Die Heimkehr in den neuen Süden

14. Jänner 2011, 18:44
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Tausende Südsudanesen, die die vergangenen Jahre im Norden des Landes verbracht haben, kehren nun zurück

Tausende Südsudanesen, die die vergangenen Jahre im Norden des Landes verbracht haben, kehren nun während des Referendums über die Unabhängigkeit des Südens in ihre Heimat zurück. Viele landen in Lagern.

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Der Geländewagen des Gesundheitsministers rast durch die Stadt. Die Sitze seines Fahrzeuges sind mit Schafsfell ausgepolstert, auf der Armatur liegen Weihnachtsgirlanden und eine südsudanesische Fahne. Mit seiner weißen Kappe und dem gutmütigen Gesichtsausdruck erinnert Steven Lar Nyak etwas an Nelson Mandela, wäre da nicht das geladene Maschinengewehr auf dem Beifahrersitz. "Das, und nur das ist der Grund, wieso wir jetzt ein Referendum abhalten können", sagt er und deutet auf die Waffe.

Seit das Referendum im Südsudan begonnen hat, kommt Minister Nyak kaum zur Ruhe. Doch nicht Sicherheits-, sondern medizinische Fragen plagen ihn. Sein Bundesstaat, der an der Grenze zum Nordsudan gelegenen Upper Nile State, ist zur Drehscheibe für die aus dem Nordsudan zurückkehrenden Südsudanesen geworden. Geschätzte 40.000 Menschen sind im vergangenen Monat in der Hauptstadt Malakal angekommen. Zu Schiff entlang des Nils oder auf dem Landweg mittels riesiger mit Möbeln beladenen Lkws.

Die Beweggründe der Ankömmlinge sind unterschiedlich. Manche kommen aus Hoffnung auf ein neues Leben in einem unabhängigen Südsudan, andere sind aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen im Falle eines neuen Krieges geflohen. Doch von "Flüchtlingen" will im Upper Nile State keiner sprechen. "Das sind alles Heimkehrer", sagt der Minister, während er zum provisorischen Auffanglager in Malakals Sportstadion einbiegt. Zwischen zwei Fußballtoren und drei Flutlichttürmen stehen dicht aneinandergereiht rostige Metallbetten und wackelig wirkende Zeltkonstruktionen. Hier finden all jene Zuflucht, die auf dem Weg Richtung Süden steckengeblieben sind oder nicht wissen, wohin sie weiter sollen. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen - die Lagerleitung schätzt die Bewohner auf etwa 2000 Personen.

Lieber im Zelt im Süden

Marsa Pitha ist am 24.Dezember mit ihrer Familie in Malakal angekommen. Nun wartet sie, bis ihr die Behörden ein Stück Land zur Verfügung stellen. "Das Leben hier im Stadion ist hart. Ich bin es nicht gewöhnt, im Freien zu schlafen. Aber ehrlich gesagt lebe ich lieber unter einer Zeltplane im Süden als in einem Haus im Norden", sagt sie, zwei Säuglinge im Arm.

Unterstützt von der Lokalregierung und internationalen Organisationen erhalten die Stadionbewohner Trinkwasser und medizinische Versorgung. "Viele der Rückkehrer waren 30 Jahre im Norden und haben daher überhaupt keine Immunität gegen die vielen hier auftretenden Infektionskrankheiten" erklärt Lydia Geirsdottir von Ärzte ohne Grenzen.

Am Referendum selbst können die meisten Heimkehrer nicht teilnehmen. "Selbst wenn es mir gelungen wäre, mich im Norden für die Abstimmung zu registrieren, hätte ich auch dort wählen müssen. Aber genau davor haben wir ja Angst", beschreibt der 23-jährige Peter Throu die verzwickte Situation. Im Hintergrund ist der Muezzin zu hören. Malakal ist die nördlichste Stadt des Südsudans und stark arabisch geprägt. Davon zeugen auch die im Südsudan sonst nicht vorhandenen Eselskarren, auf denen Nahrungsmittel in das Lager gebracht werden.

"Das Essen hier ist knapp, aber ich bin einfach froh, wieder im Süden zu sein. Nach all den Jahren der Unterdrückung und dem ständigen Gefühl, ein Bürger zweiter Klasse zu sein, wird uns das Referendum endlich in die Freiheit führen", sagt William Wyau. Er sitzt im Schatten eines Lkws und spielt Karten.

Während viele der Heimkehrer einer ungewissen Zukunft entgegenblicken, geht das Referendum auch in Malakal in die Schlussphase. Aufgrund der gemeinsamen Grenze mit dem Nordsudan und dem Ölreichtum der Region hatten viele Beobachter vor einem erneuten Gewaltausbruch gewarnt. Diese Befürchtungen haben sich bis vergangenen Freitag nicht bewahrheitet. "Ich bin überrascht", sagt ein ugandischer Wahlbeobachter vor Ort. "So eine friedliche und gut organisierte Abstimmung habe ich in Afrika noch nie erlebt." (David Kriegleder aus Malakal /DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2011)

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    Ein unterernährtes Kind in Malakal.

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