Der Fluch der Clans

KrisenFrey, 15. Jänner 2011, 21:36
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    foto: reuters/pelissier

Die Herrschaft von Tunesiens Präsident Ben Ali ist vor allem an der Gier seiner Familie gescheitert – und die ist typisch für viele Staaten

Tunesiens geflohener Staatschef Zine el-Abidine Ben Ali hat sein Land gerne als „Singapur am Mittelmeer“ bezeichnet – ein autoritär geführter Staat, der  seinen Bürgern statt Freiheit viel Wachstum und Wohlstand bietet. Und vielleicht wäre dieses Szenario tatsächlich aufgegangen – Tunesien hat sein BIP unter Ben Alis Herrschaft verdreifacht und galt als das wettbewerbsfähigste Land in Nordafrika – wäre da nicht seine schreckliche Familie gewesen.

Es war die Korruption seines eigenen Clans und vor allem dem seiner Frau Leila, der Trabelsis, die das Regime in der Bevölkerung so verhasst gemacht und auch die wirtschaftlichen Erfolge massiv getrübt hat. Anders als Singapur langjähriger Machthaber Lee Kuan Yew wird Ben Ali nicht als Vater eines Wirtschaftswunders, sondern als raffgieriger Kleptokrat in die Geschichtsbücher eingehen.

Schuld daran war weniger seine autoritäre Persönlichkeit als das kulturelle Umfeld, in dem diese Mann die Macht gewonnen und ausgeübt hat. Korruption gibt es in aller Welt, aber die Clan-Wirtschaft, die in Tunesien so intensiv geherrscht hat, ist für arabische, islamische und afrikanische Staaten besonders typisch.

Denn in diesen Kulturkreisen bleibt die Loyalität zur eigenen Familie die stärkste Verpflichtung für jeden Einzelnen. Wer es hier zu etwas bringt, von dem wird erwartet, dass er die Früchte des Erfolgs mit Familie und Verwandten teilt. Und wer Macht besitzt, wird seinen Einfluss selbstverständlich dafür nützen, dass die Mitglieder seines Clans auch etwas davon haben.

Die wenigsten empfinden dabei ein Unrechtsbewusstsein. Im Gegenteil: Wer sich nicht um seine Familie und Verwandtschaft sorgt, der würde moralisch zutiefst verwerflich handeln.

Wenn ein Präsident und seine Ehefrau aus einfachen Verhältnissen kommen, dann stehen sie unter noch größerem Druck der Angehörigen, die nun zum ersten Mal das große Glückslos gezogen haben. Und da niemand weiß, wie lange dieses Glück anhalten wird, muss auf Teufel komm raus abkassiert, gestohlen und geraubt werden.

Nur ein sehr prinzipienstarker Herrscher kann diesen ständigen Wünschen aus dem eigenen Clan widerstehen. Und das Prinzip, dass ein Politiker dem Gemeinwohl und nicht der Familie verpflichtet ist, wird in weiten Teilen der Welt ignoriert oder zumindest nicht ernst genommen.

Man kann drei Formen von Korruption unterscheiden:

Manche Länder haben eine demokratische Korruption: Jeder, der es kann, lässt sich bestechen, vom Polizisten über Lehrer bis zum Arzt. Und jeder Bürger weiß dort, dass ohne Schmiergeld gar nichts geht, und hofft, dass man selbst einmal daran teilhaben kann. Solche Länder sind meist arm und ineffizient, aber die Korruption wird akzeptiert.

Anderswo herrscht eine zentralistische Korruption: Die Herrschenden kontrollieren die wirtschaftlichen Ressourcen und nutzen sie zum eigenen Machterhalt. Dazu gehört auch, für das Wohl der Bürger so weit zu sorgen, dass sich diese nicht erheben. Jahrhundertelang hat der Feudalismus und Absolutismus in Europa nach diesem System funktioniert – und oft gar nicht so schlecht.

Die schlimmste Form ist die oligarchische Korruption – dort, wo ein kleiner Kreis sich auf Kosten der Mehrheit bereichert.   Dass können Seilschaften sein – wie Wladimir Putins Silowikis oder auch ein wenig KHGs Freundeskreis – oder auch Familienmitglieder. Ein Bruder oder Schwiegersohn lässt sich noch versorgen, ohne dass man es allzu sehr merkt. Aber wenn man in einem Land lebt, wo sich auch entfernte Verwandte zur Familie zugehörig fühlen, dann wird die Zahl der räuberischen Mitesser rasch sehr, sehr groß.

