Über den Unnutzen von Zäunen

Hanna Silbermayr
14. Jänner 2011, 16:44

Die USA haben gezeigt, wie die Problematik nicht gelöst werden kann, es wäre an der Zeit, dass Europa eigene Wege geht und nach alternativen Lösungen sucht

Man wolle die illegale Migration stoppen, verkündeten die Griechen zu Jahresbeginn voller Elan. Dafür brauche man einen Grenzzaun nach US-amerikanischem Vorbild.1 Oder vielleicht orientiere man sich doch besser an jenen Zäunen, die zwischen Spanien und Marokko stehen. Und vielleicht vorerst doch nicht die gesamte Grenze zur Türkei. Besser nur das kleine Stück Grenzregion nahe Orestiada, das ist am stärksten vom Wanderstrom betroffen. Zurückrudern, um mit den Kritikern nicht allzu sehr in Konflikt zu geraten. Der Zaun soll gebaut werden, Punkt. Auch wenn er nur 12,5 Kilometer lang ist. Denn man wolle ja die illegale Migration stoppen.

Die Ausweglosigkeit, in der Griechenland steckt, lässt sich aus diesem Vorhaben herauslesen. Von der Europäischen Union größtenteils im Stich gelassen, weiß man sich nicht mehr anders zu helfen. Man ist bereit, Maßnahmen zu ergreifen. Maßnahmen, die sich in der Vergangenheit an anderen Orten der Welt als wenig zielführend erwiesen haben. Die Zäune um Ceuta und Melilla, den beiden spanischen Exklaven auf afrikanischem Kontinent, gibt es seit Mitte der 90er. Kein Zweifel, dort wo die Zäune stehen, sinkt die Zahl der illegalen Grenzübertritte. Anderswo aber steigt sie. Die Routen, über welche Menschen versuchen, nach Europa zu gelangen, werden gefährlicher. Wüsten, Flüsse, Meere.

Griechenland und der Zaun

Sie werden überwunden, um das Ziel zu erreichen. In den vergangenen Jahren standen Spanien und Italien im Mittelpunkt des Geschehens. Das harte Durchgreifen von Seiten der Regierungen hat die irreguläre Migration in den Osten getrieben - an die Grenze Griechenlands. Jetzt will das krisengeschüttelte Land also auch seinen Zaun. Logisch, dass man sich bei diesem Vorhaben an der ganz ähnlich gelagerten Situation an der Südgrenze der USA orientiert.

Immerhin ist die Supermacht das Einwanderungsland schlechthin, und dort wird man schon wissen, wie mit solchen Gegebenheiten umgegangen werden soll. Allerdings scheint Griechenland in seiner Verzweiflung das Rundherum zu vergessen: Die USA erließen schon 1986 ein Gesetz, das der irregulären Migration ein Ende bereiten sollte. Eine großangelegte Legalisierung, Sanktionen am Arbeitsmarkt und die verstärkte Grenzsicherung sollten sie stoppen. Das brachte nichts. 

Zahl der Migranten stieg stetig

Zehn Jahre später griff man härter durch. Geld- und Haftstrafen, Massenabschiebungen und Einreiseverbot sollten potentielle Migranten abschrecken. Doch auch dadurch ließ sich das Problem nicht lösen, die Zahl der Migranten in irregulärer Situation in den USA stieg stetig an. Im Jahr 2007 erreichte sie Schätzungen zufolge ganze 11,8 Millionen. Erst 2008 sank die Zahl. Zum ersten Mal. Nicht etwa, weil die von den Vereinigten Staaten angewandten Maßnahmen so gut funktionierten. Nein, schlichtweg wegen der Wirtschaftskrise, meinen Experten.

Auch in Nordamerika verlagerten sich die Migrationsrouten. Von der überschaulichen Grenzstadt Tijuana im Nordwesten Mexikos nach Osten in die unwegsame Wüste von Sonora. Tote. Genauso wie in den europäischen Meeren. Doch nicht nur das. Die USA und die EU verschieben das Problem über ihre Grenzen hinaus. Es wird abgewälzt, an angrenzende Staaten. Nicht nur in Griechenland wird der Ruf nach einem Grenzzaun laut. Auch Mexiko will einen. An der Grenze zu Guatemala. Der Druck von Seiten der Vereinigten Staaten ist groß, Mexiko soll die Migranten
draußen halten. Genauso wie Mauretanien, Marokko, Tunesien, Lybien. Sie sollen als Türsteher für die EU fungieren. Und vielleicht bald auch die Türkei. Auch diese Länder werden in Zukunft ihre Zäune bauen.

