ORF so "nicht auf ewig finanzierbar"

14. Jänner 2011, 17:19
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Acht Monate bis zur ORF-Wahl am 9. August - Gegen die größte Fraktion im Stiftungsrat, die SPÖ, geht wenig - Ein taktischer Vorstoß der VP liegt in der Luft - Der schwarze Obermedialrat im ORF, Franz Medwenitsch, zur Lage

"Dein letzter Sauschädel als ORF-General": Das mit der Schweinerei benenannte Neujahrsessen von Raiffeisenboss Christian Konrad bietet stets Anlass für nette Grußworte. Diese Adresse an Alexander Wrabetz wird VP-Chef Josef Pröll nachgesagt.

Knapp acht Monate bis zur Wahl des nächsten ORF-Generals am 9. August. Ein Küniglberg-Kopf gegen die SPÖ mit ihren 15 aus 35 Stiftungsräten ist schwer zu schaffen. Die Sozialdemokraten schwören sich, jedenfalls nach außen, auf die Verlängerung von Alexander Wrabetz ein. Lange setzte sie auf Karl Amon, der gerade Radiodirektor wurde. Die ÖVP will einen Wechsel an der Unternehmensspitze und bringt immer wieder den früheren ORF-General Gerhard Zeiler ins Spiel, der freilich gerade alsBoss der RTL Group verlängert hat.

Ein medienpolitischer oder zumindest medientaktischer Vorstoß der Volkspartei liegt in der Luft. Bei Klubchef und Mediensprecher Karlheinz Kopf schweigt man darüber, noch jedenfalls. Aber was sagt der langjährige Sprecher der zwölf Bürgerlichen im ORF-Stiftungsrat zur Lage?

Namen will Franz Medwenitsch weder nennen noch kommentieren. Auch wenn zwischen den Zeilen einige Sympathie für Zeiler und erwartbare Skepsis gegenüber Wrabetzdurchklingt. Der VP-Mann redet lieber grundsätzlich über die nähere Zukunft des größten österreichischen Medienhauses mit mehr als 900 Millionen Euro Umsatz.

2Schicksalsjahre" stünden der nächsten ORF-Führung ins Haus. Die öffentlich-rechtlichen Sender von Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Italien seien werbefrei oder auf dem Weg dorthin, sich zum allergrößten Teil aus Gebühren und Staatszuschüssen zu finanzieren. Beim ORFmacht die klassische Werbung 2011 noch knapp 24 Prozent der Einnahmen aus. Medwenitsch rechnet da mit weiteren Verschiebungen am Werbemarkt und mit politischem Druck der Privatsender bei der EU-Kommission.

"Grundsatzentscheidungen"

Die nächste ORF-Führung werde daher wichtige "Grundsatzentscheidungen" treffen müssen: Kann der ORF weiterhin ein Best-of-Programm des deutschsprachigen Fernsehens, öffentlich-rechtlich und privat, zeigen und sich leisten? „Bleibt der universelle Anspruch, etwa mit allen großen Serien, Filmpaketen und Sportevents? Ich nehme nicht an, dass das auf immer und ewig finanzierbar ist. Der ORF wird gezwungen sein, sich im dualen System neu und kantiger zu positionieren."

Medwenitsch wirkt nicht, als traute er das der amtierenden Führung zu: Eine „Programmkrise" und „schöngeredete Marktanteilsverluste" befundet er etwa im Fernsehen, Radio und Online funktionierten besser. Wirtschaftlich vermisst Medwenitsch trotz Sparpaketen eine „Modernisierung des Unternehmens" und "effektive Strukturreformen". Stattdessen habe der ORF Reserven aufgebraucht, das Eigenkapital sei von 300 Millionen in 2007 auf weniger als 100 geschrumpft. Eine "visionäre Gesamtstrategie" für den ORF, die auch der Rechnungshof bisher nicht fand, wünscht sich der VP-Mann, der im Brotberuf die Rechte der Musikbranche vertritt.

Die Bestellung der nächsten Geschäftsführung solle ein „Signal des Durchstartens, nicht des Weiterwurstelns" sein. Das sei für die Motivation nach innen und des Selbstbewusstsein des ORF nach außen dringend notwendig. Er empfiehlt eine "Verjüngung" des Direktoriums und jedenfalls Zugänge von außerhalb des ORF. Da meint Medwenitsch wohl nicht jene Ambitionen, die ihm manche auf die ORF-Finanzdirektion nachsagen.

Medwenitsch hofft - trotz konträrer Ausgangslage in der Koalition - auf eine „breite Mehrheit" für das nächste Management im Stiftungsrat: "Aber nicht um den Preis eines billigen Proporzes."

Und wie soll Pröll seine Begrüßung des amtierenden ORF-Chefs fortgesetzt haben? "... oder vielleicht mein letzter Sauschädel als ÖVP-Chef." Wie alle Dialoge bei Konrads Event: streng vertraulich. Und damit ohne Gewähr. (fid, DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.1.2011)

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