Die Kosten für die Wirtschaft einer solchen Korruption sind horrend, und der Zorn der übrigen  Bevölkerung meist kräftig. Oligarchische Korruption ist die Quelle, die Volksaufstände wie die in Tunesien speist. Das gleiche könnte auch in Ägypten oder Kasachstan geschehen.

Aber selbst wenn die Herrscherclique vertrieben ist, bedeutet das nicht das Ende der Korruption. Oft sind die neuen Eliten genauso korrupt wie die alten. Und weil sie wissen, dass ihre Zeit an der Macht beschränkt ist,  nehmen sie sich noch schneller, was immer sie können.

Es braucht mehr als einen Umsturz, um ein Land von diesen zutiefst zerstörerischen Praktiken zu befreien. Es braucht einen tiefgreifenden kulturellen Wandel, und der kann, wenn er überhaupt je kommt, Generationen dauern.

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22 Postings
Chupacabra11
00
23.1.2011, 13:30

Bei uns halt der Fluch der Seilschaften, die andere Art der Parallelgesellschaft. Hat man ja gesehen, wie Haider mit denen abgerechnet hat... noch schlimmer als die Kleptokraten der SPÖ haben sie sich bedient, die Seilschaften aus der FP-BZ-ÖVP.... bloß die dummen Ösis glauben, dass der Strache jetzt aufräumen will..... Soweit ich weiß, waren es die gebildeten Tunesier, die den Clan verjagt haben, nicht die bildungsfernen Wohlstandsgschrappen, (welche in Simmering, Floridsdorf und Kärnten und NÖ allmächtig sind)

Legibus solutus
00
23.1.2011, 10:01
Niederösterreich vulgo Pröllistan

ist in unserem Staat eines der guten (??) Beispiele, wie das mit dem Clan-Unwesen funktioniert: Unzählige der schwarzen Bürgermeister und Gemeinden hängen am Tropf von Übervater Erwin und schlagen daraus trefflich Kapital; jedoch selten zum Wohle der Kommunen sondern vielmehr für die eigene Schatulle. Allein in meiner Heimatgemeinde hier am Fusse des Anningers zeigt sich das Pfündnerwesen so deutlich und völlig unverschämt in aller Öffentlichkeit, dass einem wahrlich schlecht werden kann.

Verzweifelnd
05
17.1.2011, 12:02

"Oligarchische Korruption" scheint mir in Österreich - Stichwort: "Wos woa mei Leistung" - aber auch zunehmend vorhanden zu sein

mikromalist
 
01
17.1.2011, 09:56
Das Ausplündern des Staates durch Regierende

ist weiter verbreitet, als wie uns das wünschen?
(Der Clan-ist-wichtiger-als-das-Individuum ist eine besonders elegante Rechtfertigung, die sich zB im Islam findet).
In pointiert bürokratischen Demokratien wird nur die Verteilung der Beute geschickter organisiert und geschickt verteilte Almosen halten die Massen ruhig.

nichtkaefer
11
16.1.2011, 11:29
"Wer es hier zu etwas bringt, von dem wird erwartet, dass er die Früchte des Erfolgs mit Familie und Verwandten teilt. "

Unglaublich! Wo würden wir hinkommen, wenn das jeder machen würde?

Johann Dau
00
17.1.2011, 10:42

...in tunesische Zustände?

abalada
03
16.1.2011, 20:20

Teilen heißt hier aber nicht etwas von dem eigenen Einkommen abzugeben, sondern die eigenen Beziehungen dazu nutzen, dass die Familie und Verwandten auf lukrative Posten kommen. Ohne dafür ausgebildet oder geeignet zu sein. Oder gar im Extremfall diese Posten nur per forma bekleiden - also nur um auf der Gehaltsliste zu stehen.

Es wird hier also nicht die Früchte des eigenen Erfolges geteilt, sondern nur das Volksvermögen an die eigene Familie und Verwandten verteilt.

Adam Markus
13
16.1.2011, 02:27

Jetzt ist schon wieder etwas anderes Schld am Versagen des Neoliberalismus?