Einheitliche Migrationspolitik fehlt

Menschen werden weitergereicht, von einem Staat in den nächsten. Man glaubt, dass diese Menschen das Problem wären. In Wahrheit aber ist das Problem zum guten Teil bei uns zu suchen. Dem vereinten Europa fehlt eine einheitliche Migrationspolitik. Mitgliedsstaaten werden mit
gesamteuropäischen Problematiken allein gelassen. Sie greifen zu unmöglichen Maßnahmen und die EU schaut zu, gibt Verantwortlichkeiten weiter, schottet sich ab. Zäune aber lösen keine Probleme. Das wird Europa genauso lernen müssen wie die Vereinigten Staaten. (Hanna Silbermayr, 14.1.2011)

Hanna Silbermayr ist freie Journalistin und Fotografin.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 111
1 2 3
Zuhaus in der Fremde

"Dein Auto ist ein Japaner
Deine Pizza ist italienisch
Deine Demokratie griechisch
Dein Kaffee brasilianisch
Dein Urlaub türkisch
Deine Zahlen arabisch
Deine Schrift lateinisch
Dein iPod amerikanisch
Dein Vertreter im Stadtrat ein Bosnier
Und dein Nachbar nur ein Ausländer"
(www.humosantifa.blogsport.de)

Kostenfrage

Ich hab mal ein Frage und möchte bitte nur Antworten von Leute, die keine Patchwork-Meinungen sondern fundierte Fach-Kompetenz haben:
Gibt es Untersuchungen dazu, was es kostet, für die Menschen in armen Ländern akzeptable Lebenssituationen vor Ort zu schaffen im Vergleich zu einer monströsen Sicherheitsindustrie die auf unabsehbare Zeit ein ständiger Kostenfaktor sein würde?

.

geld löst jedenfalls nicht alle probleme.
wie lange hat die europäische zivilisation bis zur industrialisierung gebraucht? kann man diese entwicklung per einmaliger überweisung nachholen?

einmalige Überweisung?

hat jemand von einmaliger Überweisung geschrieben (dann zeig mir das), hat jemand von einer Europa vergleichbaren Industrialisierung gesprochen? Wer mitreden will muss erstmal zuhören.

Das kann man wohl schwer in Zahlen fassen. Es gibt ja in den "armen" Ländern unterschiedliche Lebenssituationen, Wirtschaften/wirtschaftliche Beziehungen, etc. und auch die Rohstoffverteilung ist total unterschiedlich. Das einzige, was vielleicht möglich wäre, ist, ein Land in Europa bzw. den durchschnittlichen europäischen Standard mit einem einzigen "armen" Land auf die unterschiedlichen Faktoren zu untersuchen, was aber wohl extrem Komplex wäre... interessant zum Thema ist der "Atlas der Globalisierung", der von LeMonde diplomatique 2009 rausgegeben wurde, da sind auch viele interessante Statistiken drinnen: http://www.monde-diplomatique.de/pm/.atlas3

Es war einmal ein Land, das hieß die DDR,

die Machthabenden haben eine Mauer drumrum gebaut und glaubten sich so sicher vor der ganzen Welt. Und wenn sie nicht gestorben sind ...

Die haben aber etwas grundsätzlich Anderes getan als die

Menschen nicht illegal einwandern lassen.

Einsperren und Aussperren ist nicht das gleiche.

etwas grundsätzlich anderes ...

als ob die nichts aussperren wollten

Einsperren und Aussperren ist nicht das gleiche?

Ich bezweifle es, weil Aussperren wie von selbst ein Einsperren zur Folge hat. Somit ist es nur die andere Seite vom Gleichen. Die andere Seite der Medaille, wie wir in der DDR gesehen haben.

.

in sesshaften gesellschaft ist das ausschließen ein normaler vorgang, gerade zu conditio humana.
im kleinen vollziehen wir das mit jedem mietvertrag durch.
der einschluss hingegen ist nicht der normalfall, er kommt nur dann zum einsatz wenn regelübertretungen geahndet werden. oder ein enttäuschtes volk sich vom acker machen will

normaler Ausschluss

Du bist hiermit ganz normal ausgeschlossen ;-)

einsperren aussperren

als ob die nicht versucht hätten etwas auzusperren

Eine gute Idee von den Griechen!

Bei und würde sich die Donau anbieten - oder der Neusiedlersee!

Über den Unnutzen einer einheitlichen Migrationspolitik.,.

