Mediengesetz

Facebook-Generation macht mobil

14. Jänner 2011, 17:35

In Budapest war für Freitagabend die erste Großdemonstration gegen Ungarns umstrittenes neues Medienrecht angesetzt - Die Regierung versucht indes weiter zu beschwichtigen

Der 36-jährige Informatiker Róbert Fölkel kommt dieser Tage nicht zu Ruhe. Ausländische Reporter geben sich bei ihm die Türschnalle in die Hand, E-Mails mit tausenden Fragen strömen auf ihn ein, immer wieder summt sein Handy. Fölkel ist einer der Organisatoren des ersten über Facebook organisierten größeren Bürgerprotests in Ungarn. Er und über 70.000 Anhänger der Facebook-Seite "Eine Million für die ungarische Pressefreiheit" verlangen die Rücknahme des umstrittenen neuen Mediengesetzes.

Fast 7000 Menschen meldeten sich über Facebook zu der Kundgebung am Freitagabend vor dem Budapester Parlament an. Unabhängig davon bewertet Fölkel die neue Selbstaktivierung der ungarischen Internetgemeinde als Erfolg. "Unsere Seite hat in nur drei Wochen über 70.000 Anhänger gewonnen - und damit die seit einem halben Jahr existierende Fan-Seite von Ministerpräsident Viktor Orbán mit ihren 60.000 Anhängern überholt", bilanziert er im STANDARD-Gespräch.

Politisch aktiv war Fölkel nach eigener Darstellung noch nie. Als Orbáns rechtsnationaler Bund Junger Demokraten (Fidesz) bei der April-Wahl letzten Jahres die Zweidrittelmehrheit im neuen Parlament errang, habe ihn dies sogar mit gewissen Hoffnungen erfüllt. Obwohl er selbst nicht zur Wahl gegangen sei, "weil es keine ernsthafte Kraft gab, durch die ich meine Anliegen vertreten sah". Dennoch habe er erwartet, dass Orbán, ausgestattet mit einem derartig starken Mandat, "das Land endlich in Ordnung bringt".

Aushöhlung der Demokratie

Stattdessen habe die neue Regierungsmehrheit fast nur Gesetze und Verfassungsänderungen beschlossen, die der Absicherung der Macht und der Aushöhlung der Demokratie dienten. Das Mediengesetz habe für ihn "das Fass zum Überlaufen gebracht", legt Fölkel dar. "Ich fand es empörend, dass man sich da anmaßt, mir das Wort zu verbieten, wenn ich zum Beispiel blogge. Oder dass anderen Menschen, wo immer sie sich äußern, das Wort verboten wird."

So wurde er unversehens zum Internet-Aktivisten, der die Generation Facebook angesichts der drohenden Einschränkung von Grundrechten sensibilisieren will. Doch nicht nur der virtuelle, sondern auch der reale Raum müssten "bespielt" werden. "Wir halten es für wichtig, dass die Menschen auch physisch zeigen, wofür sie stehen." Die Berichterstattung der ausländischen Medien und die aus dem Ausland entgegengebrachte Solidarität würden ihn und seine Gefährten "ermutigen". Er erwähnt auch die in Österreich auf den Weg gebrachte Facebook-Seite "Medien- und Meinungsfreiheit für Ungarn" mit ihren bis jetzt fast 2000 Anhängern, den am Donnerstag in elf österreichischen Tageszeitungen als Gratisanzeige geschalteten Appell und die am Freitag zeitgleich mit dem Budapester Protest angesetzte Kundgebung vor der ungarischen Botschaft in Wien. Der Verband Österreichischer Zeitungen äußerte sich am Freitag "tief besorgt" über die durch das Gesetz mögliche Einschränkung der Pressefreiheit in Ungarn.

Der Regierung Orbán hat der international ausgeweitete Konflikt um das Mediengesetz den Auftakt der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft gehörig vermasselt. Am Donnerstag luden Regierungssprecherin Anna Nagy und die für die Umsetzung zuständige Medienregulierungsbehörde NMHH die in Budapest tätigen ausländischen Journalisten zu einem Presse-Café ein. Im Ton gab man sich sachlich. Kommunikations-Staatssekretär Zoltán Kovács räumte ein, dass man sich durch die Massivität der ausländischen Kritik "völlig überrumpelt" gefühlt habe. Anders als etliche Fidesz-Medien machte er nicht irgendwelche "Verschwörungen" und die dahintersteckende "Wühlarbeit" linker und liberaler ungarischer Intellektueller dafür verantwortlich, sondern die "Eigendynamik" westlicher Medienhypes. NMHH-Vertreter András Koltay sagte, seine Behörde sei nicht darauf aus, politische Meinungsbekundungen zu bestrafen. (Gregor Mayer aus Budapest, DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.1.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 68
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Juwlius1
02
15.1.2011, 17:21
Bei allem Respekt ...

