Verzweifelte Hoffnung für das neue Jahr

14. Jänner 2011, 18:03
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Leider waren die Neujahrsvorsätze, die man dies- und jenseits des Atlantiks gemacht hat, die falschen

Für Europa und die USA war 2010 ein Albtraum. Die Krisen in Irland und Griechenland haben die Tragfähigkeit des Euro infrage gestellt und gezeigt, dass es zu Schuldenausfällen kommen kann. Auf beiden Seiten des Atlantiks ist die Arbeitslosigkeit hartnäckig hoch geblieben - bei etwa zehn Prozent.

Leider waren die Neujahrsvorsätze, die man dies- und jenseits des Atlantiks gemacht hat, die falschen. Als Reaktion auf das Versagen und die Verschwendungssucht des privaten Sektors, der die Krise verursacht hatte, wurden Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor gefordert. Die Konsequenz wird mit großer Sicherheit eine langsamere Erholung und eine noch längere Verzögerung sein, bevor die Arbeitslosigkeit wieder auf ein akzeptables Niveau sinkt.

Um die Wirtschaft anzukurbeln, werden einige Menschen Einschnitte verkraften müssen. Die zunehmend in Schieflage geratene Einkommensverteilung gibt jedoch vor, wer dies sein soll: Rund ein Viertel aller Einkommen in den USA fließt an das oberste ein Prozent, während das Einkommen der meisten Amerikaner heute niedriger ist als vor zwölf Jahren.

Die Banken wollten sich nie zu ihren faulen Krediten bekennen, und jetzt wollen sie die Verluste nicht anerkennen. Zumindest nicht, bis sie sich durch ihre Handelsgewinne und die große Zinsdifferenz zwischen ihren hohen Kreditzinsen und den absolut niedrigen Kreditkosten entsprechend sanieren können. Der Finanzsektor wird die Regierungen dazu drängen, eine vollständige Rückzahlung sicherzustellen, selbst wenn das zu mas- sivem sozialen Verschleiß, hoher Arbeitslosigkeit und großem sozialen Elend führt.

Es gibt ein Leben nach der Umschuldung. Niemand würde das Trauma, das Argentinien 1999-2002 durchgemacht hat, irgendeinem anderen Land wünschen. Doch hat das Land auch in den Jahren vor der Krise - Jahren der IWF-Rettungsprogramme und Sparmaßnahmen - unter hoher Arbeitslosigkeit, hohen Armutsquoten sowie niedrigem und negativem Wachstum gelitten.

Seit der Umschuldung und Währungsentwertung konnte Argentinien mehrere Jahre lang ein außerordentlich schnelles BIP-Wachstum verzeichnen, wobei die jährliche Rate von 2003 bis 2007 bei durchschnittlich knapp neun Prozent lag.

Ebenso war Argentiniens Armutsquote seit dem Höhepunkt der Krise um ungefähr drei Viertel gefallen, und das Land hat die globale Finanzkrise bei weitem besser überstanden als die USA - die Arbeitslosigkeit ist hoch, liegt aber immer noch bei nur rund acht Prozent. Wir können nur mutmaßen, was geschehen wäre, wenn es den Tag der Abrechnung nicht so lange aufgeschoben hätte - oder wenn es versucht hätte, ihn weiter hinauszuzögern.

Dies ist meine Hoffnung für das neue Jahr: Wir hören auf, sogenannten Finanzexperten Gehör zu schenken, die uns in dieses Schlamassel gebracht haben und jetzt nach Sparmaßnahmen rufen, und fangen an, ein wenig unseren gesunden Menschenverstand zu nutzen. Wenn Einschnitte zu verkraften sind, sollten vor allem diejenigen darunter leiden, die für die Krise verantwortlich sind, sowie jene, die am meisten von der Spekulationsblase profitiert haben, die ihr vorausging. ( © Project Syndicate, 2011. Aus dem Englischen von Anke Püttmann; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.1.2011)

JOSEPH E. STIGLITZ ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University und wurde 2001 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

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