhaare sträuben.

Muslime und EU-Bürokraten

Bei den Kernthemen vertreten die beiden Le Pens aber "dieselben Meinungen" , wie der Vater am Samstag am Parteikongress in seiner Übergaberede an die Tochter erklärte. Schuld sind aus Prinzip die Muslime oder die EU-Bürokraten. Marine Le Pen will die Einwanderung aus Nordafrika gänzlich stoppen und den Euro zugunsten des Franc aufgeben - nicht aber aus der EU austreten.

Pariser Medien meinen, die Tochter sei "der Vater in neuer Verpackung". Marine verpasst dem FN zumindest ein politisches Lifting. Auf die rassistischen Sprüche ihres Vaters verzichtet sie. In einem ihrer Bücher namens "A Contre-Flots" (Gegen den Strom) gab sie sich "schockiert und verletzt", dass ihr Vater die Gaskammern des Zweiten Weltkrieges zum "historischen Detail" degradiert habe. 2005 nahm sie deshalb sogar einen vorübergehenden Bruch mit dem Vater in Kauf.

"Marine ist eine freie Frau", sagt er von ihr. "Sie hört nicht allzu sehr auf ihren Vater, ja eigentlich nur sehr selten." Heute sind die beiden aber wieder versöhnt. Nun hat die Tochter auch das gleiche Fernziel wie zuvor ihr Vater: den Einzug in den Elysée-Palast. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2011)

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