... Herr Fölkel repräsentiert genau das unreife ungarische Demokratieverständnis, das ich in Ungarn ständig erlebe. Zuerst nicht zur Wahl gehen (bei einer drohenden Zweidrittelmehrheit, egal jetzt welcher Partei!), dann klammheimlich auf Veränderungen durch die Fidesz hoffen - und sich erst aufregen, wenns ans eigene Eingemachte geht ... Naja, immerhin.

yomellamo
01
15.1.2011, 11:09
"András Koltay sagte, seine Behörde sei nicht darauf aus, politische Meinungsbekundungen zu bestrafen"

... aber warum hat man dann das Gesetz so konzipiert um genau DAS machen zu können?

Erinnert irgendwie an den mafia-paragraphen in Ö. Da wurde auch beschwichtigt, dass ja nie so heiss gegessen wird wie gekocht... aber jetzt wird im tierschützer-fall mit eben demselben gesetz die hitze voll aufgedreht um ein paar leute zum entgültigen schweigen zu bringen.

Der zweite Prinz
 
54
15.1.2011, 09:17
Ungarn

Ach je, wieder ein objektiver Bericht von Superjournalisten Gregor Mayer.

Alphysiker
22
15.1.2011, 11:01

Und manche sind überrascht dass die ungarn haben Angst von was im westen als "Pressefreiheit" genannt ist.

Sandor Kocsis
01
15.1.2011, 12:39

Umgekehrt: wir sind nach 55 Jahren Pressefreiheit überrascht, wovor Ungarn Angst hat.

Manche EU Länder genießen diese Freiheit bei Weitem längere Zeit als wir.

Nutze den Tag
11
15.1.2011, 08:24
Vielleicht klappts via Facebook

max. 3.000.- staatliche Pension,
Abschaffung der Landesregierungen,
Abschaffung des Bundesrates,
Neugebauer feuern,

sturmy
11
15.1.2011, 07:28
ja, wer hat diesen rechten radikalen Mief so viel Macht gegeben????

J R
32
15.1.2011, 07:14

rofl, die Generation "Datenschutzblödis" im fb-aufruhr.

bern100
11
15.1.2011, 00:03

der Nachteil an der fb Sache ist, dass das System dann die Namen der Gegner kennt?

forastero
12
14.1.2011, 23:33
So schreibt ein deutscher Journalist, der 22 J. in Ungarn lebt:

Offener Brief zum Mediengesetz:

http://www.budapester.hu/index.php... &Itemid=27

globetrottel
13
15.1.2011, 22:54

So schreibt ein deutscher Journalist und Herausgeber, der mit seiner Budapester Zeitung knapp vor dem finanziellen Absturz ist und hofft, mittels Wohlverhalten Richtung Orbáns Regierung diesen Absturz verhindern zuu können (etwa mittels mehr Anzeigenvolumen, höherer Presseförderung o.ä.)

Sandor Kocsis
21
15.1.2011, 12:42

was sagt die Medienbehörde darüber? Weil ausgewogen ist der Artikel nicht wirklich, oder?

marcopolo1971
 
21
15.1.2011, 09:30

der schreibt auch in der "Jungen Freiheit", das ist auch so ein Wichtigtuer

Janosch bacsi
10
15.1.2011, 09:56

Früher war der Jan Mainka aber bei Pester Lloyd.

marcopolo1971
 
02
15.1.2011, 12:21

Und es gibt gute Gründe dafür, dass er das nicht mehr ist.

Janosch bacsi
00
15.1.2011, 14:21

Lassen Sie mich raten: er war zu weit links.

marcopolo1971
 
00
15.1.2011, 17:08

Falsch, er hat die Firma beklaut.

Janosch bacsi
10
16.1.2011, 06:52

Gyurcsany & Co haben das 8 Jahre lang auch gemacht, wenn auch 10.000 mal effizienter. Sie wurden auch fristlos entlassen.

globetrottel
00
16.1.2011, 11:31

Wie genau hat etwa Gyurcsány wen beklaut ? Bitte etwas mehr Information, das ist spannend !

Janosch bacsi
00
16.1.2011, 17:09

Firma = Ungarn und seine Bevölkerung
die Fristlose = Wahlen 2010
Hoffe damit Ihnen geholfen zu haben.

globetrottel
00
16.1.2011, 22:30

Halten Sie mich nicht für blöder als ich bin .

Also : WIE hat Gyurcsány (egal, ob als Einzelperson oder sonstwie) Ungarn und seine Bevölkerung beklaut ?

Irgendetwas in die Gegend prusten ist leicht. Beweisen a bisserl schwieriger.

Sandor Kocsis
00
15.1.2011, 16:07

nö - seine Berichte sind wie die von Mayer: "Mangel an Ausgewogenheit" = Nicht genügend - setzen!

Janosch bacsi
00
16.1.2011, 06:54
Was jetzt?

Dieb oder nicht ausgewogen? Tuts euch entscheiden.

marcopolo1971
 
01
16.1.2011, 10:03

Ein Troll halt.

Janosch bacsi
00
16.1.2011, 17:11

Danke für die präzise, ausgezeichnet intelligente Antwort.

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