In Nordafrika ist es die afrikanisch-arabische Clanwirtschaft, in Europa der Sozialstaat, in Nordamerika die Kartellbildung der Rüstungskonzerne, in Südostasien der Kommunismus, in Indien die Geburtenrate in Südamerika die arbeitsfaule Mentalität in schwarzafrika der niedrige Bildungsgrad, in Ozeanien die Ressourcenarmut usw...

Ich hätte einen anderen Vorschlag, warum zeigen Sie mir nicht einmal wo der Neoliberalismus zur Zufriedenheit aller funktioniert, anstatt immer etwas enderem die Schuld am Versagen zu geben. Singapur und Chile nach 73 lasse ich übrigens nicht gelten, da für mich faschistische Diktaturen nicht erstrebenswerte Ideale sind.

mikromalist
 
00
17.1.2011, 10:04
Ja, der Denkstopper Neoliberalismus.

Es gibt kein Beispiel, weil es keinen NeoLib nach dem Europäischen Muster gibt (die FDP ist so liberal, wie das Saudi Königshaus katholisch) - er war ja als Gegengift gegen den Monopolkapitalismus gedacht.

Was Sie meinen, ist Thatcherism oder Reagonism, in den USA schlampig neoliberalism genannt.

Hauptsache wir können mit Begriffen herum werfen, bei welchen alle aufhören selbstständig zu denken und zu differenzieren.

Ein Linker,

Adam Markus
00
19.1.2011, 02:41

Dazu fällt mir ein Stichwort ein, Chile nach 73.

Was den Neoliberalismus angeht gibt es mehrere Charakteristika, für mich besonders wichtig ist aber, dass er jede Beziehung der Menschen zueinander und jedes gesellschaftliche Verhältnis auf eine rein monetäre Ebene abbauen möchte. Man will einen Menschen schaffen, der nur für sich lebt und Manager seines Körpers ist, welches sein Kapital darstellt.

mikromalist
 
00
19.1.2011, 09:08
Ich glaube, wir Linken habe ein

philosophisches Problem mit dem Markt.
IMO, Güter existieren nicht, bevor sie nicht als Preis auf einem Markt materialisieren (alle Versuche Preise zu determinieren, oder mit Wahrscheinlichkeit zu prognostizieren, scheitern - strikte Planwirtschaft muss sogar zu Totalitarität führen).
Und der Markt selbst ist kein "Platz" für Austausch, sondern der Austausch selbst.
Und wir sollten uns voll darauf konzentrieren, dass der Markt ein faires Spiel wird (er wird ja dauern manipuliert) UND dass die Erträge fair verteilt werden.
Das erlaubt weder der protektionistische, private Kapitalismus noch der Kapitalismus mit Steuergeld.

Adam Markus
00
20.1.2011, 01:23

Mit Verlaub, das ist nicht links oder zumindest nicht marxistisch.

Was nämlich der Kapitalismus wunderbar beweist ist, dass er eben nicht reformierbar ist, weil durch die erlaubte Kapitalakkumulation früher oder später wieder die Strukturen entstehen die wir gerade haben.

Das Problem mit dem freien Markt ist immer die Verteilung. Ein Großteil der Güter verteilt sich auf sehr wenige und das bedeutet praktisch gesehen Armut für Viele und Reichtum für wenige. Das ist nicht sozial und kann es nie sein.

Die Chancengleichhei zB. von der immer alle Reden gibt es ja auch nicht, Chancen sind nämlich vom Kapital abhängig. Oder glauben Sie, dass der afrikanische Bauer die selben Chancen hat seine Waren zu verkaufen wie der Agrarkonzern?

mikromalist
 
00
20.1.2011, 13:04
Sorry. Sie sind ein Prototyp,

warum diese Thema so schwierig ist. Zeiten und Erkenntnisse ändern sich.
Es ist als, würden sich Quantenphysiker nur auf Newton beziehen.

Aber wir regen uns (zu Recht) heftig über die Rückwärtsgewandtheit der ÖVP auf.

Retrolinke Denksstopper sind so schlimm, wie Konservative.

Protagoras v. Abdera
00
17.1.2011, 11:54
Wie ebschreiben sie den die Konstituierung eines Weltmarkts seit der kapitalistischen "Stagflation"-Krise ab 1973?

