Hartes Brot auf Schuberts Winterreise

14. Jänner 2011, 22:41
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Stiftungen und Stifter, Gegenwart und Gegenwert, Abfahrer und Anleger: Elfriede Jelineks neues Stück "Winterreise" liegt nun in Buchform vor

Wien - "Alle, die glauben, sie wüssten etwas über mich, wissen nichts" , sagte Elfriede Jelinek vor einigen Jahren in einem Interview. Daher mag es erstaunen, dass der Rowohlt Verlag, der Jelineks neuen Theatertext Winterreise heute in die Buchhandlungen bringt (die Uraufführung geht am 3. Februar an den Münchner Kammerspielen über die Bühne, Regie: Johan Simons), im Klappentext eines der "persönlichsten" Werke der Nobelpreisträgerin ankündigt.

Natürlich wissen wir, dass man Klappentexten ebenso wenig vertrauen soll wie dem Wetter oder der Liebe, die Frage aber bleibt, welches Jelinek-Stück, welcher Jelinek-Roman nicht persönlich waren. Viele jedenfalls haben, gerade in Österreich, Jelineks Texte persönlich genommen - auch wegen der Insistenz der Autorin.

Gier und Neid

Dieser Hartnäckigkeit ist Elfriede Jelinek auch in ihrer an Wilhelm Müller und Franz Schubert angelehnten Winterreise treu geblieben. Viele Themen, die sie verhandelt, kommen bekannt vor: Sport-Chauvinismus, Naturzerstörung, Kapitalismus, das Wechselspiel zwischen existentem und verschwiegenem Zeitgeist, sowie Gier und Neid und Missgunst.

Letztere drei werden an den Beispielen Hypo-Alpe-Adria (eine "Hyperbraut" wird für den Bräutigam mit dem Ziel, diesen zu täuschen, geschmückt) und Natascha Kampusch (ein kollektives "Wir" empört sich über ein Kind, das in einen Keller gesperrt war und nach der Flucht an die Öffentlichkeit geht) abgehandelt. "Aber die Zeit dieses Kindes ist stillgestanden. Das soll etwas Besonderes sein?" , heißt es da. Das Vergehen, Stehenbleiben, Verlieren der Zeit zieht sich gleichsam wie ein roter Faden durch die Winterreise.

Schon der Wanderer, der im ersten der acht Teile eingeführt wird, ahnt, dass es "vorbei" ist, dass er "in der Schule des Lebens ein Nichtgenügend bekommen muss" und viele Möglichkeiten unwiederbringlich verloren sind. In den letzten drei - stärkeren - Teilen des Stücks räsoniert dann ein weibliches Ich über seine Mutterbeziehung. Subtil und ironisch ist hier die Verfüg- und Austauschbarkei von Internet-Bekanntschaften mit dem "Netz" , das die Mutter spann und aus dem sich dieses Ich nicht lösen konnte, verknüpft.

Weiters wird ein alzheimerkranker Vater von Mutter und Tochter in die Psychiatrie verbracht (Jelineks Vater starb 1969 in Steinhof), und ganz am Schluss dreht eine "wunderliche Alte" wie bei Schubert den Leierkasten. Viel Kritik, die man gegen dieses Stück vorbringen kann, nimmt Jelinek gleich vorweg: "Immer dasselbe, das muss Ihnen doch selber schon zum Hals heraushängen! Wie halten Sie das nur aus?" und: "Was ist Ihre Sprache überhaupt, was für ein Zeug ist das, alles aus zweiter, dritter Hand!"

Stiftungen und Stifter also, Gegenwart und Gegenwert, Abfahrer, Anleger und Snowboarderliner - und auch Martin Heidegger, der einmal von der "Uneigentlichkeit des Man" schrieb, wird zitiert. Als Leser beißt man mit dieser Winterreise (128 Seiten, € 15,40) hartes Brot.

Wie schon öfter schmeißt einem Jelinek eine Textfläche, ein Wortgewitter vor die Füße, mit dem man - wie der Regisseur - umgehen kann, oder man lässt es eben sein. Ein Rezensent sprach diesbezüglich einmal von der "Kernspaltung von Sinnzusammenhängen" , die sich in diesem Stück auch dadurch ergibt, dass sich die Autorin schon öfter von Schuber-Liedern inspiereren ließ und hier Motive wie den Wanderer (Wer, wenn nicht er) oder die unabgegoltene Vater- und Mutterbeziehung (Die Klavierspielerin, Macht nichts) variiert. Kalt ist es in diesem Text, dahin die Schubert'sche Sentimentalität, keine Musik - weit und breit. (Stefan Gmünder, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. Jänner 2011)

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    "Immer dasselbe, das muss Ihnen doch selber schon zum Hals heraushängen! Wie halten Sie das nur aus?": Elfriede Jelinek.

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