Wellenreiten ganz ohne Wasser

17. Jänner 2011, 17:19
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Vom Versuch, sich in Tunesien für ein paar Minuten auf einem Dromedar zu halten, und dem Traum, bis Timbuktu zu schaukeln - Von Helge Sobik

Dromedare bewegen sich merkwürdig. Es sieht aus, als liefe jedes Körperteil einzeln. Als wollten die Hinterbeine die Vorderbeine überholen, ohne dabei ausreichend zu beschleunigen.

Wüsste man nicht genau, dass es diese Tiere gibt, man würde ihre Existenz bestreiten. Zu kurios sehen sie aus. Zu sehr, als stammten sie nicht von diesem Planeten oder wären die computeranimierte Erfindung eines Filmemachers aus Hollywood, der gerne ein bisschen Gott spielt und Eigenkreationen beiläufig durchs Bild wanken lässt. Was am Rande der südtunesischen Oase Douz ein paar Mal täglich über die Saharadünen schaukelt, ist echt. Riecht streng. Kann markerschütternd grunzen. Kann die Lefzen hochziehen, dass man nicht weiß, ob man angelächelt oder für ein vegetarisches Grundnahrungsmittel gehalten wird und in Kürze zwischen den dicken Zähnen durchgemalmt werden soll. Die unfreundliche Begrüßung gehört dazu. Tatsächlich sind Dromedare friedlich und geduldig. Sie sind widerwillig - oder freundlicher gesagt: eigensinnig. Zumindest die von Douz.

Lebenslängliches Dürsten auf Urlauber

Zusammen mit ihren Besitzern warten sie auf Ausflugsbusse mit Urlaubern von der Küste, wo der Asphalt aufhört und das Geheimnis beginnt. Die Zeit der Salzkarawanen, der wochenlangen Reisen auf unsichtbaren Pfaden von Quelle zu Quelle durch die Tiefen der Sahara, als der Weg erst im Gehen entstand - diese Zeit haben die Dromedare von Douz nicht mehr miterlebt. Und die meisten ihrer Besitzer auch nicht.

Gemeinsam dürsten sie heute lebenslänglich auf Urlauber, die einen zweitägigen Ausflug von den Strandhotels in die Wüste gebucht haben und hier die Chance geboten bekommen, einmal auf dem Rücken eines Dromedars ein paar hundert Meter weit durch die Sahara zu reiten. Einmal zum Wellenreiten im "Bahhr bela mar" . So nennen die Beduinen diese Landschaft: "Meer ohne Wasser" .

Auf sich einzeln fortbewegenden Körperteilen würde man normalerweise nicht reiten. Im Urlaub versucht man es trotzdem. Weil man sieht, wie gut andere das können, die mit Dromedaren aufgewachsen sind. Sie beherrschen die Kunst der permanenten Gewichtsverlagerung, des ewigen Ausgleichs aller Schritte ihres Reittiers perfekt, und eigentlich sieht es gar nicht schwierig aus. Sie haben es geschafft, im Meer ohne Wasser nicht seekrank zu werden.

Unwillensbekundung in hitzeflirrender Luft

Wer ein paar Dinar an einen der Besitzer bezahlt hat, klettert kurz darauf mutig auf den Sattel des kauernden Dromedars, setzt sich so breitbeinig wie möglich hin, klammert sich am Holm - richtig - oder am Hals des Tieres - falsch - und wartet, dass das Wüstenschiff ablegt. Das grunzt so oder so eine schallende Unwillensbekundung in die hitzeflirrende Luft: teils aus eigenem Protest, teils um den Artgenossen zu antworten, die es gerade ebenso vorgemacht haben.

Der Eigner des Tiers baut sich währenddessen vor seinem braven Saharaklepper auf, schnalzt und zischt ein paar Laute, die offenbar Kommandos sind, und der ebenso brave Urlauber antwortet kurz darauf mit einem spitzen Schrei. Das tut er, weil das Ablegemanöver ebenso unvermittelt wie in der Form unerwartet begonnen hat. Das Dromedar erhebt sich mit dem Hinterteil zuerst und befördert seinen Passagier in bedenkliche Schräglage, ehe sich die Vorderbeine entschließen, auch aufzustehen und das Tier wieder in die Waagerechte zu bringen.

Jedes Bein hat seinen eigenen Willen

Geht es endlich vorwärts, hat man den Eindruck, jedes Bein habe einen eigenen Willen, keines würde seine Bewegungen mit einem der anderen abstimmen. Im steten Wechsel scheint das Dromedar an vier Stellen für kurze Momente wegzusacken. Das launige Wüstenschiff schafft es, im Ballerina-Gang Windstärke Zehn zu simulieren.

