Reise in die gute alte Zeit

14. Jänner 2011, 19:10
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"Rouge et Noir": Eine amüsante Reise durch die Geschichte der ehemaligen "Hölle" im Theater an der Wien

Wien - Als Schreibkraft wird man gerne in Kelleretablissements geschickt oder zu Veranstaltungen, in denen Christoph Wagner-Trenkwitz im Kokosnuss-BH auftritt (South Pacific, Volksoper).
Eine überraschende Überschneidung beider Eventualitäten fand nun im Theater an der Wien statt. Das renommierte Haus am Naschmarkt, so muss man wissen, war ja nicht nur Premierenstätte ernstmusikalischer Heiligtümer wie jener des Fidelio, der Fledermaus oder von Cats.
Nein, es wurde hier auch, zu Kaisers Zeiten und danach, mit viel sprachlichem und erotischem Witz der sogenannten Kleinkunst gehuldigt, unten im Souterrain, in der "Hölle".

Von 1906 bis in die 1930er-Jahre traten dort in einem prachtvollen Jugendstilsaal und und einer weiteren, sündhaft roten, verspiegelten Amüsierkammer Größen wie Hans Moser oder Karl Farkas an und auf, um in Kooperation mit Musiken von Ralph Benatzky und Robert Stolz und Texten von Fritz Grünbaum, Egon Friedell und Alkohol geistreiche Unterhaltung auf höchstem Niveau zu bieten.
Auf diesem geschichts_trächtigen Terrain travestierte Christoph Wagner-Trenkwitz nun also leicht beschürzt und trat zusammen mit den Kräften des Letzten Erfreulichen Operntheaters aus der Ungargasse und dem Klavierquartett Albero Verde zum zweiten Mal eine kurzzeitige Rückreise in die Zeiten der "Hölle" an; die Reiseroute beinhaltet amouröse Balladen, alberne Schattenspiele, sozialkritische Lieder und gut gereimte Dichtkunst.

Stefan Fleischhacker ließ die mit Ilse Werner beerdigt geglaubte Profession des Kunstpfeifens wiederauferstehen (Le Rossignol), Georg Wacks war wahnsinnig schrullig-witzig (die Moderationen, die Übersetzer-Nummer), Christoph Wagner-Trenkwitz wahnsinnig gut und Elena Schreiber ("Niente", "Soirée bei Tannenbaum") ganz eindeutig die Königin der Nacht.

Dennoch: Ein Naheverhältnis zum Pensionsantrittsalter und zwei, drei Gläser Wein werden begleitend zur Konsumation des Programms wärmstens empfohlen. (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. Jänner 2011)

14., 16., 19. 1., Theater an der Wien, 6., Linke Wienzeile 6. 20.00

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