Ohne einen Begriff (und sei es nur der des Post-Fordismus) werden Sie nicht auskommen. Man kann an der definitorischen Stichhaltigkeit, an der ungenügenden Abwägung der Verhältnisses "externer" und "interner" (klassenbezogener) Faktoren oder auch an der Reflexion der ideologischen Differenzierungen des Neoliberalismus einiges kritisieren, aber wenn Sie den Begriff gleich ganz in den Mistkübel schmeißen wollen, müssen Sie schon einen besseren anbieten.

mikromalist
 
00
17.1.2011, 12:13
Kapitalismus und freier Markt können

nicht gleichzeitig existieren, weil der Kap den Markt zur Akkumulierung von Kapital ausschalten möchten.
(auch in der keynesianische Falle wird versucht Kapitalismus mit Steuergeld aufzubauen).

How to Fix Capitalism, fragen sich die Konservativen, ahnend es könnte sonst "ungemütlich" werden.
Das neue Trick-Wort heisst "shared value" und natürlich ist die konservative Auslegung Profit/Nonprofit Boundaries sollen verwischen (für noch mehr Kapitalproduktivität).

Aber es gäbe auch einen linken Ansatz zu shared value, dazu müssen aber Märkte befreit und Returns sozialisiert werden. zB durch Steuerbemessung auf alle Erträge und nicht nur Löhne, Grundeinkommen, ...

Protagoras v. Abdera
00
17.1.2011, 12:35
Ich weiß ja nicht, auf welcher Basis Sie die Selbstbezeichnung "Linker" gründen; Ich gehe hier analytisch von Marx aus:

Kapitalistische gesellschaftliche Verhältnisse umfassen nicht nur die Sphäre der Produktion (wo der Mehrwert durch die Eigentümer der Produktionsmittel angeeignet wird), sonder vor allem auch die Sphäre der Distribution (wo der Tauschwert von Waren -verdeckt hinter dem Warenfetisch- realisiert wird). Beides bildet zusammen das Ensemble des Kapitalismus, beides ist miteinander verkoppelt (z.B. über das Lohnverhältnis) daher ist es für mich Unfug, den Begriff der Marktwirtschaft von dem des Kapitalismus abzugrenzen. Eine umständliche setuerliche Umverteilung (Sozialisierung) ersparen Sie sich durch eine Demokratisierung der Wirtschaft: Dann findet einseitige Mehrwertaneignung gar nicht erst statt. P.S.: Was ist nun die Alternative zum Neolib?

mikromalist
 
00
17.1.2011, 13:35
Wir sind im 21. Jhdt.

und die Erkenntnisse aus der Zeit der Industriellen Revolution sind langsam für den Mistkübel.
Deshalb sage ich "Linker" und nicht "Retrolinker"

Retrolinke möchten die Probleme der post-industrueleln Zeit mit den Mitteln gegen die Auswüchse der Industriellen Revolution bekämpfen.

Wie gesagt, Orthogonalisierung von Wirtschaft und Sozialem.
(Keynes UND Friedman in den Papierkorb)

lessismore
00
17.1.2011, 23:16

Es sei denn, "post-industriell" ist nur eine Phase im Krisenzyklus. So schaut's nämlich aus!

Erstversuch
00
18.1.2011, 10:11
Mir gehts hundertmal besser als meinem Vater und dem ist's schon besser gegagne als seinem Vater

Wenn alle Krisen so sind nur her damit.

mikromalist
 
00
18.1.2011, 09:08
Wer so etwas sagt,

weiss nicht ......
Die Automatisierung der Kopfarbeit geht viel schneller als einfältige Phantasien ....
Da ist mir zu seicht, viel Spass.

Dr. Socrates
00
17.1.2011, 09:07
jetzt habe ich den artikel noch einmal gelesen,

alleine: auch beim zweiten mal finde ich nichts über neoliberalismus drinnen.

also gut, es ist offenbar deine interpretation, das interessiert mich: der sturz des tunesischen regimes ist deiner meinung nach ein scheitern des neoliberalismus? warum?

lessismore
00
16.1.2011, 18:21

Damit die Märkte wirklich glatt funktionieren, dürfen Menschen nicht anders kommunizieren als über Preissignale. Alle anderen Beziehungen verursachen Verzerrungen und müssen daher eliminiert werden ... Keine Sorge, wir kommen schon noch dahin!

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