Unter den Passagieren gibt es den Typus des Klammerers, der in solchen Momenten den Hals des Tieres packt, was aber lautes Grunzen und eine hektische Kopfbewegung zur Folge hat und dem Gleichgewicht nicht förderlich ist. Der reflektiertere Klammerer umfasst mit beiden Händen den Sattelknauf und macht damit instinktiv schon ziemlich viel richtig. Der Typus des Ruderers hat keine Kapazitäten zum Festhalten frei. Er braucht beide Arme als raumgreifende Ausleger, um den eigenen schwankenden Oberkörper auszutarieren.

Die Grundmuster "Klammerer" und "Ruderer" sind nur auf den ersten fünfhundert Metern zu beobachten. Danach verschmelzen beide Bewegungsvarianten bei reduzierter Hektik und heruntergefahrenem Adrenalinspiegel zu einem gemächlichen Schwanken analog zu den Bewegungen des Tieres. In diesen Momenten kann man wahlweise die Zügel selbst in die Hand nehmen oder sie weiter dem Besitzer überlassen, der sein langsam wankendes Dromedar im Schrittempo begleitet.

(Über-)Leben

Die meisten entscheiden sich für Variante zwei, zumal niemand ausschließen kann, dass das treue Höckertier sich anderenfalls eigensinnig zum Marsch auf Timbuktu hinreißen lassen und bei der Verwirklichung dieses Plans kurzzeitig das Tempo so beschleunigen könnte, dass sein Herr nicht mehr hinterherkäme. Man wäre auf sich gestellt - will sagen: auf das Dromedar -, müsste für ungewisse Zeit das volle Gewicht der Sonne auf Nacken und Schultern tragen und würde in fremder Umgebung eine Extremsportart praktizeren müssen, die "(Über-)Leben" heißt. Wenn man die Wahl hat: lieber nicht. Kurzstrecke reicht auch. Eine Stunde, des Dromedars Chef immer in der Nähe, dann wieder zum Bus und zurück zum Strandhotel.

Dabei haben auf dem Rücken eines Dromedars große Träume Platz. Die von endloser Weite, von neuen Herausforderungen, vom Ausbruch aus dem heimischen Alltag. Was mag hinter der Düne am Horizont, wie weit mag es bis zur nächsten Oase sein? Und wäre es nicht doch schön, einfach mal bis Timbuktu zu schaukeln? Allein der Klang: Eben löste er noch Ängste aus, plötzlich hat er etwas.

Auf dem Rückweg fragen viele in der kleinen Touristenkarawane, ob die Herrchen ihnen nicht doch noch die Zügel geben könnten. Nur kurz. Einmal ausprobieren. Sie lächeln, wenn sie sie in den Händen halten, sitzen plötzlich kerzengrade im Sattel. Und hoffen, dass ihr Dromedar doch noch durchbrennt. Mindestens bis hinter die nächste Düne, und wenn es Spaß macht, dann einfach weiter. Bis hinter den Horizont.

Badesaison von Mai bis Oktober

Dromedare bewegen sich merkwürdig. Es sieht aus, als liefe jedes Körperteil einzeln. Als wollten die Hinterbeine die Vorderbeine überholen, ohne dabei genug zu beschleunigen. (Helge Sobik/DER STANDARD/Printausgabe/15.01.2011)

Reiseinformationen:

Die tunesische Mittelmeerküste wird ganzjährig von vielen Reiseveranstaltern angeboten. Badesaison ist von Mai bis Oktober. Im kühleren Winter besonders beliebt sind zwei- bis dreitägige Ausflüge von den Küsten-Ferienhotels aus per Bus oder Geländewagen in die Sahara-Oasen Douz und Tozeur für rd. 150 € einschl. Hotelübernachtung (buchbar vor Ort bei der Reiseleitung).

Wer direkt in die Wüste will: Tunisair (www.tunisair.com) fliegt Tunis dreimal pro Woche nonstop von Wien an (Tickets rd. 220 €). Gut einstündiger Weiterflug mit der Inlandsfluggesellschaft Sevenair (www.sevenair.com.tn) in die Oasenstadt Tozeur rd. 56 € pro Strecke.

Am Ortsrand der Oasen Douz und Tozeur bieten Einheimische Ausritte auf ihren Dromedaren an - manchmal 15 Minuten, meist eine Stunde in die Dünen und wieder zurück. Der Preis ist Verhandlungssache und liegt für Kurzausflüge bei drei bis fünf, für längere Touren bei et-wa 10 Euro. Beim Feilschen um den Preis muss klar festgelegt werden, für welche Dauer er gilt.

Die Dromedare sind wechselnde Reiter gewöhnt und meist friedlich. Manche der Tiere tragen zur Sicherheit Maulkorb. Keine kurzen Hosen oder gar Röcke, weil Fell oder Satteldecke an den Beinen scheuern können. In der Wüste ist es im Winter morgens und abends empfindlich kalt.

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    Die Dromedare sind wechselnde Reiter gewöhnt und meist friedlich.

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