Es ist eine naturgesetzliche Tatsache, dass unser Planet nicht die gesamte Weltbevölkerung mit unserem Lebensstandard versorgen kann. Keine Politik kann die Menge der Ressourcen erhöhen. Die Politik kann nur für die Stärksten und Rücksichtslosesten in Verteilungskämpfen die letzten Reserven erobern - siehe USA und NATO. Die Politik kann auch die Größe der Weltbevölkerung reduzieren. Nicht durch Predigen, nicht durch humane Maßnahmen, nicht durch die Wunschvorstellung einer einheitlichen Migrationspolitik sondern nur durch harte Maßnahmen wie Abschottung mit militärischer Gewalt und Verhungernlassen der Anstürmenden, Kriege und Seuchen. Mit offenen Grenzen würden wir mit untergehen. Das ist die harte Wahrheit und das Ende des Humanismus.

.

das ende und die dialektische tragik des humanismus.

Immernoch nicht begriffen, daß die "Überbevölkerung" die 1. Welt ist, unfähig sich selbst zu ernähren bei viel zuviel Einwohnern pro qkm?

Keine eigenen Rohstoffe, aber arrogant rum asseln. Seit 500 Jahren alles Nützliche auf der Welt zusammen raffen und klauen oder bezahlt jemand Patente für Kartoffeln, Mais, Kaffee, Kakao, Bohnen, Paprika, Tomaten und was sonst noch alles den "Primitiven" geplündert wurde, um es woanders (meist) von Sklaven anbauen zu lassen. Seltsamerweise entstanden zur selben Zeit die ersten Banken und mit dem Gold und Silber aus Übersee begründet sich dann wohl auch der dekadente Reichtum der 1. Welt.
Damals war die Migration der Herrenmenschen legal, einfach nur weil sie bewaffnet war.

Sie erzählen Unsinn.
Die sogenannte erste Welt gehört zu den grössten Nahrungsexporteuren .
'Kann sich nicht selbst ernähren' gilt wohl eher für die Teile der Welt wo sich die Bevölkerung seit Ende des 2ten WK verdreifacht hat.

Nestle und Co, oder was?

Ahm... ja... weil wir sonst nix haben? Übrigens: wer arbeitet denn auf/in den großen Plantagen und Fabriken der Lebensmittelhersteller?

komisch...

... wieso nur behauptet der Club of Rome (Faktor 4) dann das Gegenteil von Ihnen?? Das schon seit vielen Jahrzehnten!

leute wie du sind das ende de shumanismus, so sceint mir. wer das ende des zivilisatorischen umgangs der menschen untereinander herbeischreibt, der wird es auch bekommen.

humanismus funktiooniert nur mit einem eindeutigen breiten bekenntnis. sich freiwillig davon abzuwenden - nun ja. da braucht einen dann nichts mehr zu wundern.

unterm strich heißts wir ODER die. ein alle gemeinsam ist unrealistischt da einer immer verliert. das wären dann wohl wir.

wir oder die?

schwarz oder weiß, leben oder Tod - Sie kennen offenbar nur entweder oder. Bedauernswert! Scuhen Sie mal andere Erfahrungen.

Nun wenn man illegale Einreisen von Wirtschaftsflüchtlingen verhindern will, wird man das auch ganz klar sagen müssen. Weil das hat die EU ja bisher nicht getan und vor allem gibt es keinerlei Konsequenzen für illegale Einreisen, wie z. ein mehrjähriges Aufenthaltsverbot.Wer einreisen will,muss sich an die gesetzlichen Bestimmungen halten. Und was heisst einheitliche Migrationspolitik? Jedes Land hat andere Bedürfnisse .

wenns nicht anders funktioniert wird man die grenzen wohl etwas "gefährlicher" gestalten müssen. zäune, mauern, gräben, militärpatroullien etc. das ist zwar jetzt sicher wieder menschenverachtend (oder liebe grüne?!) aber anders wirds nicht gehen denke ich.

ist zwar teuer, aber immer noch billiger wie die illegalen-welle die immer wieder zu uns schwappt und laufend größer wird.

Grenzen etwas gefährlicher?

Zäune, mauern, gräben, militärpatroullien - woher kennen wir das? Hat's funktioniert? War's nicht menschenverachtend (oder, unliebsamer brauner?!).
Ihre Fantasien sind ein Riesengeschäft für die Sicherheitsindustrie, die Schlepper werden sich den Umweg auch vergelten lassen. Wie lang soll der Zaun werden?

Posting 1 bis 25 von 111
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.